Herzen, die blankziehen in der Blechlawine

Der neue Stuttgarter «Tatort» ist ein Superkrimi, gerade weil er sich jeder Blutrünstigkeit verweigert und auf klassische Spannung setzt.

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Der tiefe Schnee aus Agatha Christies «Murder on the Orient Express» (1934), der die Welt zum Stillstand bringt: In der Neckarmetropole verwandelt er sich in einen fetten Stau. Mehr brauchts denn auch nicht im Titel des neuen «Tatorts» aus Stuttgart als eben dieses eine Wort, das jedem Autofahrer den Blutdruck in die Höhe treibt, derweil sein fahrbarer Untersatz – stillsteht: «Stau». Wie die Drehbuchautoren Dietrich Brüggemann («Kreuzweg») und Daniel Bickermann Agatha Christies Konzept von der lahmgelegten Wagenschlange aus der exotischen Luxuskulisse ins Alltagsdeutschland von heute hineingeschrieben haben, ist schlankweg sensationell. Gerade, weil ihr Film nichts weniger nötig hat als Sensationen und Knaller.

Das Auto und das Mädchen

Da guckt ein Dreijähriger aus dem Fenster einer kleinen Wohnung an einer Strasse, die im Feierabendverkehr zum Schleichweg durch die Stadt verkommt, und sieht – ja, was eigentlich? Rund um die fluide Zeugenaussage des fantasievollen Buben drehen sich die folgenden Polizeiaktionen. Denn er hat seine – natürlich alleinerziehende – Mutter auf den Unfall vor dem Haus aufmerksam gemacht, und beim Nachsehen finden sie ein totes Mädchen am Strassenrand. Schädelbasisbruch.

Wars Mord? Und war ein Auto das Tatwerkzeug, oder warf man die 14-jährige mit Migrationshintergrund schon tot aus einem Fahrzeug? Hinweise gibts fast keine, eines aber steht fest: Der Täter muss im Stau feststecken, genau wie der Leichenwagen. Auf der Stuttgarter Weinsteige ist kein Durchkommen. Baustelle, Wasserrohrbruch, was auch immer. Die Blechlawine kann jedenfalls nicht weiterrollen in der Stosszeit, und die Ermittler Bootz (Felix Klare) und Lannert (Richy Müller) haben die Chance ihres Lebens, einmal den Poirot zu geben.

Es gibt kein Entrinnen

Die Verdächtigen sind eingeschlossen, die Kriminaltechniker schwer erreichbar, die Handhabe ist das gesprochene Wort: die Ausreden, Irrtümer, Lügen aus einem ganzen Gesellschaftspanorama. Das ist der Stoff, aus dem richtige Dramen sind. Vor dem Stau sind alle gleich, die arrogante Managerin, die dauernd ihren Chauffeur demütigt; das verkrachte mittelständische Paar auf dem Weg zum Eheberater; die überforderte Mutter mit dem nervtötenden Girlie auf dem Rücksitz; der schicke, ehebrechende Anwalt, der frustrierte, ausgebeutete Bürogummi, der verschnarchte Behindertentransport-Fahrer. Ok, Klischees, aber wie toll bespielt!

Menschen formieren sich zum Mob in der Schlange, die Nerven liegen blank, und da ziehtauch manches Herz blank. Am Ende existiert die eine oder andere Beziehung nicht mehr, die eine oder andere bahnt sich an. Die Lösung des Falls gelingt Lannert über eine Art psychologische Dampfkochtopftechnik. Dass diese ein klitzekleines bisschen zu gefühlige Schwaden produziert, stört nicht: «Stau» ist von Autor Brüggemann so low key und unlüstern verfasst und von Regisseur Brüggemann so hightuned und hart in Szene gesetzt, dass man laut klatschen will zur scharfen Playlist aus den Songs, die hier jeder monadische Einzelkämpfer im Auto sich und uns auf die Ohren haut. «Stau» hält auch uns fest, es gibt kein Entrinnen. Alexandra Kedves (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 27.08.2017, 21:45 Uhr

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