Karriereschub von 180 km/h

Action-Berichterstattung aus dem Auge des Sturms gehört bei US-Fernsehsendern einfach dazu. Neuerdings gerät sie aber in die Kritik.

Die Reporter überboten sich gegenseitig mit Berichterstattungen aus dem Auge von Irma. (Video: Tamedia/mit Material von CNN)

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Nun zieht der Wirbelsturm Irma also weiter Richtung Norden. Irma ist schwächer geworden, zurück lässt das Rekordunwetter dennoch: Tote, zerstörter Häuser, überflutete Strassen, geknickte Baukrane – und eine Diskussion über Sinn und Unsinn der Hurrikan-Berichterstattung.

Während Irma am Wochenende auf Florida traf, legten sich die Reporter der amerikanischen Nachrichtensender einmal mehr so richtig ins Zeug. CNN-Journalist Chris Cuomo liess sich den Regen ins Gesicht peitschen, sodass er kein Wort mehr herausbrachte. Mariana Atencio kämpfte sich für MSNBC durch den Orkan, zeigte beeindruckt auf umgestürzte Bäume, während sich hinter ihr die Palmen bogen und Trümmer vorbeiflogen.

Atencios Kollege Miguel Almaguer band sich später sogar mit einem Seil an einem Pfosten fest, um nicht von Irma davongeweht zu werden.

«Gehen Sie rein»

Effekthascherische Berichterstattung gehört bei den US-Sendern bekanntlich zum Geschäft. Auch die Liveschaltungen ins Innere des Hurrikans sind an sich nichts Neues: Der Reporter, der vom Sturm aus dem Bild geschoben wird, gehört schon lange zu den Klassikern im Genre der Pannen-Clips.

Neu ist jedoch, dass die wagemutigen Einsätze der Reporter bei den Zuschauern für Kritik sorgen. In den vergangenen Tagen wurden die Auftritte von Chris Cuomo und seinen Kolleginnen und Kollegen vor allem in den sozialen Medien heftig diskutiert. Vermehrt stören sich die Zuschauer offenbar daran, dass sich ein Journalist in Gefahr begibt, während die Behörden mit dem Verweis auf Todesgefahr ganze Regionen evakuieren. «Gehen Sie mit gutem Beispiel voran», schrieb ein Twitter-User, «gehen Sie rein.»

Kritik gab es diesbezüglich auch in Europa. Als der ARD-Korrespondent Jan-Philipp Burghard am Sonntag live von einem Balkon in Miami berichtete, musste er sich nach eigenen Angaben am Geländer festhalten, um nicht davongeweht zu werden. Bei den Zuschauern kam das nicht gut an.

Durch den Sturm zur Traumkarriere

In den USA reagieren die Fernsehsender selbst mit einer Mischung aus Rechtfertigung und Beschwichtigung auf die Kritik. Das Argument, das derzeit unter den Reportern am beliebtesten ist: Wir stehen in den Sturm, damit Sie, liebe Zuschauer, sich der Gefahr des Hurrikans wirklich bewusst werden.

In Deckung: Kerry Sanders von MSNBC berichtet aus Naples, Florida. (Bild: Keystone/MSNBC)

Branchenbeobachter sehen die Sache kritischer. Sie treibt die Frage um: Geben sich Reporter nur in Gefahr, weil sie hoffen, ihre Karriere weiterbringen beziehungsweise sichern zu können? Als Begründer der Hurrikan-Berichterstattung gilt TV-Legende Dan Rather. Als junger Reporter marschierte er 1961 in Houston, Texas, für den lokalen TV-Sender live durchs hüfttiefe Wasser – und direkt zum Traumjob bei CBS News.

Wenn sie sich also für ihren Sender in die 180-km/h-Böe stellen, dürften einige Reporterinnen und Reporter die Geschichte von Dan Rather und seiner Karriere im Hinterkopf haben. Und wenn nicht diese, dann vielleicht jene von Fox-Reporter Casey Stegall. Der berichtete direkt aus dem Sturm Harvey, als ihm mitten in der Liveübertragung eine Anwohnerin ein Sixpack Bier schenkte.

Umfrage

Was halten Sie von Live-Berichterstattung aus dem Hurrikan?





(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 11.09.2017, 11:43 Uhr

Reporter Mike Bettes im Einsatz

Artikel zum Thema

Strom in Altersheim fällt aus – acht Tote

Video Nach einem Stromausfall in Florida sind mehrere Bewohner eines Altersheims gestorben. Ursache könnte die Hitze gewesen sein. Mehr...

Die fünf stärksten Hurrikane seit Messbeginn

Der Hurrikan Irma fegte mit 295 Kilometern pro Stunde über die Karibik. Auch andere Hurrikane erreichten solche Rekordgeschwindigkeiten: Mehr...

Paid Post

Bildung gegen die Macht der Maras

In den grösseren Städten El Salvadors kontrollieren Gangs, die sogenannten Maras, ganze Quartiere. Die Banden nutzen die tristen Zustände im Land, um Kinder und Jugendliche zu rekrutieren.

Kommentare

Die Welt in Bildern

Schwindelerregender Gänsemarsch: Eine Seilschaft klettert einer Felswand im ostchinesischen Qingyao-Gebirge entlang. (23. September 2017)
Mehr...