Missbrauch ist lernbar

Der SRF-Dokfilm «Das System Jegge» zeigte auf, wie der sexuelle Missbrauch durch den Reformpädagogen möglich war.

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Gegen Ende des Dokumentarfilms «Das System Jegge» brachte es der IV-abhängige, heroinsüchtige Paul Speck in seiner Messie-Wohnung auf den Punkt: «Aber niemand sprach darüber.» Damit benannte er eine damals und heute noch weitverbreitete Haltung, die der bärtige Alt-Marxist Traugott Biedermann gemütlich in der Beiz vertrat: Man solle «lieber zu naiv als zu misstrauisch» sein.

Genau diese Einstellung der Lehrer, der Schulaufsicht und der Erziehungsdirektion hat einen Pädagogen wie Jürg Jegge möglich gemacht. Die Kontrollen waren lasch, die pädagogischen Entscheidungen bierselig und die Folgen fatal – wie die Aufzeichnungen von Markus Zangger, ein von Jegge missbrauchter Schüler, im Frühjahr publik machten. «Dok»-Autorin Karin Bauer spricht in ihrem aufschlussreichen Beitrag, in dem viele Beteiligte zu Wort kommen, von einem «System», das auch kriminelle Verhaltensweisen tolerierte, ja rechtfertigte.

Jürg Jegge, der selbst nicht im Film auftritt, hat sein erzieherisches Programm, das vor allem in linksalternativen Kreisen Schule machte, mal so formuliert: Zuerst müsse man den Atem befreien, dann den Körper und schliesslich sich selbst. Wie alle Körpertherapien öffnet eine solche Psycho-Ideologie Pädophilen Tür und Tor: Wenn Kinder, wie die Reformpädagogik postulierte, sexuelle Wesen seien, dann gelte es, diese Energie auch zu wecken.

Die freudomarxistische 68er-Bewegung hat vor allem in den Internaten, diesen hermetisch abgeschlossenen Erziehungsanstalten, massiven Schaden angerichtet: So wurden in der Odenwaldschule unter Rektor Gerold Becker 130 Schüler missbraucht – dass auch Jürg Jegge dorthin pilgerte, überrascht nicht. Die damalige Gesellschaft, die allen Regeln und Konformitäten misstraute und Befreiung von allen (auch sexuellen) Zwängen versprach, hat den pädophil veranlagten Lehrern zugedient.

Blind verehrte Autorität

Fredy Züllig, Ex-Lehrer, Ernst Atzenweiler, ehemaliger Bezirksschulpfleger, und Hans Rothweiler, damals Projektleiter in der Erziehungsdirektion, schauen in dem Dokumentarfilm staunend und uneinsichtig zurück auf die Vergangenheit, in der es nicht üblich war, bei den Lehrern nachzufragen oder Klartext zu reden. Schon gar nicht bei einer blind verehrten Autorität wie Jürg Jegge, der als Buchautor und Fernsehstar schweizweit gefeiert wurde. Sie alle waren einfach froh, dass der unangepasste Quereinsteiger die schwierigen Schüler übernommen hatte.

Jürg Jegge ist schuldig, ja, aber schuldig sind auch all diese Wegseher – wenn nicht juristisch, so doch im moralischen Sinne. Die einzige Person, die im Film zu ihrem Versagen steht und den Abhängigkeitsfilz unter Heilpädagogen benennt, ist eine Frau. «Ich war ein Feigling», sagt Hanna Brauchli, die im Stiftungsrat des Märtplatzes von Jürg Jegge sass (über den das Schweizer Fernsehen genauso regelmässig wie unkritisch berichtete). Daneben gibt es weiterhin die Position des Bauern, auf dessen Hof Jürg Jegge seine erste Schule betrieb: 1000 Schülern habe der Lehrer geholfen, einigen wenigen nicht. Und welcher Mann habe denn schon keinen Übergriff in der Kindheit erlebt? Jegge habe wenigstens seine Schüler nicht geschlagen. Nein, das hat er nicht: Er hat sie gestreichelt.

Video: Ein Enthüllungsbuch brachte den Fall ins Rollen

Anfang April ging eines der Opfer mit einem Buch an die Öffentlichkeit. (Video: Lea Koch und Rafaela Roth) (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 06.10.2017, 11:04 Uhr

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