«Das ist die völlig falsche Frage»

Jonas Projer verteidigt die «Arena» gegen Kritik – und zeigt dabei Tricks seiner Gäste.

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Anton Schaller fordert, das Aufeinanderprallen von Politikern in der «Arena» einzustellen. Stattdessen sollen sie isoliert Statements vortragen, die danach von Faktencheckern überprüft werden. Was halten Sie davon?
Das ist nicht umsetzbar. Wie sollen die Faktenchecker innerhalb der Sendezeit die nötigen Fakten zusammentragen? Zumal an einem Freitagabend, wenn die kompetenten Bundesämter und Experten nicht erreichbar sind? Ausserdem laden wir schon jetzt immer wieder Experten ein, die sich per Knopfdruck einschalten und die Politiker korrigieren können.

Warum installieren Sie die Experten nicht permanent?
Weil bei gewissen Vorlagen bereits die Politiker sehr technisch argumentieren, etwa bei der USR III. Für den Zuschauer bringt es nichts, wenn da ein Experte dazukommt, der noch stärker in die Details geht. Ganz anders ist es bei sehr emotionalen Sendungen, in denen Experten eine hitzige Diskussion mit Fakten erden können. Bei einer Sendung über Zuwanderungsfragen ist eine besonnene Rechtsexpertin viel wert.

«Vor der Kamera macht keiner Kompromisse. Aber für die Meinungsbildung braucht es die öffentliche Auseinandersetzung trotzdem.»

Was bringt die direkte Konfrontation von Politikern?
Die direkte Konfrontation ist wichtiger denn je. Denn es gibt heute das Problem der Filterblase – dass sich viele im digitalen Leben nur noch mit ähnlich denkenden Leuten umgeben und deshalb nur noch ähnliche Meinungen hören. Ganz anders bei der «Arena»: Hier hören die Zuschauer auch Meinungen, die ihnen überhaupt nicht entsprechen, die sie ärgern, die sie herausfordern.

Ein konstruktives Gespräch ist allerdings faktisch ausgeschlossen.
Stimmt, wenn unterschiedliche Interessen aufeinanderprallen, ist das oft so. Sobald die Kamera läuft, rückt keiner ein Iota von seiner Position ab. Wieso sollte er? Der tatsächliche Adressat der Äusserungen ist sowieso nicht das Gegenüber, sondern die Kamera. Kompromisse werden dann anderswo ausgehandelt, in der entsprechenden Kommission oder in einer Beiz in Bern. Vor der Kamera macht keiner Kompromisse. Aber für die Meinungsbildung braucht es die öffentliche Auseinandersetzung trotzdem.

Brauchen Sie die Clashes nicht auch wegen der Quote? Das Duell Blocher versus Bodenmann hat die «Arena» berühmt gemacht und im kollektiven Gedächtnis verankert.
Schauen Sie, die Kritik an der «Arena» fiel schon immer in eine von zwei Kategorien: Entweder bolzen wir zu sehr Quote, oder wir sind zu langweilig. Meine Haltung ist klar: Natürlich versuchen wir, eine überraschende, spannende Sendung zu machen. Aber im Zweifelsfall ist der Inhalt wichtiger. Mein einziger inhaltlicher Entscheid, seit ich die «Arena» leite, war dieser: dass wir über jede, und zwar wirklich jede Vorlage eine «Abstimmungs-Arena» realisieren. Auch über sehr technische Vorlagen wie die Präimplantationsdiagnostik oder die Nahrungsmittelspekulation. Für solche Sendungen nehmen wir dann auch mal tiefe Zahlen in Kauf. Erfreulicherweise kommt es aber meistens anders: Die Quote der «Arena» hat im letzten Jahr sogar leicht zugelegt.

Manche Politiker wenden gezielt destruktive Methoden an, um den Gegner schlecht aussehen zu lassen. Im österreichischen Wahlkampf praktizierte das etwa Norbert Hofer ausgiebig. Wie häufig kommt sowas in der «Arena» vor?
Das ist die völlig falsche Frage, Herr Schöpfer! Diese Frage zeigt ganz klar, dass Sie für ein linkes Blatt arbeiten. Viel wichtiger ist, dass man mich wählen soll, weil… und so weiter. Im Ernst: Natürlich gibt es diese Methoden. Und ich vermute, dass sie sich in den letzten zwanzig Jahren immer mehr verbreitet haben. Weil Kommunikationsberater mehr Einfluss haben – und weil die Politiker ihre Auftritte in den Talks der Regionalsender perfektionieren, bevor sie erstmals in der «Arena» auftreten.

Wo haben Sie eigentlich Ihren schneidigen Moderationsstil her?
Schneidig, wirklich? Ich habe mir keinen bestimmten Stil angeeignet. Aber was ich Ihnen sagen kann: Ich weiss, dass ich es mit Politikern zu tun habe, die alle vom Volk gewählt worden sind. Davor habe ich grossen Respekt, und den vergesse ich nie. Aber ich weiss zugleich, dass ich die Aufgabe habe, das Gespräch zu führen und wenn nötig auch mal durchzugreifen. Jeder Gast kämpft in der «Arena» für sich – ich als Moderator schaue dafür, dass auch der Zuschauer auf seine Rechnung kommt.

Welche anderen Polit-Talkshows bewundern Sie?
Ich schaue natürlich den «Club» und «Schawinski». Roger und die «Club»-Kollegen haben ihre Büros gleich nebenan, wir tauschen uns regelmässig aus, was mich oft weiterbringt. Und dann gibt es auch viele Talks im Ausland, die ich gerne verfolge, vor allem eine deutsche und eine französische Sendung. Aber ich werde den Teufel tun und Ihnen hier den Steilpass liefern für einen Direktvergleich mit den brillantesten Talkern der Nachbarländer! (lacht)

Wie beurteilen Sie den «Sonntalk», den ihr Vorgänger Reto Brennwald als ebenbürtig bezeichnet hat?
Diese Meinung sei Reto Brennwald unbenommen, und ich schätze Markus Gilli als tollen Moderator. Auf eine Kritik der Sendung verzichte ich lieber. Die Unterschiede zur «Arena» scheinen mir offensichtlich.

Sie haben in der «Arena» viel experimentiert, zuletzt Bendrit Bajra und Gülsha Adilji eingeladen und Facebook und Snapchat getestet. Hat es sich gelohnt?
Ob wir diesen Versuch weiterführen, wissen wir noch nicht. Aber er hat sich nur schon deswegen gelohnt, weil wir damit Routinen aufgebrochen haben. Politischer Talk ist stets gefährdet, zum Ritual zu werden: Parolen, ein bisschen gespielte Empörung, dem Kontrahenten ein paar Schlötterlig anhängen, fertig. Das müssen wir verhindern.

Welche Experimente sind gescheitert?
Einmal vor den Wahlen wollte ich die Parteien dazu bringen, sich mit den jeweils anderen Positionen auseinanderzusetzen. Deshalb liessen wir jeweils eine Partei in den Ausstand treten, die anderen sollten dann über deren Politik diskutieren. Das hat leider nicht geklappt: Jeder sprach trotzdem nur über die eigene Politik. Der «Blick» hat die Sendung dann zu Recht verrissen.

Sie sind selber viel auf Twitter, No-Billag-Fans stürzen sich auf Sie. Mal ehrlich: So was macht doch keinen Spass.
Wir alle in der «Arena»-Redaktion chrampfen, ich selber bin oft zwölf Stunden im Büro. Wenn dann jemand einfach mal frustriert dahertwittert, dann macht das tatsächlich keinen Spass. Aber grundsätzlich finde ich den Kontakt zum Publikum grossartig. Diese Überzeugung spiegelt sich auch in der Sendung, die wir dialogischer gestalten als je zuvor: Jeden Mittwochabend nach der «Tagesschau» und «10 vor 10» suchen wir direkt am Sender Zuschauerinnen und Zuschauer, die am Freitag mitdiskutieren wollen. Unterm Strich ist der Austausch mit den Zuschauern ein echter Gewinn.

«Politischer Talk ist stets gefährdet, zum Ritual zu werden: Parolen, ein bisschen gespielte Empörung, dem Kontrahenten ein paar Schlötterlig anhängen.»

Sind Sie nicht ein wenig neidisch auf Filippo Leutenegger, der einfach nur Fernsehen machen konnte – ohne Internet und SRG-Debatte?
(lacht) Habe ich mir noch nie überlegt. Aber nein, ich bin sehr froh, dass ich die «Arena» heute moderieren darf, in dieser komplizierten Zeit.

Sie kultivieren das Bild des strikt neutralen Moderators. In welchen Momenten müssen Sie aufpassen, dass Ihre Meinung nicht einfliesst?
Das war noch nie ein Problem. Ich vertiefe mich dermassen in die Themen, dass ich sowohl die Pro- als auch Kontra-Argumente in- und auswendig kenne. Ich könnte Sie jetzt von der USR III zu überzeugen versuchen, ich könnte aber auch genauso gut für deren Ablehnung argumentieren; ich verstehe jede Seite. Und nicht zu vergessen: Diese Sendung wird von einem ganzen Team gemacht. Wenn wir in der Redaktion mal einer Meinung sind, suchen wir schleunigst nach Leuten, die die Sache anders sehen. Wir wollen bei so gut wie allen Themen neutral bleiben.

Was wären die Ausnahmen?
Bei einer Sendung über Folter beispielsweise müsste ich Position beziehen. Da könnte ich es mit meiner persönlichen Überzeugung nicht vereinbaren, Pro und Kontra gleich zu gewichten. Die internationalen Entwicklungen zeigen, dass solche Fragen leider nicht mehr rein theoretisch sind... Geht es um Rechtsstaat und Demokratie, müssen wir alle Farbe bekennen.

Gibt es auch einen ideologischen Rahmen, den Sie nicht verlassen wollen? Merkwürdig war etwa, als Sie jüngst die Juso-Präsidentin in der Jugend-«Arena» mehrmals rabiat ermahnten, nicht schon wieder mit ihrer Kapitalismuskritik anzufangen. Für eine Juso ist es aber nun mal so, dass die meisten Probleme auf einen übertriebenen Kapitalismus zurückgeführt werden müssen.
Das hatte nichts mit meinen ideologischen Grenzen zu tun, das war ein Moderationsfehler. Als Moderator treffe ich in der «Arena» in Halbsekunden Entscheidungen, und damit unweigerlich auch Fehleinschätzungen. Dieser Eingriff gehörte dazu. Ich ärgerte mich situativ über die immer wiederkehrende Parole, dabei steckte darin ein zulässiges Kernargument.

Haben Sie den idealen Sendeplatz?
Wir können uns nicht beklagen! Diesen Sommer werden wir erstmals eine Zusatz-«Arena» am Sonntag realisieren. Geplant sind drei oder vier solche Sonntags-«Arenen» auf dem früheren Sendeplatz von «Giacobbo/Müller» respektive «Aeschbacher». Und natürlich werden wir auch da wieder etwas Neues ausprobieren. Das begeistert mich. Besonders, wenn wir damit Leute erreichen, die sonst nicht mit Politik in Berührung kämen. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 03.02.2017, 11:14 Uhr

Jonas Projer ist Moderator der «Arena» sowie Leiter von deren Redaktion. (Bild: Keystone )

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