«Das kann doch nicht wahr sein»

Drogen, Sex und Röschtigraben: Die Schauspieler Carlos Leal und Joël von Mutzenbecher im Doppel-Interview über die Basler Filmkomödie «20 Regeln für Sylvie».

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Carlos Leal, in «20 Regeln für Sylvie» spielen Sie den überbesorgten Vater Adalbert aus den Westschweizer Bergen, der seine Tochter beim Studienantritt in Basel von sündhaften Verlockungen fernhalten will. Haben Sie selber eine Tochter?
Carlos Leal: Nein, ich habe einen sechsjährigen Sohn.

Welche der im Film aufgestellten Regeln würden Sie ihm mit auf den Weg geben?
CL: Folge deinem Instinkt! Ein menschliches Wesen muss fähig sein, alleine zu lernen. Kinder werden so oder so jegliche Regeln brechen – dazu sind sie doch hier. Sie müssen die Möglichkeit haben, ihre eigene Identität zu finden. Also brechen sie Regeln. Vielleicht ist es in der Erziehung tatsächlich am besten, keine Regeln aufzustellen. In der Praxis ist das jedoch komplizierter.

Wie sieht es bei Ihnen aus, Joël von Mutzenbecher? In der Komödie spielen Sie einen kiffenden Studenten, der Adalbert zum Bruch sämtlicher Verbote treibt – mit welchen Regeln würden Sie ein eigenes Kind belegen?
Joël von Mutzenbecher: Ich bin grundsätzlich gegen Verbote, vor allem in der Erziehung. Ich kenne das von meiner Kindheit: Wenn mir verboten wurde, in die Steckdose zu greifen, habe ich es mit Absicht gemacht. Man muss aber auch sehen, dass Regeln nicht das Gleiche sind wie Verbote – Richtlinien wäre wohl das angebrachte Wort.

Welche der 20 Regeln für Sylvie würden Sie gerne einmal missachten?
CL: Im Film musste ich ja sämtliche Regeln brechen (studiert die Liste).
JvM: Hast du jemals einen Typen geküsst?
CL: Nein, noch nie – na ja, ausser in Filmen. Aber das ist okay (studiert weiter). Eine Schlammschlacht würde ich gerne einmal machen.
JvM: Bis auf die Peitsche und die Ketten habe ich jede Regel schon gebrochen. Obwohl: Einen Tanga habe ich auch noch nie getragen – ebenso ­wenig wie Pornos geguckt (lacht).

Wie war die Premiere in Basel vergangene Woche?
CL: Grossartig! Ich habe die Hälfte des Films nicht verstanden, weil die Leute gelacht haben. Regisseur Giacun Caduff ist eine Komödie gelungen, in der fast alle fünf Sekunden ein Witz fällt. Es war super, wieder in Basel zu sein. Ich mag die Stadt. Die Zeit mit der Filmcrew war ziemlich wild – und abseits des Drehs habe ich die gemütliche Seite der Stadt geniessen können. Das St.-Alban-Tal rund um die Jugend­herberge, in der wir einige Szenen drehten, war umwerfend schön. Ich könnte dort tagelang verweilen, lesend am Rhein.

Lachten die welschen Zuschauer bei der Vorstellung in Lausanne an anderen Stellen als die Deutschschweizer?
CL: Der Humor ist der gleiche, aber der Rhythmus war ein anderer – was mit den Untertiteln zu tun hat. Dass ein hauptsächlich schweizerdeutscher Film in Lausanne erfolgreich ist, hat mich sehr überrascht. Viele Welsche sind nämlich immer noch sehr skeptisch eingestellt gegenüber der Deutschschweiz. Nach der Vorstellung haben mir aber viele Zuschauer verraten, dass sie zum ersten Mal einen Film gesehen haben, in dem Schweizerdeutsch gesprochen wird – und in dem diese Charakter erst noch cool rüberkommen. Giacun ist es also gelungen, den Röstigraben zu überwinden.

Carlos Leal, wie war es, mit dem Basler Rapper Skelt! vor der Kamera zu stehen? Immerhin haben Sie beide Anfang der 90er-Jahre Schweizer Hip-Hop-Geschichte geschrieben – er mit P-27 und Sie mit Sens Unik.
CL: Es war super, ihn nach so vielen Jahren wiederzusehen. Das Lustigste ist ja, dass wir jetzt beide Väter spielen. Vor zwanzig Jahren erhoben wir unsere Fäuste zur Revolution – im Film sind wir nun diejenigen, die alles korrekt haben wollen. Skelt! macht in seiner Rolle als muslimischer Lädeli-Betreiber im Kleinbasel einen tollen Job. Saban, der Charakter von Skelt!, ist schweizerischer als jeder Schweizer (lacht). Das passiert tatsächlich vielen Einwanderern – ich sehe das bei meinen spanischen Eltern.

Welches war Ihre Lieblingsszene beim Filmdreh?
JvM: Die Szene in der Uni-Bibliothek, als Carlos und ich wegen unterschiedlicher Vergehen im Büro festgehalten werden. Es waren unsere letzten Tage am Set. Wir hatten unsere Charaktere bereits völlig verinnerlicht und mussten so tun, als würden wir uns eben erst kennenlernen. Dies, nachdem wir im Film bereits zusammen Gras geraucht haben.
CL: Meine Lieblingsszene war die grosse Abschlussparty. Da habe ich mich einfach gehen lassen müssen. Das ist gar nicht so einfach: Als Schauspieler will man sich immer unter Kontrolle haben. Die Party wurde immer verrückter, dabei waren wir nicht auf Drogen, sondern machten unsere Arbeit. Ich denke da etwa an die Szene, in der mich die Jungs an den Beinen hochziehen und ich mich übergeben muss.
JvM: Es war absurd. Wir hatten einen 20-Stunden-Drehtag und feierten eine wilde Party im beschaulichen Gellert-Quartier – inklusive Hard­rock-Konzert und Schlammschlacht. Da dachte ich zwischendurch schon: Das kann doch nicht wahr sein. Meine grösste Sorge waren meine Kleider, die ich auch am nächsten Tag beim Dreh benötigte.
CL: Deshalb hattest du auch diesen durchsichtigen Regenponcho an.
JvM: Jedes Mal, wenn Carlos und seine Filmpartnerin Bettina ­Dieterle sich wieder in den Schlamm wuchteten, bettelte ich um Verschonung.

Carlos Leal, war es anregend, mit Jungschauspielern zu drehen?
CL: Das war wunderbar! Ich wurde als erfahrener Profi dargestellt, als Vorbild – dabei habe ich die Jungen bewundert: Der Enthusiasmus der Truppe hat mich angetrieben. Da wurde teilweise besser gearbeitet als bei einer grossen Produktion. Ich war beeindruckt, wie diese Energie alle Defizite in Sachen Geld, Professionalität und Erfahrung aufgehoben hat.

War das einer der Gründe, dass Sie sich an diesem Projekt beteiligt haben?
CL: Absolut. Letztlich wurde alles durch die Energie eines Mannes ermöglicht: Regisseur Giacun Caduff. Bei der ersten Anfrage meinte ich noch: Immer mit der Ruhe, vielleicht bin ich nicht der richtige Typ für dich. Ich konnte mich zwar gut in der Rolle des Party-Animals vorstellen – aber mit diesem Bergler wollte ich mich zunächst nicht anfreunden.

Geht mit diesem Interview Ihre Zeit in Basel zu Ende, Carlos Leal?
CL: Ja. Wie es jetzt mit dem Film ­weitergeht, hängt vom Erfolg ab. Wir stehen in Konkurrenz zu grossen Hollywood-Produktionen. Für mich ist «20 Regeln für Sylvie» bereits ein Kultfilm – hoffentlich wird er das auch für die Jugend. (baz.ch/Newsnet)

Erstellt: 24.09.2014, 12:24 Uhr

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Ein Pionier, ein Komiker

Carlos Leal. Der 45-jährige Lausanner ist einer der bekanntesten Schweizer Schauspieler, bekannt aus helvetischen Produktionen wie «Sennentuntschi» oder «Snow White» sowie internationalen Blockbustern wie dem James-Bond-Film «Casino Royale». Zuletzt war Leal auch in der Schweizer Fernsehserie «Der Bestatter» zu sehen. Vor seiner Schauspielkarriere war der Romand zwanzig Jahre lang Rapper und Frontmann der Hip-Hop-Formation Sens Unik. Damit gehört er zu den Pionieren des Schweizer Rap.

Joël von Mutzenbecher. 2013 hat sich der 26-jährige Basler mit seinem Solo-Programm als «multitalentfrei» betitelt. Wer die Laufbahn des Komikers, Radio- und TV-Moderators und Schauspielers betrachtet, wird das als Mischung aus Understatement und Humor abtun. Aus dem Schatten seines bekannten Vaters, dem TV-Moderator und Schauspieler Heinz Margot, ist von Mutzenbecher jedenfalls schon lange getreten. Er war es übrigens auch, der 2009 als Telebasel-Moderator einem Partygänger das spätere Jugendwort des Jahres abtrotzte: «S Beschte wos je hets gits.» jg

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