TV-Kritik: Es kommentiert Andy Ähgli

Seit Andy Egli beim SF entlassen worden ist, kommentiert er bei 3+ Uefa-Spiele. Eine Matchanalyse.

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Hatte Peter von Matt am Ende doch recht? Erleben wir einen «Dialektwahn»? Auf 3+ zumindest werden die Fussballspiele der Uefa Europa League auf Schweizerdeutsch kommentiert. Das ist für SF-Zuschauer ungewohnt. Aber auch eine Chance. Mundart signalisiert Zugehörigkeit, ein Gefühl, das der Fussballfan schätzt. Und auch um eine «schleichende Provinzialisierung» braucht sich niemand zu sorgen. Provinzieller als ein Spiel zwischen YB und Odense, so wie gestern, gehts sowieso nicht.

Doch keine linguistischen Überlegungen dürften für das Kommentarkonzept verantwortlich sein. Sondern der Ko-Kommentator, der nicht aus dem journalistischen Bereich kommt, Ex-Fussballer Andy Egli. (Wir erinnern uns: Egli musste im Sommer beim Staatsfernsehen seinen Posten als Pausenexperte für Raphael Wicky räumen.) Verlangte Egli beim SF zu viel Geld? Waren seine Analysen zu unscharf? Hat er sich mit Gilbert Gress überworfen? Egli-Fans und -Feinde überboten sich damals mit Vermutungen.

Südamerikanische Tendenzen

Das alles spielt keine Rolle mehr. Egli ist jetzt für die Konkurrenz tätig, wo sein Compagnon im Stadion jeweils der Printjournalist Walter De Gregorio ist. Beide keine TV-Profis also, was sich prompt in einem Reigen von «ähs» niederschlägt. «Andy, da sind äh die Dänen, die äh spielen in einem äh klassischen 4-4-2 System.» – «Ja, äh bin gespannt ob äh YB damit äh klarkommt.» Weiter auffallend ist, dass Egli nicht wie ein klassischer Ko-Kommentator sporadisch zum Zug kommt. Stattdessen plaudert er munter drauflos, bei einem Mikrofonbesitzverhältnis von 50:50. In Minuten ausgedrückt: 45:45, denn die beiden kommentieren in südamerikanischer Manier nonstop durch.

Das verrät Fussballleidenschaft – nicht die schlechteste Voraussetzung für den Job. Allerdings finden dadurch allerlei spielferne Anekdoten den Weg in den Kommentar. So schaffte man es, Emilio Butragueno zu würdigen (der ist Spanier und schoss in den 80ern an der WM in Mexiko gegen Dänemark ein paar Tore). Auch die dänische Tennisspielerin Caroline Wozniacki respektive deren Nachname wurde zum Thema gemacht. Andy Egli unterrichtete uns ausserdem, dass Norweger als Wikinger gelten. Ob soviel - vom Journalisten-Handbuch zwar verbotener, aber durchaus unterhaltsamer - Detailverliebtheit verpassten die beiden dann prompt einen Penalty.

Wie zwei Rentner

De Gregorio betont gern, dass er «die Möglichkeit gehabt hat, vor dem Match» mit Insidern zu sprechen. Gestern mit Mats Gren oder mit dem Vater von YB-Spieler Costanzo. Derweil wartet Egli mit Sätzen auf, deren Tonfall Dramatisches vermuten lässt, die jedoch so relevant sind, wie eine Spieler-Auswechslung in der 93. Minute. Den Satz «Im Jahr 2002 war er schon einmal Trainer von Odense» wirft Egli einem gleich enthusiastisch an den Kopf, wie es ein spanischer Moderator mit «Barcelona ist Champions League-Sieger!!!» tut.

Klingt so Fussballkommentar, wenn man ihn sprechen darf, wie einem der Mundartschnabel gewachsen ist? Oder ist es der Charme der TV-Laien? Jedenfalls macht sich nach anfänglicher Irritation ein wohliges Gefühl bemerkbar, wie wenn man mit Freunden in einer Fussballrunde sitzt (tatsächlich duzen De Gregorio und Egli ihre Zuschauer). Oder als ob man zwei Rentnern zuhört, die auf den Stadionrängen ein Spiel kommentieren. «Chömmed jetzt», «Bravo», «Oioioi», «Ohalätz», «Heieiei» oder auch einmal ein hämisches Lachen ob des eigenes Witzes war gestern im Minutentakt zu vernehmen.

Das alles passt bestens zur gemütlichen Irrelevanz der Uefa Europa League. Doch was wenn die beiden Quassler einen Champions-League-Final kommentieren dürften – würden Sie einschalten? Wie finden Sie Andy Egli als Kommentator? Und wer bevorzugt Fussball-Kommentar auf Hochdeutsch respektive Schweizerdeutsch? Meinungen bitte unten eintragen. (baz.ch/Newsnet)

Erstellt: 22.10.2010, 10:08 Uhr

Vom Staatsfernsehen in die Privatwirtschaft: Fussball-Experte Andy Egli. (Bild: Keystone )

Möglichkeiten vor dem Match: Walter De Gregorio.

Artikel zum Thema

«Das war kein Abseits oder so»

Patrick Schmid ist neuer SF-Kommentator für Fussball-Länderspiele. Wir haben die ersten WM-Einsätze des 28-Jährigen unter die Lupe genommen. Mehr...

Dossiers

Service

Agenda

Alle Events im Überblick.

Kommentare

Die Welt in Bildern

Trigger für Höhenangst: Ein Besucher der Aussichtsplattform des King Power Mahanakhon Gebäudes in Bankok City posiert fürs Familienalbum auf 314 Meter über Boden. (16. November 2018)
(Bild: Narong Sangnak/EPA) Mehr...