«Das ist doch bloss noch pitoyabel»

Medienmacher Roger Schawinski über Billag, No Billag, Gos und No-Gos.

«Auf pubertäre Weise kaputtgemacht.» Die No-Billag-Initiative sei eine Bieridee libertärer Jungspunde, sagt Publizist Roger Schawinski.

«Auf pubertäre Weise kaputtgemacht.» Die No-Billag-Initiative sei eine Bieridee libertärer Jungspunde, sagt Publizist Roger Schawinski. Bild: Keystone

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BaZ: Roger Schawinski, wer sind Sie?
Roger Schawinski: Ich bin der, der sich jetzt offenbar berufen fühlt, in einer Situation eine Rolle zu spielen, die ich mir nie vorgestellt habe. Nämlich dafür besorgt zu sein, dass ein wichtiger Teil unseres medialen Systems nicht auf eine weitgehend pubertäre Art und Weise kaputtgemacht wird.

Was meinen Sie mit pubertär?
No Billag war eine Bieridee einer Gruppe libertärer Jungspunde von SVP und FDP. Sie tranken Bier und wahrscheinlich ein paar zu viel und hatten diese Idee von der Abschaffung der Gebühren. Viel später hat die SVP Blut geleckt und festgestellt, dass die Biertrinker auf politisches Gold gestossen sind. Die SVP selbst hatte die Abschaffung der Gebühren nicht im Programm.

Weil sie das auch nicht beabsichtigte.
Weil sie so fixiert war auf die Überfremdung und die EU und gar nicht über ihren eigenen Tellerrand schauen konnte.

Das stimmt so nicht.
Geben Sie die Antworten oder ich?

Es stimmt nicht, weil die SVP die No-Billag-Initianten noch darauf hingewiesen hat, die Initiative nicht so extrem zu formulieren.
Genützt hat es nichts. Aber als sie bemerkt haben, dass die Initiative Erfolg haben könnte, und weil sie Opportunisten sind, sind sie im Gefühl aufgesprungen, man könne da Kapital herausschlagen. Auch wenn No Billag abgelehnt wird, aber mehr als gute 40 Prozent macht, wird die SVP mit einer 200-Franken-Initiative aufwarten, da bin ich mir sicher.

Fakt ist, dass aus dieser Bieridee etwas geworden ist, das laut Umfragen zwischenzeitlich von 50 Prozent der Bevölkerung, jetzt noch von über 40 Prozent als gute Sache betrachtet wird.
Punkt 1: Es gibt diese rechtspopulistischen und libertären Strömungen, deren Verfechter der SRG gegenüber feindlich eingestellt sind. Punkt 2: Direkte Demokratie und Abstimmungen über Gebühren sind eine heikle Konstellation. Das konnte man schon bei der Vignetten-Abstimmung beobachten. Da hätten ja nur jene, die die Autobahn tatsächlich benutzen, 100 Franken bezahlen sollen. Sie ist trotzdem klar abgelehnt worden. Deswegen kann man sich fragen, ob eine direkte Demokratie solchen Herausforderungen überhaupt noch gewachsen ist. Wenn wir etwa abstimmen müssten, ob wir jedem Bauern 2000 Franken jährlich bezahlen sollen, was wir über Steuern ja tun, dann wärs das wohl mit den Bauern.

Sie finden, das Volk sollte nicht mehr über Gebühren abstimmen dürfen, weil es zu dumm ist?
Ein öffentlich-rechtliches Fernsehen ist eine zivilisatorische Leistung. Es erbringt ein Angebot, das private Sender nie erbringen könnten. Darum sollte ein öffentlich-rechtlicher Sender auf dieselbe Art und Weise geschützt werden wie etwa ein Schauspiel- oder ein Opernhaus. Und dies bestmöglich in einem dualen System im Zusammenspiel mit privaten Sendern.

Sollen wir also die SRG, etwa wie die Landwirtschaft, subventionieren?
Wenn die SRG über Steuern bezahlt würde, würden wegen der Progression nicht alle gleich viel bezahlen. Bei Gebühren jedoch, die von allen zu gleichen Teilen bezahlt werden, ist ein Aufschrei programmiert. Da rufen die Leute aus, dass jene, die nur AHV haben, gleich viel bezahlen müssen wie der Multimilliardär Christoph Blocher und dass das doch ungerecht sei. Würde die SRG aus den Steuern alimentiert, sähe das anders aus.

Wollen Sie die Schweizer entmündigen, indem Sie ihnen vorwerfen, sie könnten die Dinge nicht mehr selber beurteilen? Das Volk hat schon über weit komplexere Themen abgestimmt, über die Landwirtschaft, die Krankenkassen.
Die Krankenkasse ist auch eine jener Errungenschaften, die auf Solidarität beruhen. Ich kann mir vorstellen, dass irgendwann auch hier Schluss ist mit Solidarität, wenn die Prämien immer weiter steigen. Es wird langsam unerträglich. Wir müssen uns wirklich überlegen, wie wir unsere Institutionen schützen können, damit wir sie nicht durch russisches Roulette oder Animositäten … Haben Sie mein Buch gelesen?

Ja.
Also, da schreibe ich ja davon, dass ein paar Menschen die Initiative dazu missbrauchen, der SRG einen Denkzettel zu verpassen. Ich rede von Intellektuellen, denen die SRG zu ländlich ist, und von SVPlern, die sie zu links finden.

Sie reden jetzt vom politischen Establishment. Das erklärt aber nicht die hohe gesellschaftliche Akzeptanz von No Billag.
Ich rede etwa vom Bauernverband, der gegen No Billag ist. Und er steht der SVP nahe. Die Bauern fragen sich nun: Hören wir auf die SVP oder auf den Verband? Fakt ist, wir brauchen ein Schweizer Fernsehen, den Wetterbericht, von mir aus auch die Landfrauenküche. Die SRG abschaffen ist die zehn Mal schlimmere Medizin als die Krankheit. Initiant Oliver Kessler liess lange verlauten, dass er auch nicht wissen könne, was geschähe, wenn No Billag angenommen würde, weil er keine Kristallkugel besitze. Ich finde das unverantwortlich. Und dann kam er mit einem Plan B, der Bundessubventionen enthält, obwohl das gemäss seinem Initiativtext ausdrücklich verboten ist. Das ist doch bloss noch pitoyabel.

Sie sagen, das Schweizer Fernsehen sei ein schützens- und erhaltenswertes. Ist es auch ein gutes?
Jawohl, ich finde es an sich gut. Wenn ich SRG-Programmdirektor wäre, könnte sogar ich keine grosse Revolution lostreten. Grundsätzlich hätte die SRG in den letzten Jahren innovativer sein sollen und etwas weniger vorsichtig. Auf der andern Seite gibt es Sendungen wie «SRF bi de Lüt», über die man natürlich geteilter Meinung sein kann. Aber diese Sendungen haben eine Mörderquote, also produziert man sie weiter.

In Ihrem Buch ist viel die Rede von verkrusteten Strukturen, Machtverhältnissen, Protektionismus und so weiter. Weniger wird die Qualität der SRG thematisiert, aber gerade die Qualität könnte doch ein Faktor sein, der die Leute dazu bringt, ernsthaft zu überlegen, der SRG das Geld zu entziehen?
Da bin ich anderer Meinung. Gemäss Umfragen wird das Angebot von Radio und Fernsehen der SRG immer noch positiv beurteilt. Vor diesem Hintergrund ist es eher überraschend, dass solch extreme Animositäten gegen die Institution aufkommen.

Das Schweizer Fernsehen hat kein Qualitätsproblem?
Hat es nicht. Es ist so, dass jeder Sendungen hat, die ihm nicht passen. Einer sagte mir, er stimme Ja, weil ihm Sven Epiney nicht passe. Das Problem ist doch, dass die Diskussion teilweise auf dieser banalen Ebene stattfindet. Mir gefallen auch einige Sendungen nicht. Wissen Sie, wie viele mir nicht gepasst haben, als ich Chef von Sat 1 war? Aber ein öffentlich-rechtliches Fernsehen macht ein Programm für unglaublich viele Leute aus unheimlich vielen sozialen Schichten. Natürlich bin ich auch Kritiker gewisser Programme, namentlich der SRF-Unterhaltung, aber darum geht es nicht. Es geht um die Abschaffung der ganzen Institution. Wobei das Niveau in den letzten Wochen massiv gesteigert wurde, weil mehr Informationen vorliegen. Das ist gut so.

Ist es nicht so, dass die SRG ein Programm hauptsächlich für ältere und ländliche Zuschauer macht?
Sie macht es für alle. Und das Problem des alternden Publikums haben alle. Das kennen Sie von der BaZ her sehr gut.

Deshalb wissen wir auch, dass es praktisch unmöglich ist, die Gruppe der 20- bis 30-Jährigen zu gewinnen. Diese Gruppe zieht woanders hin, in die Social Media und so weiter.
Das Publikum geht nicht weg. Ein Lauberhornrennen hat eine Million Zuschauer, die «Tagesschau» 600'000, «10 vor 10» 500'000. In einem atomisierten Markt sind das respektable Zahlen.

Aber gerade eine Lauberhornabfahrt hätte auch bei 3 plus oder Tele Bärn eine gute Quote.
Aber sie werden es nicht übertragen. Sie können sich das schlicht niemals leisten. Die Übertragung kostet 1,5 Millionen Franken. 300 000 holt man über Werbung, Sponsoring und den Verkauf von Rechten rein. Macht 1,2 Millionen Verlust. Alles klar?

Das heisst aber nicht, dass die Privaten in einem neuen gebührenfreien Umfeld das nicht könnten.
Sie können das nicht, glauben Sie mir, ich weiss es. Zu meiner Zeit bei Sat 1 hatten wir die Rechte für die Champions League. Champions League, meine Herren. 20 Millionen Euro haben wir jedes Jahr damit verloren.

Gerade im Fussball funktioniert mittlerweile Pay-TV ganz erfolgreich.
Ja. Aber gewisse zentrale Fernsehereignisse müssen im Free-TV übertragen werden, so steht es im Gesetz. Die SRG hat einen Verfassungsauftrag, nämlich die erweiterte Versorgung mit Grundinformationen. Und weil wir einen solch kleinen Markt haben, muss sie auch viele Dinge abdecken, die im Ausland von Privaten abgedeckt werden. Ich denke etwa an die grossen Shows, Serien und Filme. In der Schweiz kann das sonst niemand finanzieren. Darum ist die SRG eine Art Hybrid.

Die Frage stellt sich, welchen Preis wir für unser Fernsehen bereit sind zu bezahlen.
Im Grunde ist es so, dass die SRG ein Arme-Leute-Fernsehen ist, weil es erst um sechs Uhr abends mit eigenen Produktionen beginnt. Den Rest des Tages bestreitet man mit Wiederholungen, eingekauften Serien und dergleichen. Also müssen sie zwischen sechs und elf Uhr abends ihre Quote erzielen. In dieser Zeitspanne haben sie einen Marktanteil von fast 40 Prozent. Das ist eine reife Leistung.

Das klingt gut. Aber 3+ mit «Bachelorette» etwa macht da mehr.
Wirklich? Und in welcher Altersgruppe?

In jener, die die SRG nicht mehr hat.
Und Ihre Zeitung auch nicht. Das funktioniert bei 3+ nur, weil man in der Schweiz mit diesen platten Reality-TV-Sendungen exklusiv eine Nische abdecken kann. Mehr geht da nicht. Die Schattenseite ist, dass 3+ in einer Wachstumsfalle steckt.

Angenommen, die Gebühren würden erhöht, hätten wir dann ein besseres Programm?
Man könnte ein vielfältigeres Programm machen, klar. Ein Frühstücksfernsehen vielleicht. Und Sendungen am Nachmittag.

Könnte die SRG das? In Ihrem Buch schreiben Sie, das grösste Problem der Branche sei die Kreativität.
Ja. Aber das ist bei allen so, auch in Deutschland.

Wäre nicht das Einzige, was die SRG aus Ihrer Monopol-Starre befreien würde, eine Wettbewerbssituation?
Ich hab diesbezüglich vor Jahren einen ziemlich guten Vorschlag gemacht. Nämlich, dass man 60 Prozent der Gebühren an die SRG gibt. Bei den restlichen 40 kann der Konsument ankreuzen, welche Stationen finanzielle Unterstützung erhalten sollen. Das heisst private Stationen oder die SRG. Die SRG braucht eine journalistische Konkurrenz. Das konnte man sehen, als ich mit Tele 24 auf den Markt kam. Die SRG wurde besser. Und je grösser das einheimische Angebot ist, desto mehr Schweizer Fernsehen wird genutzt. No Billag geht also in die komplett falsche Richtung.

60:40 – wie würde man so etwas durchbekommen?
Das ist die Frage. Die SRG würde sich dagegen wehren. Es ist auch fraglich, ob sie aus der jetzigen Situation etwas lernt. Ob sie die geistige Flexibilität hat, etwas Massgebliches zu verändern. Ich schreibe – im übertragenen Sinn –, dass Blut fliessen muss. Dass man zeigen muss, dass man etwas verändern will. Und nicht einfach fünf Stellen in der Buchhaltung streichen. Oder wie Jean-Michel Cina, der VR-Präsident der SRG, sagt, den Overhead ein wenig runterfahren. Das genügt meiner Meinung nach nicht.

Wenn die Initiative keine 40 Prozent schaffen sollte, wird sich wohl gar nichts verändern. Ausser dass die Gebühr ab 2019 auf 365 Franken sinken wird. Und auch die SVP wird wohl mit keinem 200-Franken-Vorschlag kommen.
Man muss aufhören, solche Prognosen zu stellen, weil dann taktisch abgestimmt wird. Das kann böse ins Auge gehen.

Wäre die Annahme nicht deshalb ein Gewinn, weil die Schweizer Fernsehlandschaft heute schon gezwungen wäre, auf ein Szenario zu reagieren, das spätestens in 20 Jahren ohnehin Realität sein wird?
Der Tod des linearen Fernsehens wird schon seit den 1990er-Jahren vorausgesagt. Tatsache ist, dass die Nutzungsdauer und der Zuschauerzuspruch kaum gesunken sind. Und: Eine Fernbedienung hat immer noch etwas Magisches.

Wäre eine Medienlandschaft ohne Gebühren nicht eine Chance für eine neue Generation von «jungen Rogers», von jungen Menschen mit frischen Visionen?
Nein. Die Windows of Opportunity sind zugegangen. Ein für alle Mal. Wie gesagt, der Schweizer Markt ist sehr klein. Und wer zu spät kommt, den bestraft das Leben.

Und 60 Prozent Marktanteil belegen die ausländischen Sender. Könnte man da nicht etwas zurückgewinnen?
Wie denn? Paradox ist, dass die SVPler immer von Überfremdung schwatzen. Mit ihrer Initiative in Sachen Medien werden sie diese beim Fernsehen massiv vergrössern. Das ist entweder dumm oder bösartig. Oder beides gemeinsam.

Herr Schawinski, haben Sie noch eine Frage?
Haben Sie mein Buch gelesen? (Basler Zeitung)

Erstellt: 07.02.2018, 09:28 Uhr

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No Billag – No Bullshit

Wer ein Buch in einem Monat schreibt, hat zuallererst etwas zu sagen und will, zweitens, durch eine Eruption den Druck in seiner Magmakammer ablassen. Verbale Lavaströme entfliessen ihm, die entweder alles planlos niederwalzen oder aber tiefe Schneisen bis auf den Grund des Bodens ziehen.

Schawinskis kleines Erdbeben-Buch «No Billag?» ist eines, das die Erde unter einem Wulst von medialer Vegetation freilegt. Der Mann, der lange der prominenteste Gegner der SRG war, wird nicht zu ihrem Verbündeten, aber doch zu einem ihrer Bewahrer. Er scheint dabei wie ein Arzt, der einen Patienten diagnostiziert und ihm anschliessend eine Anzahl von Krankheiten attestiert, medizinische Ratschläge erteilt und alles tut, um den Patienten nicht sterben zu lassen.

Das Buch ist gegliedert in vier Teile: die Frontlinie, die Fehler, die Probleme, die Folgen. Es ist ein Tour d’Horizon durch eine stets hungrige und gefrässige SRG-Landschaft, die alles, was ihr gefährlich werden könnte, unverzüglich überwuchert und im Keim erstickt mit dem Gewicht ihrer gebührenfinanzierten und nie hinterfragten Potenz. Wie jede Evolution ist auch jene der SRG eine, die sich selber erhält, indem sich überproduziert und ihre Feinde frisst. Schawinski zeigt auch das, skizziert den Machthunger der SRG-Mächtigen, ihr Streben und das Verwirklichen von Monopol als zweifelhafte Überlebenstrategie.

Der SRG-Doktor und Medienprofi Schawinski, der die SRG verfolgt, kritisiert und bekämpft, ungefähr seit er ein Mikrofon selbstständig halten kann, wird zum Chirurgen, der mit kleinen Schnitten die grossen Geschwüre der SRG freilegt und den Leser wissen lässt, wie viel man wo wegschneiden müsste, damit der metastatische Organismus wieder genesen könnte.

«No Billag?» ist ein Buch, das mit seiner profunden Kenntnis der Sachlage und seinen Diagnosen eine unentbehrliche Gebrauchsanweisung ist für alle, die im Hinblick auf eine Abstimmung gerne mehr haben als Polemik und Schlagzeilen. Und die gerne Sachbücher lesen, die unterhaltsam sind. mib

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