Schwere Havarie im Fernsehen

Mann über Bord: Kapitän Sascha Hehn verlässt das dümpelnde «Traumschiff».

Er geht von Bord. Für Sascha Hehn (rechts) ist der Charme der «Traumschiff»-Serie verloren gegangen.

Er geht von Bord. Für Sascha Hehn (rechts) ist der Charme der «Traumschiff»-Serie verloren gegangen. Bild: Keystone

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Früher wusste man oft besser, wie es einem Serienstar ging als der eigenen Grossmutter. Die lieben TV-Verwandten hiessen Little Joe Cartwrigth, Flipper, Max Männdli, Mutter Beimer oder Susan Delfino. Oder eben Sascha Hehn.

In den 1980er-Jahren assistierte der smarte Münchner in der «Schwarzwaldklinik» als Dr. Udo Brinkmann. 1994 spezialisierte er sich auf den «Frauenarzt Dr. Merthin». Dann zog er den weissen Kittel aus und enterte das «Traumschiff». Dort stieg er vom Chefsteward zum Ersten Offizier und 2014 schliesslich zum Kapitän auf. Männer in Uniform erobern so manches Frauenherz, auch in der zivilen Schifffahrt.

Käpt’ns Dinner bis zum Abwinken? Stets gute Laune unter der Palme? Es reicht. Jetzt verlässt Kapitän Hehn das «Traumschiff». Aus seinem Rücktritt muss man keinen Staatsakt machen, aber ein deutliches Anzeichen für Überdruss an sektbeschwipster Serien-Fröhlichkeit ist seine Amtsmüdigkeit schon.

Der verlorene Charme

Sascha Hehn, 63, erklärt zu seinem Rücktritt: «Leider hat die Serie in den letzten zwei Jahren ihren Charme verloren.» Und weiter: «Vielleicht ist der Charme ja mit Wolfgang Rademann gegangen – ich weiss es nicht, aber meinen möchte ich gern noch eine Weile behalten.»

Serienschöpfer Rademann verstarb 2016. Sascha Hehn behielt seinen Charme – und Ansprüche an seinen Beruf. Als Theater-Schauspieler hatte er bei den Salzburger Festspielen einst Shakespeare gespielt. Qualität vergisst man nicht.

Anders das «Traumschiff»: Es dümpelt je länger desto langweiliger im Seichten. Spannungsarme Plots, Scheinkonflikte, steife Dialoge, unterforderte Schauspieler, stereotype Geschlechterrollen und als Höhepunkt das Kapitänsdinner zum Dinnermarsch von James Last. Sonst noch was?

Ja. Das blitzweisse Schiff (MS Amadea) mit seiner blitzsauberen Crew steuert meistens exotische Ziele an, zuletzt die Malediven. Schön zu sehen. Aber das alles kann man auch anderswo geniessen; zum Beispiel in den vielen Reportagen über Schiffsreisen, die seit ein paar Jahren im Fernsehen aufkreuzen.

Und genau das ist das Problem: Das «Traumschiff» hat einen knallharten Konkurrenten bekommen: die Realität. Zum einen boomen Reality-Soaps mit «echten» Kapitänen, Köchen und Passagieren. Sie sind näher am Leben dran. Zum anderen, wichtiger noch: Jeder, der imstande ist, ein paar Hundert Franken beiseite zu legen, kann heutzutage selber eine Schiffsreise tun; in echt. Die Kreuzfahrt-Branche, sie brummt. Warum?

Kreuzfahrten sind der kleine Luxus für jedermann. Die Schiffe sind eine Art schwimmender Gated Community, eine Welt für sich, in der die Reisenden sicher sind und unter sich. Nach dem Anlegen im Hafen kann man auf Pirsch ins Dickicht fremder Städte gehen. Ein Abenteuer ohne Gefahr, Genuss ohne Risiko. Schlimm?

Gewiss, das Schweröl der Schiffe ist eine schlimme Umweltsünde, und die von den modernen Kreuzfahrern eroberten Orte sind arm dran; viel Geld bleibt hier nicht hängen. Aber: Die Sehnsucht der Schiffstouristen ist legitim. Sie wünschen sich Sicherheit, Sport und Show, Flirts, Essen und Trinken je nach Lust und Laune. Man muss schon ein Volksfeind und Elitebolzen sein, um diese Sehnsucht verächtlich abzukanzeln.

«Nimm mich mit, Kapitän, auf die Reise»: Das Fernweh ist Treibstoff auch für das «Traumschiff» im Fernsehen. Eigentlich müsste es super laufen; wie geschmiert in einer Rückkoppelungsschlaufe: Wo viele Touristen sind, kommen immer mehr; wenn viele Menschen Kreuzfahrten buchen, müssten sich theoretisch immer mehr Zuschauer auch fürs «Traumschiff» interessieren.

Tatsächlich hat das «Traumschiff» immer noch Traumquoten. Zum Beispiel beim letzten Auslaufen, es war am Ostersonntag: Immerhin 6,26 Millionen Zuschauer begleiteten die Malediven-Fahrt (18,6 Prozent Marktanteil). Allerdings wird das Publikum immer älter. Und die Serie immer träger. Andere sind dabei, das «Traumschiff» mit links zu überholen. An besagtem Ostertag brachte es die Wiederholung (!) eines alten «Tatort»-Krimis aus Münster auf 7,71 Millionen Zuschauer.

Die mächtigen Gegner

Das öffentlich-rechtliche Fernsehen hat fünf mächtige Gegner bekommen. Erstens: das Internet. Jugendliche schauen kaum noch Fernsehen, sondern ziehen sich mit ihrem Tablet auf ihr Zimmer zurück. Zweitens: Netflix. Die US-Firma bietet per Streaming einfach die besseren Serien für Abonnenten. Drittens: Meinung bildet sich heute wildwüchsig in Chatrooms. Beim Thema Ukraine etwa attackieren User die «antirussische Propaganda» der öffentlich-rechtlichen Sendeanstalten. Viertens: Die sich europaweit bildende neue Rechte hat den Kampf gegen das angeblich «linke Staatsfernsehen» und seine «Zwangsgebühren» aufgenommen.

Bleibt noch der fünfte und schlimmste Feind des Fernsehens: die Trägheit, Ideenarmut und Mutlosigkeit der Sender selber. Da hat nun das ZDF mit seinem «Traumschiff» ein breitenwirksames Format, das vorwärtsgetragen werden könnte durch die riesige Woge von Kreuzfahrt-Urlaubern. Aber die Programmverantwortlichen und Produzenten ruhen sich auf der Welle aus. Sie machen aus dem Serien-Ereignis, auf das Millionen Zuschauer warten, einen Dauerlutscher mit dem süsslichen Geschmack von Vorabendserien.

Da sind andere Langzeit-Serien näher am Puls der Zeit. In der «Lindenstrasse» (ARD) nimmt seit der Erstausstrahlung 1985 das Konfliktpotenzial rapide zu; Nachbarschaftsstreit, Firmenpleite, Ausländerhass, Homophobie, Neonazis, Öko-Freaks, Sterbehilfe, Bundestagswahl. Siehe: Eine «Seifenoper» muss sich nicht mit Schaumschlägerei begnügen.

Das öffentlich-rechtliche Fernsehen, weil von allen Haushalten gebührenfinanziert, hat geradezu den Auftrag, sich um das Gemeinwesen und Allgemeinwohl zu kümmern. Dazu gehört, dass ein «Traumschiff» nicht nur von Liebe und Luxus träumt, sondern zwischendrin mal die gezinkten Karten auf den Tisch legt: seine Öko-Bilanz, die Hungerlöhne fürs Personal aus Schwellenländern, rechtliche Grauzonen, das Ausflaggen, die Abgasfahnen, Brände an Bord, schwere See.

In seiner jetzigen Bauweise ist das «Traumschiff» ein Werbestreifen für die Kreuzfahrt-Industrie. Sascha Hehn meint, man müsse «mehr in die Dinge investieren, die am Ende einen guten Film ausmachen».

Gute Filme, das ists. Ein gutes «Traumschiff» muss keineswegs mit Öko-Dampf in schmieriger Sozialkritik absaufen. Hehn will es einfach «ein bisschen wärmer, ein bisschen liebevoller. So, dass man einfach gerne zuschaut».

Das gute Beispiel

Wie das geht, machen zum Beispiel englische TV-Krimis vor. Unverwechselbare Ermittler-Duos, Schauplätze mit viel Lokalkolorit, eigenwillige Stories, eigener Humor. Jede Serie ist hier eigen und einzigartig: Der behäbige «Inspector Barnaby» (ZDF Neo), der walisische «Inspector Mathias» (ARD), der pragmatische «Inspector Lewis» im elitären Oxford-Milieu (ZDF), die doppelte Agatha Christie (One), zuerst der elegante «Poirot», danach schrille «Mörderische Spiele». Unbestreitbarer Höhepunkt ist «Sherlock» mit Kultstar Benedict Cumberbatch, stets auf dem neuesten Stand von Technik und Zeitgeist. Dagegen ist das «Traumschiff» ein alter Kahn.

Zwei bereits abgedrehte Folgen mit Sascha Hehn werden voraussichtlich Ende des Jahres noch zu sehen sein. Einen Nachfolger für den Schiffelenker gibt es laut ZDF noch nicht.

Derweil wird im Netz diskutiert: Wen wollen wir als neuen Kapitän? Wayne Carpendale? Erol Sander? Jan Josef Liefers? Til Schweiger? Moritz Bleibtreu? Elyas M’Barek, Jogi Löw, Harald Schmidt? Beim derzeitigen Zustand, in dem das «Traumschiff» sich befindet, kann die Devise nur heissen: Käpt’n Blaubär, bitte übernehmen Sie! (Basler Zeitung)

Erstellt: 18.06.2018, 09:25 Uhr

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