Gefängniskoller im verseuchten Knast

In der Dortmunder Haftanstalt geht die Tollwut um – und ein schier amoklaufender Kommissar.

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Während der Dreharbeiten meinte Regisseur Dror Zahavi manchmal die Stimmen der ehemaligen Insassen durch die dicken Wände zu hören, hat er berichtet. «Tollwut», der neue Dortmunder «Tatort», entstand in einem Gefängnis, das man 2013 schloss, in dem aber immer noch das alte Grundrauschen nachhallt: das Gefühl von Beklemmung, Bedrohung, Unausweichlichkeit. Wieder und wieder gingen die Filmleute während der knapp vier Wochen durch die engen Gänge, hockten in den Zellen und atmeten den Virus des Gefängniskollers ein. Der Film atmet ihn aus.

Dies schon in den ersten dreieinhalb Minuten: Da verendet ein Mensch auf furchtbarste Weise, und wir verfolgen den Todeskampf im Sekundentakt. Die Kamera fliegt hin und her zwischen dem isolierten, fixierten Patienten, dessen Puls nach oben rast, der würgt, sich windet, und einem Putzmann im Flur der Gefängnis-Krankenstation, der seinen Mopp in den Eimer taucht. Das Wasser tropft, der Patient krampft: Tollwut – samt dem typischen Symptom Wasserangst. Zwischendurch gibts harte Kameraschwenks auf einen Wachhund, der an der Leine zerrt, knurrt, bellt. Eine krasse und krass gute Ouvertüre des Falls, der das Team von Sozialspastiker Faber (Jörg Hartmann) und Kollegin Bönisch (Anna Schudt) in den verseuchten Knast und eine recht verwickelte Story führt.

Richtig böse

Wie der seit Jahren eingebuchtete Gewalttäter überhaupt mit Tollwut infiziert werden konnte, ist die Ausgangsfrage. Vor ein paar Wochen hatte es eine Schlägerei gegeben, ein Messer hatte den Verstorbenen verletzt. Woher kam es, wo ist es jetzt? Waren da die Viren drauf, und wer hat das organisiert? Die albanische Mafia gerät in den Blick, schliesslich sitzt einer ihrer Drahtzieher in der Justizvollzugsanstalt ein und heizt dort Unruhen an. Aber der von der Ermordung seiner Frau und Tochter noch immer traumatisierte, schier Amok laufende Kommissar Faber hat von Anfang an einen anderen Hauptverdächtigen: den Mädchenmörder Markus Graf, den er selbst einst überführte – vor exakt vier Jahren in der Folge «Auf ewig dein»; Regie führte ebenfalls Zahavi, das Drehbuch war ebenfalls von Jürgen Werner verfasst.

Florian Bartholomäi kann das Böse richtig doll böse: Seine Graf-Figur hat Fabers Angehörige auf dem Gewissen und provoziert den Hauptkommissar mit Tunnelblick bis zum Gehtnichtmehr. Und das geht echt kaum: Autor Werner hätte ruhig insgesamt etwas herunterfahren dürfen, der Film ist überladen mit Motiven und Erzähl-Arabesken. Dafür stimmt das mit den Stimmungen: hier das zerstrittene Ermittler-Trio, das sich neu sortieren muss, weil Nr.4 die Fliege gemacht hat (Akteur Stefan Konarske stieg 2017 aus); da die Düsternis des Settings und der Schrecken der Krankheit, die auch den mit Bönisch befreundeten Gefängnisarzt dahinraffen wird – der Schauspieler Thomas Arnold schafft es, diese Nebenhandlung ganz grossartig zu beleben.

Mit Atmosphäre, Spannung und einigen starken Dialogen gewinnen die Dortmunder auch als reduzierte Truppe durchaus Sonntagskrimi-Format. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 04.02.2018, 21:50 Uhr

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