27 Jahre Winterschlaf

Stephen Kings Meisterwerk «It» in einer Verfilmung, die ihm gerecht wird.

Das übersinnliche Böse: Bill Skarsgard interpretiert seine Rolle als Pennywise/Es zurückhaltend und absolut humorlos.

Das übersinnliche Böse: Bill Skarsgard interpretiert seine Rolle als Pennywise/Es zurückhaltend und absolut humorlos.

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Die weisse Schminke auf der Stirn bröckelt, die Augen funkeln wie bei einer Raubkatze. Wenn dieser Clown je jemanden zum Lachen gebracht hat, dann ist das sehr lange her. Jetzt kauert er im Gully, Regenwasser rinnt ihm auf den Kopf, und der Speichel läuft ihm von den vorstehenden Hasenzähnen. Er heisse Pennywise, flüstert er dem kleinen Georgie zu, als dieser sagt, er dürfe nicht mit Fremden sprechen. «Siehst Du, nun sind wir uns nicht mehr fremd.» Wenig später fehlt dem Jungen der rechte Arm, kurz darauf erinnert nur noch eine Blutlache daran, dass hier ein Kind gespielt hat.

Die Nachbarin, die der Tragödie von der Veranda aus zugeschaut hat, zieht sich ins warme Wohnzimmer zurück, als sei nichts geschehen. Überhaupt scheinen die Erwachsenen in Derry, Maine, vor den mysteriösen Vorfällen die Augen zu verschliessen. Seit Jahrzehnten verschwinden hier mehr Kinder als im Rest des Landes zusammen, die Laternenpfähle und Hauswände sind übersät mit Vermisstmeldungen. Doch das einzige, was die Bevölkerung des verschlafenen Städtchens am nordöstlichen Zipfel der Vereinigten Staaten tut, ist, eine abendliche Ausgangssperre zu verhängen.

«Es» muss gestoppt werden

Doch das reicht Bill nicht. Der Teenager vermisst seinen kleinen Bruder. Auch fühlt er sich schuldig, weil er an jenem regnerischen Abend zu erkältet war, um mit Georgie draussen zu spielen. Der Verlust trifft ihn so schwer, dass er den kleinen Jungen in seinem gelben Regenparka zu sehen meint – oft in Begleitung eines Clowns. Als sich herausstellt, dass auch Bills Freunde unheimliche Begegnungen mit dem Zirkusnarr hatten, nimmt er sich vor, «Es» zu stoppen.

Bald wird aus dem «Loser-Club» – ein Stotterer, ein Hypochonder, ein Übergewichtiger, ein Plaudermaul, ein Neurotiker, ein Vollwaise und ein angeblich zügelloses Mädchen – eine eingeschworene Gemeinschaft, die erkennt, dass sie nur gemeinsam stark sind. Denn Es labt sich an den Urängsten jedes einzelnen und tritt jeweils in der entsprechenden Form auf – als Leprakranker, als kopfloses Kind oder in Gestalt der Eltern, die in einem von Rassisten gelegten Feuer ums Leben kamen.

Bei den anderen Heimsuchungen weicht die Neuverfilmung von Stephen Kings frühem Meisterwerk (1986) von der Vorlage ab. Was zu grossen Teilen den Möglichkeiten des Mediums Film geschuldet ist; Ekel- und Schockeffekte lassen sich leichter umsetzen als subversiver Psychoterror. Mit dem lebendig gewordenen Ölgemälde, das einen der Loser in Schrecken versetzt, hat Regisseur Andrés Muschietti seine persönliche Angst aus Kindertagen eingebaut: Der verformte Frauenkopf erinnert an ein Gemälde von Amedeo Modigliani, das im Wohnzimmer seiner Eltern hängte.

Aus der Romanvorlage übernommen, jedoch drastisch zugespitzt ist die Szene, in der Beverly, das einzige Mädchen der Truppe, im Badezimmer-abfluss Blut sieht. Im Buch – und in der ersten Verfilmung 1990 als TV-Miniserie – sind es ein paar Deziliter, in der Neuverfilmung mehrere Hektoliter. Der Film liefert zudem einen Kontext für dieses Trauma, indem er das vom Vater missbrauchte Mädchen zuvor beim Einkaufen von Tampons zeigt.

Überhaupt wird die zweieinhalbstündige Neuverfilmung dem 1300-seitigen Buch deswegen gerecht, weil es neben dem Horror viel Spielzeit auf das Frühlingserwachen der Teenies verwendet. Freundschaft, Selbstfindung und Abnabelung werden hier ebenso thematisiert wie die ersten Gefühle für das andere Geschlecht. Zwar verzichtet der Film – wie zuvor die Fernsehversion – aus verständlichen Gründen auf die im Buch ausführlich beschriebene Sexorgie unter den Heranwachsenden, dafür inszeniert er Beverly als Lolita-Verschnitt, der Männern wie Buben den Kopf verdreht.

Gut besetztes Ensemble

Neben Jaeden Lieberher als Anführer Bill ist es denn auch die 15-jährige Sophia Lillis in der Rolle der Beverly, die aus dem durchwegs gut besetzen Ensemble herausragt. Mit ihrer einnehmenden Art macht sie über lange Strecken vergessen, dass man in einem Horrorfilm sitzt – umso gruseliger sind dann die Momente, in denen Pennywise/Es unvermittelt auftaucht.

Selbstverständlich kommt dem Clown die grösste Rolle zu, obschon dieser im Vergleich zur TV-Fassung weniger ausführlich zu sehen ist. Das ist durchaus weise, zumal das Monster jeweils dann besonders gruselig wirkt, wenn man es nur vage erahnt.

Dem Original näher

Wurde Tim Curry in dieser Rolle 1990 unsterblich, so macht ihm Bill Skarsgard nun Konkurrenz. Zwar durfte sich Curry, den man zuvor vor allem aus der «Rocky Horror (Picture) Show» kannte, als diabolischer Narr mehr austoben und zuweilen auch Witze erzählen. Doch wird Skarsgard mit seiner Zurückhaltung und absolut humorlosen Interpretation dem Original viel gerechter. Kommt hinzu, dass der junge Schwede mittels Kontaktlinsen (und wohl auch Computertechnik) seine Augen so nach aussen drehen kann, dass man keinen Menschen in Clownmaske mehr sieht, sondern das übersinnliche Böse, das sich Stephen King ausgedacht hat. Weniger ist in diesem Fall eindeutig mehr.

Während der Film an Spannung einbüsst, wenn er zu sehr auf Überraschungs- und Schreckeffekte setzt, wenn sich Knall- und Kreischgeräusche häufen, so wird er insgesamt der Vorlage um einiges gerechter als die rückblickend mässig geglückte Umsetzung von 1990. Fans des Buches werden sich ab versteckten Anspielungen freuen (etwa die wiederkehrenden Schildkröte oder die Deadlights). Und auch Pennywises Lieblingsdrohung «you’ll float too» erfährt eine passable Neudeutung, die in Betracht zieht, dass der Satz im Englischen mehrdeutig ist: Bezieht er sich auf die schwebenden Ballone oder auf die in den Abwasserkanälen treibenden Kinderleichen?

Um den 135-minütigen Film nicht zu verzetteln, haben die Macher – anders als bei der TV-Version und im Buch – die auf zwei Zeitebenen aufgeteilte Story entwirrt. Die Kindheitsjahre werden nicht in eingestreuten Rückblenden erzählt, sondern zusammenhängend. Zudem hat man das Geschehen um knapp drei Jahrzehnte verschoben: Neu spielt sich der erste Showdown im Sommer 1989 statt Ende der Fünfzigerjahre ab, also zu jener Zeit, in der es in der Vorlage zum zweiten Kampf kommt. Dazu muss man wissen, dass der Winterschlaf des wiederkehrenden Monsters jeweils 27 Jahren dauert.

Es ist ein gespenstischer Zufall, dass auch zwischen der ersten Adaption und der Neuverfilmung von «It» genau 27 Jahre liegen. Geplant war dies mit Sicherheit nicht, zumal sich die aktuelle Produktion über acht Jahre hingezogen hat, in denen zwei Regisseure und mehrere Drehbuchautoren verworfen wurden. Der Film endet angenehm versöhnlich und ohne den üblichen Cliffhanger, jedoch mit dem Hinweis, dass man nur «Chapter One» gesehen hat. Damit ist die Rückkehr des Monsters angekündigt, und man freut sich darauf, den sieben lieb gewonnenen Charakteren im Erwachsenenalter wieder zu begegnen. Bleibt zu hoffen, dass man bis zur Fortsetzung nicht 27 Jahre warten muss. (Basler Zeitung)

Erstellt: 28.09.2017, 14:57 Uhr

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