Das Ungeheuer ist da

Zur 70. Ausgabe zeigt das Festival von Cannes erstmals zwei Netflix-Filme im Wettbewerb. Damit beginnt das Kinosystem zu wanken.

Das System verschiebt sich zum Publikum: Filmfans fotografieren 2008 am Festival in Cannes die Stars. Foto: François Guillot/AFP

Das System verschiebt sich zum Publikum: Filmfans fotografieren 2008 am Festival in Cannes die Stars. Foto: François Guillot/AFP

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Auf der Bühne stand der Mann, der für den Content verantwortlich ist. Im Saal sassen die Zuhörer, und als die Fragerunde eröffnet wurde, erhob sich ein Journalist und sagte: «Ihnen ist bewusst, dass Sie in fünf, zehn Jahren das europäische Kino-Ökosystem zerstört haben werden?» Der Journalist war aus Frankreich, wo man in Sachen Cinephilie etwas traditioneller denkt als anderswo. Ted Sarandos, Chief Content Officer von Netflix, wollte ihm gerade antworten, als in der ersten Sitzreihe der Hollywoodproduzent Harvey Weinstein nach dem Mikrofon griff und Netflix als «visionäre Firma» verteidigte.

Vor zwei Jahren kam es zu dieser hitzigen Begegnung an einer Konferenz am Festival von Cannes. Am Mittwoch gehts wieder los, ab dann feiert Cannes sein 70-Jahr -Jubiläum, und zum ersten Mal laufen zwei Filme im Wettbewerb, die von Netflix produziert worden sind. Eine Art Ritterschlag: Angefangen hat die kalifornische Firma vor zwanzig Jahren mit dem Versand von DVDs. Später konnte man die Filme direkt übers Netz streamen, und heute hat der Anbieter viel Geld, womit er eigene Filmprojekte finanziert, sowie 100 Millionen Abonnenten, die von zu Hause aus Filme und Serien schauen. Man schaltet einfach ein und kuschelt auf dem Sofa, und wer einen Euphemismus für Sex brauchen will, sagt heute: «Netflix and chill.»

Nur die Franzosen sind nicht so entspannt, wenn es um Streaming geht. Die Fédération Nationale des Cinémas Français hat gegen den Einbezug der zwei Netflix-Beiträge am Festival protestiert: Das französische Gesetz verlangt eine Frist von drei Jahren, bis ein Kinofilm als Stream angeboten werden kann. Zumindest einen seiner Cannes-Filme, das Monstermovie «Okja», zeigt Netflix aber am 28. Juni seinen Abonnenten – einen Monat nach dem Festival. Und sowieso, drei Jahre? In einer ungeduldigen Zeit ist das mehr als eine halbe Ewigkeit.

Video – Trailer zu «Okja»

Cannes hat von Netflix verlangt, «Okja» in französischen Kinos zu zeigen, einig wurde man sich nicht. Der Streamingdienst stellt nach wie vor eine Bedingung, zusammengefasst im Business-Ausdruck Day-and-Date-Release: «Okja» kommt nicht zuerst ins Kino und wird später auf Netflix aufgeschaltet. Sondern alles geschieht am gleichen Tag. Wer aber kauft dann noch ein Kinoticket, wenn man für etwa gleich viel Geld ein Netflix-Monatsabo erhält – und die Premiere von «Okja» noch dazu?

Ausserdem: Hinter «Okja», der Geschichte eines Mädchens, das sein geliebtes Ungeheuer vor Profiteuren beschützt, steckt der Koreaner Bong Joon-ho, dessen furioser Ökothriller «The Host» auch bei uns seine Fans hat. Cannes huldigt insofern einfach einem Autorenfilmer, und in Korea wird «Okja» auch im Kino laufen. Ein Schweizer Start aber ist unwahrscheinlich. Könnte man den Film überhaupt zeigen, sagt Stephan Giger vom Verleih Ascot-Elite, hiesse das: zeitgleich mit der Lancierung bei Netflix. Hiesige Kinobetreiber wären von dieser Aussicht kaum begeistert.

Netflix profitiert vom Festival-Buzz

Im Gegensatz zum Versandhändler und Streaminganbieter Amazon, der mit seinen Filmprojekten seit zwei, drei Jahren Gast ist in Cannes, besteht Netflix auf dem synchronen Start. Die Strategie ist disruptiv, das Primat des Kinosaals soll fallen. Weshalb der Verband der französischen Kinos die nicht unphilosophische Frage aufgeworfen hat, ob ein Film, der lediglich übers Netz angeboten wird, noch als kinematografisches Werk zu betrachten ist. Dahinter allerdings steckt ein Purismus, der mit der dynamischen Realität von Cannes und seinem riesigen Filmmarkt nichts zu tun hat: «Cannes folgt dem Geld», sagt Mark Peranson, Locarno-Programmmacher und inniger Kenner der Festivalwelt. «Es dient sich der Industrie an, und weil Netflix ein wichtiger Teil dieser Industrie geworden ist, ergibt es Sinn, dass Cannes nun zwei Netflix-Titel zeigt.»

Neben «Okja» ist das «The Meyerowitz Stories», eine Komödie des New Yorker Regisseurs Noah Baumbach mit Adam Sandler. Baumbachs letzter Film, «Mistress America», war bei uns nur kurz am Zurich Film Festival zu sehen, «The Meyerowitz Stories» wird via Netflix auch hierzulande wohl einige Leute mehr erreichen. Denn bislang, so Peranson, hätten die Filme, wie sie Cannes zeigt, kaum etwas zu tun mit der Welt von Video-on-Demand (ausser, sie werden von Netflix gekauft). Cannes bleibe Cannes, auch in der digitalen Ära: Es zeigt den neuen Haneke, und der kommt irgendwann später bei uns ins Kino.

Aber eben: später. Was Netflix anstösst, ist eine Verschiebung des Systems hin zum Publikum. «Dass Netflix zwei Filme in Cannes vorführen kann, ist für den Anbieter ein Zeichen, dass seine Arbeit wertgeschätzt wird», sagt Festivalforscherin Marijke de Valck im Gespräch. Netflix profitiert da vom Festival-Buzz, der orchestrierten Aufmerksamkeit. Aber weil der Streaminganbieter die Filme bald darauf online aufschaltet, kann das Publikum innert relativ kurzer Zeit vom Sofa aus überprüfen, worum es bei dem Buzz gegangen ist.

Raus aus der Festivalkapsel

Der Zauber ist der Zugang: Noch immer besteht das Selbstverständnis vieler Festivals darin, dass sie Filme in eine Stadt bringen, die dort andernfalls nicht zu sehen wären. Dabei ist das Geschäftliche stets Teil davon: Bei den Prestigereihen in Cannes und anderswo reden längst Filmverkäufer mit, wenn es darum geht, was es zu sehen gibt, ob das Festival einen Film haben kann oder nicht. So aber dreht man sich irgendwann im Kreis, zeigen Festivalmacher Festivalleuten Festivalfilme, die zum Beispiel in Cannes, aber nirgendwo anders mehr zu sehen sind (ausser vielleicht im Winter für zwei Wochen im Arthouse-Kino). Die Filme bleiben in der Festivalkapsel, und das ausgerechnet zu einer Zeit, die sehr Content-hungrig geworden ist.

Eine Öffnung gegenüber dem Streamingpublikum wäre noch kein Untergang des Kino-Ökosystems. Der Protest gegen Netflix hat auch damit zu tun, dass der Anbieter die Privilegien von Kinobetreibern, Branchenleuten und Kritikern bedroht. Mittlerweile hat Cannes Netflix von einer zukünftigen Teilnahme ausgeschlossen, um den heimischen Kinomarkt zu schützen. Lange wird sich dieses Verbot nicht halten, denn Netflix macht nur ein Angebot: Das, worüber alle gerade reden, könnt ihr jetzt bei uns sehen. Also macht euch selber ein Bild.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 14.05.2017, 17:35 Uhr

Das Programm

Fatih Akin, Michael Haneke, «Twin Peaks»

Der Franzose Arnaud Desplechin eröffnet die 70. Ausgabe am Mittwoch mit «Les fantômes d’Ismaël», worin es um einen Filmregisseur und seine Geliebte geht. Vermutlich wird «The Day After» des Koreaners Hong Sangsoo ein ähnliches Thema haben, denn in seinen Filmen geht es meistens um Regisseure und deren Frauen.

Im Wettbewerb von Cannes (17. bis 28. 5.) vertreten sind ausserdem der Amerikaner Todd Haynes mit «Wonderstruck» – sein Drama spielt sowohl 1927 wie 1977 –, der Russe Andrey Zvyagintsev mit dem Ehedrama «Loveless» und Michael Haneke, der in «Happy End» mit Isabelle Huppert und Jean-Louis Trintignant europäischen Wohlstand und Flüchtlingsrealität zusammenbringt.

Fatih Akin scheint sich nach seinem Debakel mit dem Armenien-Epos «The Cut» wieder gefangen zu haben, nun gehts ihm um Linksterrorismus («Aus dem Nichts»). Sofia Coppolas «The Beguiled» verspricht einen Frauenwestern zur Bürgerkriegszeit, und etwas Angst hat man vor «The Square» des Schweden Ruben Östlund. Darin baut ein Künstler einen Begegnungsplatz, doch weil eine Agentur derart skrupellos Werbung macht dafür, explodieren alle schönen Absichten.

Ausser Konkurrenz läuft ein neuer Polanski, während der 91-jährige Franzose Claude Lanzmann seinen Dokumentarfilm «Napalm» über Nordkorea nicht hätte besser timen können. Und als wärs eine kleine Ironie, zeigt Cannes zum Jubiläum zweimal Fernsehen: «Top of the Lake» von Jane Campion sowie zwei Folgen von David Lynchs neuer «Twin Peaks»-Staffel. (blu)

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