Einfach wegschauen

Manche Bilder gehen nicht mehr aus dem Kopf. Das kann zum Problem werden für die Rettungskräfte – aber auch für jeden, der Nachrichten am TV sieht.

Dieser Basler Tramunfall aus dem Jahr 2008 blieb in den Köpfen. Glücklicherweise ging er jedoch relativ glimpflich aus: Neun Personen wurden nur leicht verletzt.

Dieser Basler Tramunfall aus dem Jahr 2008 blieb in den Köpfen. Glücklicherweise ging er jedoch relativ glimpflich aus: Neun Personen wurden nur leicht verletzt.

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Zum Jahresende haben uns die Fotoagenturen ihre angeblich wichtigsten Fotos des Jahres nochmals gesammelt zugestellt – darunter stapelweise Bilder, die während oder nach Attentaten entstanden sind: grauenhafte Fotos mit Leichen und Blut. Das vielleicht schlimmste stammt aus Charlottesville, wo im Sommer ein Auto in eine Menschenmenge raste. Man sieht Körper durch die Luft wirbeln, die Schuhe der Opfer fliegen durch die Wucht des Aufpralls davon. Bilder, die man niemandem zumuten möchte, auch dem Nachrichtenredaktor nicht, der die Fotos von Berufs wegen sichten muss. Es sind keine Bilder, die einem so leicht wieder aus dem Kopf gehen.

Es hilft, nur flüchtig hinzuschauen. Bis man das begriffen hat, zahlt man allerdings Lehrgeld. Als blutjunger Reporter mit Fotokamera habe ich einiges gesehen, was mich anschliessend lange verfolgte. Wir hatten damals einen Pager der Polizei, und wenn es brannte oder einen grossen Unfall gab, wurde man mit knappsten Informationen auf dem kleinen Display aufgeboten. Einmal wurde gerade ein Auto mit einer Seilwinde aus einem steilen Waldstück hochgezogen, als ich ankam. Feuerwehr, Blaulicht, Polizei – das Motiv war vielversprechend. Als das Auto unmittelbar neben mir über die Kante gezogen wurde und schwankend zum Stehen kam, sah ich, dass der Fahrer noch in der Gurte hing. Ich war starr vor Schreck.

Die Leiche eines Arbeiters lag wenige Meter vor meinen Füssen.

Es war «mein» zweiter Unfalltoter. Der erste hatte seinen Sportwagen mit übersetztem Tempo in eine Panzersperre gesteuert. Ich war wiederum nicht gefasst: «Gell, er sitzt noch drin», sagte ein Feuerwehrmann, als ich gleich bei der Fahrertür noch eine Detailaufnahme des gestauchten Chassis machen wollte. Er trug einen blauen Pullover. Mir schwindelte. Ebenso ein weiteres Mal: Auf einer Baustelle in einem Tunnel war eine Maschine explodiert. Ich kam mit Verspätung an, es war dunkel und kalt. Die Kollegen der anderen Medien waren längst weg, als ich mit hallenden Schritten in den gespenstisch finsteren Tunnel marschierte. Als ich die Maschine schon im Sucher hatte, kamen zwei Uniformierte herbeigeeilt: «Wir decken ihn besser wieder zu», sagte der eine. «Sonst hat derjenige, der zu spät kommt, noch das beste Bild ...» Tatsächlich lag vor der Maschine, gerade nicht mehr vom Scheinwerferlicht erfasst, die Leiche eines Arbeiters – wenige Meter vor meinen Füssen. Mein Blut gefror.

Zack, einfach das halbe Bein weggebrochen! Grauenhaft!

Feuerwehrleute, Polizisten, Sanitäter – zu beneiden sind sie nicht. Doch ich nehme an, dass sie auf belastende Bilder vorbereitet werden und beim Verarbeiten der Eindrücke mehr Hilfe bekommen als ein junger Reporter. Ich selber behelfe mir seither mit meiner eigenen Taktik, wenn sich schlimme Szenen abzeichnen – selbst vor dem TV: sofort wegschauen, damit sich nichts einbrennt. Es hilft. Letzthin aber wurde ich zwei Mal kalt erwischt. Bei einer Sportzusammenfassung im Fernsehen wurde unvermittelt gezeigt, wie sich ein Spieler bei einem üblen Foul einen offenen Beinbruch zuzog. Zack, einfach das halbe Bein weggebrochen! Grauenhaft!

Die andere Szene spielte sich auf einer Ferieninsel ab. Wir fuhren mit dem Velo in ein Bergdorf hinein und bemerkten schon von Weitem eine Katze am Strassenrand. Das Büsi zerrte an irgendetwas herum. Beim Näherkommen waren blutiges Fleisch und blank geleckte Rippenknochen zu sehen. Kopf und Vorderbeine fehlten komplett. Hinterteil und Schwanz liessen aber nur einen Schluss zu: Beim Kadaver handelte es sich um eine Katze, um ein rotes Tigerlein. Die andere Katze zerrte unbeirrt daran herum, als wir vorbeifuhren – wie ein Löwe an einer erlegten Gazelle. Katze frisst Katze! Zum Wegsehen war es zu spät, das Bild bleibt. Und es scheint in meinem Kopf immer mal wieder auf, wenn ich unser eigenes, allzeit hungriges Büsi anschaue. Mit neuerdings ganz anderen Augen.



(Basler Zeitung)

Erstellt: 11.01.2018, 16:29 Uhr

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