Wenn Laien auch noch improvisieren

Der «Tatort» aus Ludwigshafen ist ein schauspielerisches Experiment – in doppelter Hinsicht.

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Als der «Tatort» erfunden wurde, sollte er der regionalen Vielfalt Deutschlands huldigen, wozu auch die Vielfalt der Mundarten gehört. Dieser Gedanke hat sich über die Jahre verflüchtigt (so spricht im Kölner Kommissariat niemand Kölsch). Nun aber gabs endlich mal Dialekt satt, wenn auch nicht den schönsten: Pfälzisch! Die Folge «Babbeldasch» spielte nämlich in einem Laien- und Mundarttheater in Ludwigshafen, und der Grossteil der Darsteller stammte aus der wirklich existierenden Amateurbühne Hemshofschachtel; das Mordopfer war standesgemäss die Prinzipalin Malou Mott. Ein Experiment also!, auf das der Regisseur Axel Ranisch gleich ein zweites setzte: Die ganze Story wurde improvisiert – ohne festes Drehbuch, ohne fertige Dialoge, ja nicht einmal der Mörder stand fest. Alles wurde beim Dreh erarbeitet.

Damit erübrigte sich natürlich jeder Realitätsanspruch, den der «Tatort» ursprünglich ja auch erhoben hat. Stattdessen verwandelte sich das Ermittlerteam selbst in eine Laientruppe. Lena Odenthal, deren Versuch, sich bei den Spielern als «Naturtalent» einzuschmuggeln, schnell scheiterte, erörterte Mörder und Motive («jeder kanns gewesen sein») mit der jungen Johanna Stern auf dem Spielplatz oder in der Lounge auf dem heimischen Balkon. In früheren Folgen hatte die Alt-Kommissarin die Newcomerin noch stutenbissig gemobbt; jetzt lässt sie sich gar deren Zwillinge zur Aufsicht unterjubeln. Da bahnt sich ein neues, rein weibliches Dream-Team an; der immer lustlosere Kopper, nur noch zum Kochen gebraucht, wird sicher demnächst ausgemustert.

Die Geschichte leidet schwer unter ihrer experimentellen Doppelfracht. Alle Beteiligten sind dermassen mit der Verfertigung des Stücks (und der Betreuung der Zwillinge) beschäftigt, dass für die Ermittlung selbst – sie beginnt nach der Hälfte des Films – kaum Zeit und Energie bleibt. Man merkt den Laien die Begeisterung an, in einem «Tatort» mitspielen zu dürfen; den Profis wiederum die Freude an der Gelegenheit, einmal auf «Schmiere» zu machen. Auf den Betrachter wollte die Freude allerdings nicht recht überspringen.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 26.02.2017, 21:47 Uhr

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