Das Material der Lust

Mit der Französin Claire Denis zeichnet das Zurich Film Festival eine Regisseurin der Intensität aus, die quer im europäischen Kino steht.

Claire Denis sticht mit ihren Filmen ins Gebrodel der Psyche (hier beim Filmefestival Cannes 2013). Foto: Joel Ryan (Invision, AP)

Claire Denis sticht mit ihren Filmen ins Gebrodel der Psyche (hier beim Filmefestival Cannes 2013). Foto: Joel Ryan (Invision, AP)

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Die Lieder sind nicht mehr dieselben, wenn man sie in einem Film von Claire Denis gehört hat. Sie verändern ihr Wesen, wenn man so will, werden verzaubert oder mit einem Fluch belegt. Man hört sie dann nur noch unter dem bleibenden Eindruck der Bilder, mit denen sie verbunden waren, als könne ein Song selbst ein Bild werden. Man muss nicht zum Arzt deswegen, aber man wird ein wenig zum Synästhetiker, der Farben hört und Töne sieht.

Die französische Regisseurin Claire Denis löst so etwas aus, selbst mit dem schmalzigen Soulhit «Nightshift» von The Commodores. Sie spielt ihn zu einer Barszene in ihrem empathischen Immigrantendrama «35 rhums» (2008). Da, in einer Bar der Pariser Banlieue, reicht ein Vater und pensionierter Lokführer seine erwachsene Tochter an deren ­Verehrer weiter. Nun tanzen die zwei zusammen zum Song, beobachtet vom Vater, und in der Choreografie der Blicke, die viel sagen, und der Zärtlich­keiten, die nicht ausgesprochen wer­den müssen, steckt das Kinoprinzip und die Bildgewalt von Claire Denis. Man hört «Nightshift» danach nur noch als Sound­track zum spektakulär intimen Tanz in einer französischen Bar.

Die Szene aus «35 rhums».

Das ist der Zauber; nun kommt der Horror, wie er sich am Schluss von Denis’ letztem Film «Les salauds» einstellt. Wir erleben hier das grausame Finale («Auflösung» wäre etwas viel gesagt) ­einer Missbrauchsgeschichte. Was man sieht, lässt sich nicht aussprechen. Aber was man hört, das schon. Es ist «Put Your Love in Me» von Hot Chocolate, aber in der Version der Tindersticks, die den süssen Funk hinabreissen in eine Schwärze aus Elektronik, bis das Lied vergiftet ist. Man schüttelt diese Klänge nicht mehr ab, verloren in der Hölle des Hallraums, wo einen die Echos heimsuchen und nicht mehr gehen lassen.

Der Song der Tindersticks.

Kindheit in Afrika

«Les salauds» lodert vor Zorn über die Brutalitäten der Macht- und Triebmänner. Mag sein, dass das Feel-bad-Movie nicht den besten Einstieg ins Gesamtwerk von Claire Denis bietet. Aber ­konsequent ist es, wie sie in dem aschgrauen Thriller ihre Themen und Methoden zuspitzt, die sie seit langem beschäftigen: den direkten Blick auf Körper; die Faszination fürs Fremde und das Fremdsein im Bekannten; die Textur des Begehrens, spürbar und zum Greifen nah; die fragmentierte Erzählweise, die Affektblitze und die überscharfen Details und Gesten.

Oder so ähnlich, jedenfalls ist das Kino von Claire Denis nicht aus Motiven gefertigt, sondern aus unterschiedlich erhitzten Intensitäten. Wenn ein Film von Claire Denis beginnt, haben die ­Leben der Figuren längst begonnen, und wir müssen sie im Kopf zusammensetzen. Immer erinnert man sich an Ausbrüche und Sanftheiten in ihren Filmen, nie an die Geschichte. Man kann sie nicht nacherzählen, weil Denis alles auslässt, was die Ursachen erklären würde. Und dafür ins Gebrodel der Psyche sticht und es an die Oberfläche holt in ­einer heftigen Aufwärtsbewegung.

Sprunghaft ist das und gebrochen, so wie Claire Denis’ eigene Biografie: 1948 in Paris geboren, wuchs sie in den französischen Kolonien Westafrikas auf, wohin sie ihr Vater mitgenommen hatte, ein Kolonialbeamter mit kritischer ­Haltung zur Republik. Als Jugendliche kehrte Denis nach Paris zurück, quasi eine Exilantin in der Heimat. Afrika bleibt ein Bezugspunkt in Denis’ Kino, von «Beau travail» (1999), ihrem lyrischen Porträt französischer Fremden­legionäre in Djibouti, bis zu «White ­Material» (2009), einem ungeheuerlich faszinierenden Flow der Bilder. Isabelle Huppert wird in dem Drama als Besitzerin einer Kaffeeplantage in Kamerun von den Flammen eines gewaltsamen Aufstands ergriffen, und es ist ein Film wie eine Nagelbombe: Etwas zündet, und dann zischen die Bildbruchstücke an uns vorüber.

Wim Wenders und Jim Jarmusch haben schon Oden an Claire Denis geschrieben, für beide hat sie als Assistentin auf dem Set gearbeitet. Mehr als ein Dutzend Spielfilme hat sie gedreht und auch ein paar Dokumentarfilme; und stets verstand sie Kino als freundschaftliche Gemeinschaftsarbeit unter langjährig Vertrauten. Dazu gehören Schauspielermusen wie Alex Descas, die Kamerafrau Agnès Godard sowie die Tindersticks, die ihre Kompositionen nicht erst auf den fertigen Film pappen, sondern von Anfang an eingespannt sind. Verbunden ist Denis auch mit der Philosophie, sie hat zum Beispiel Jean-Luc Nancys «L’intrus» adaptiert, einen Essay über die identitären Leerstellen nach ­einer Herztransplantation.

Ein Preis aus Zürich

Das Kino von Claire Denis öffnet eine Welt der Komplexitäten, in der Irrationalität die Klarheit frisst. Man findet bei Denis eine andere filmische Empfindung, ein Gegenbild zum psychologischen Erklärdrama. Manchmal, da wirkt ihre Kunst nur gewollt enigmatisch. Aber stets bleibt sie solidarisch mit den marginalsten Figuren; und sie schreckt auch nicht vor Ambivalenzen zurück, wenn sie schwarze Körper studiert wie Fetische oder Kinder als Soldaten besetzt. Es sind oft opake Bilder am Grenzverlauf von Poesie und Schmerz, wo das Kino zur sinnlichen Erfahrung wird und Film zum Material der Lust.

Allzu viele ihrer Werke kamen indes nicht in unsere Kinos, und die letzte Retrospektive ist eine Weile her. Andererseits tut das Zurich Film Festival auch nicht so, als habe es Claire Denis gerade selbst entdeckt. Man wird ihr am Samstag einfach den Preis «A Tribute to . . .» für ihr Lebenswerk übergeben und damit eine grosse Regisseurin ehren. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 30.09.2014, 18:55 Uhr

Claire Denis

Retrospektive am Zurich Film Festival

«Les salauds» (4. 10., 19 Uhr, Corso 3)
«35 rhums» (5. 10., 14.45 Uhr, Film­podium)
«Beau travail» (5. 10., 17 Uhr, Filmpodium) und «White Material»
(5. 10., 20.45 Uhr, Corso 3).

Video


Der Trailer zu «Les salauds»


Der Trailer zu «White Material»

Sehnsucht nach Euphrat und Tigris

Samirs filmische Familiengeschichte «Iraqi Odyssey (3D)»

Man möchte nach dem Dokumentarfilm «Iraqi Odyssey (3D)» den Regisseur Samir zu seiner interessanten Familie beglückwünschen, und das ist nicht ironisch gemeint. Andere Familien gehen durch die Generationen in einer Art monotoner Stabilität. Aber in seiner – väterlicherseits, um genau zu sein – spiegelt sich arabische Geschichte des 20. Jahrhunderts mit ihrem Aufbruchsoptimismus, ihrem lähmenden Elend, ihren Kriegstragödien, kurzen Friedens­pausen und kulturellen Dissonanzen.

Sie ist fast weltumspannend, diese Familie, von der es heisst, sie stamme vom Propheten Mohammed ab. Ihre Geschichte ist auch die des Irak, wo Samir 1955 geboren wurde, woher sein Vater und sein Grossvater stammten und seine Onkel und Tanten und deren Nachkommen stammen, die heute über den Globus verstreut sind. Hier ist Stoff für Lebenserzählungen: vom Drama der Emigration; von der Nostalgie nach verlorener Schönheit zwischen Euphrat und Tigris; von «Arabien» in der Diaspora; von hoffnungsvoller (und längst pessimistisch gewordener) Radikalität; von erlebter Diktatur. Davon erzählt Samirs Film, der am Zurich Film Festival als Arbeitsfassung präsentiert wurde. Denn er ist noch nicht fertig, er lief deshalb auch nicht wie geplant im internationalen Dokumentarfilmwettbewerb des ZFF. Man sah ihm das Unfertige allerdings gar nicht so an, von ein paar rhythmischen Stotterern abgesehen.

Ausgereift schien er in seiner Vielschichtigkeit und im Gespür dafür, wo die individuelle Erzählung sich quasi vor die Weltgeschichte drängen darf und wo nicht. Und doch: Diese Odyssee ist lang und anstrengend mit ihren 162 Minuten Laufzeit – obwohl man versteht, dass ein Erzähler, der seiner Familie so nah ist, nicht leicht verzichtet auf etwas, das er auch noch zeigen will. Womöglich kam das Gefühl von Anstrengung auch von der 3-D-Technik. Sie schuf einen tiefen Raum für sich überlagernde Erinnerungen, aber offen gesagt: Man wurde ziemlich wirblig beim dauernden Decodieren eines Zuviels an Bild, Schrift und Wort.
Christoph Schneider

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