Wunderbare Jahre

Teenager wurden als Zielgruppe im Fernsehen lange Zeit nicht sehr ernst genommen. Nun behebt Netflix diesen Mangel mit anspruchsvollen Jugendserien.

«Tote Mädchen lügen nicht» ist eine von vielen Teenager-Filmen und -Serien, die Netflix zuletzt produziert hat: Trailer zur ersten Staffel.


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Die Stimme aus dem Jenseits kommt von einem Medium aus der Vergangenheit: einer Musikkassette. «Hey. Hier ist Hannah, Hannah Baker». Der Schüler Clay Jensen muss erst einen Walkman auftreiben, um die Kassetten abzuspielen, die vor seiner Haustür lagen. Das wäre noch nicht so kompliziert – doch Hannah Baker ist tot. Sie hat sich kurz zuvor umgebracht. Auf 13 Kassettenseiten lebt sie weiter und richtet sich an die 13 Menschen, die mit ihrem Suizid zu tun haben.

Der Roman «13 Reasons Why» («Tote Mädchen lügen nicht») von Jay Asher stand nach seiner Veröffentlichung 2007 länger als ein Jahr auf der Bestsellerliste der New York Times. Zehn Jahre später hat Netflix ihn in einer Serie verfilmt, mit Oscar-Preisträger Tom McCarthy («Spotlight») als Regisseur und Schauspielerin und Sängerin Selena Gomez als Produzentin.

«Tote Mädchen lügen nicht» ist eine von vielen Teenager-Filmen und -Serien, die Netflix zuletzt produziert hat. Das fällt auch deshalb auf, weil lange Zeit nur Kinder ihre festen TV-Nischen hatten: eigene Sender, eigene Slots im Programm, eigene Rubriken auf Amazon Video, Sky und Maxdome und Netflix. Klar, Teenie-Serien gab es natürlich immer, «Beverly Hills 90210» zum Beispiel lief zehn Jahre lang, «Dawson's Creek» fünf; feste Sendeplätze oder Sender, oder einfach nur anspruchsvollere Unterhaltung für diese Altersgruppe gab es aber kaum.

Mobbing, Stalking, sexuelle Belästigung

Bei Netflix gibt es zwar noch keine eigene Rubrik für Teenager, doch der Streaming-Dienst liefert immer mehr eigenproduzierte Serien und Filme für junge Menschen, die sie und ihre Probleme auch tatsächlich ernst nehmen. Seit Januar erscheint wöchentlich eine neue Folge der Highschool-Serie «Riverdale», die auf den Charakteren der «Archie»-Comicreihe basiert und Intrigen und Machtspiele in der Schule und in der Twin-Peaks-artigen Kleinstadt Riverdale beleuchtet.

Intrigen und Machtspiele: Trailer zu «Riverdale».

Ausserdem kündigte Netflix die Serie «Atypical» über einen autistischen 18-Jährigen und den Film «Death Note» an, eine Manga-Verfilmung über einen Highschool-Schüler, der ein Notizbuch findet. Alle Personen, deren Namen er in das Buch schreibt, sterben.

Die neuen Produktionen von Netflix behandeln die Probleme von Teenagern, Berufswünsche und den ersten Kuss genauso wie Streit mit den Eltern. Themen wie Mobbing, Stalking, sexuelle Belästigung und Gewalt kommen vor, sogar Suizid bei Jugendlichen. Ihre Welt ist heute komplexer als noch vor zehn Jahren, weil Beliebtheit nicht mehr nur in Geburtstagsparty-Gästen, sondern auch in Instagram-Followern gemessen wird.

Anbieter bemühen sich früher um ihr Publikum von morgen.

Dass die Streaming-Dienste so zielsicher Teenie-Themen erkennen, wird deren Entfremdung vom klassischen TV vermutlich noch verstärken. Aus jedem Teenager wird einmal ein erwachsener Zuschauer – oder Abonnent. Die neue Fernsehwelt zwingt alle Anbieter, sich schon früher um ihr Publikum von morgen zu bemühen.

Auch «Tote Mädchen lügen nicht» zeigt wie viele der neuen Produktionen ein diverseres Weltbild als klassische Teenager-Serien, auch weil es um eines der grössten Tabuthemen geht, den Selbstmord eines Mädchens. Auch um Themen wie Homosexualität geht es in den neuen Serien.

Vielleicht hat Netflix bald genug Stoff für eine eigene Teenager-Rubrik. «Frauen, die aufs Ganze gehen» und «Filme nach Buchvorlage» haben bereits eine. (Süddeutsche Zeitung)

Erstellt: 10.04.2017, 09:57 Uhr

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