Der Lautmacher

Wenn mans hört, ist es gut: Hans Zimmer ist der Blockbuster-Komponist schlechthin. Am Zurich Film Festival gab er Einblicke in sein musikalisches Schaffen.

«Ridley Scott oder Christopher Nolan holen das Gefährlichste aus mir heraus»: Hans Zimmer. Foto: Urs Jaudas

«Ridley Scott oder Christopher Nolan holen das Gefährlichste aus mir heraus»: Hans Zimmer. Foto: Urs Jaudas

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Zuerst ist da nur eine einzelne, zerschabte Cellonote. Jetzt lösen sich Violinen heraus und legen ein minimales Muster. Kurz eine Klaviersaite, angeschlagen mit der Rasierklinge, einmal, zweimal. Und nun: die Donnertrommel, bam, bam. Der Schwall bricht ab, es werden Bleistifte auf den Tisch geklöppelt. Dann kommts wieder, und nun kommts richtig, die Streicher schwellen an zu einem leinwandfüllenden Gedröhn, zu diesem «big Zimmer sound», der klingt, als ob sich Rammstein und Steve Reich um eine singende Säge streiten würden.

Es ist eine schreckliche Musik, und schrecklich muss sie sein. Hier tost das Thema zum Bösewicht Joker im Batman-Film «The Dark Knight». Hans Zimmer hat es komponiert, er hat so ziemlich jede Filmmusik komponiert. Wer ihn nicht kennt, hat ihn gehört: «Thelma & Louise», «The Lion King», «Pearl Harbor», «The Da Vinci Code»; mehr als hundert Filme sind es unterdessen, Zimmer zählt sie nicht mehr. Am Thema für den Joker hat er «monatelang» gearbeitet, sagt er. Nicht, um es aufzublasen. Sondern um Noten wegzulassen. «Bis ich das hingekriegt habe! Am Schluss waren es noch zwei Noten, C und D, sie liegen auf dem Klavier am nächsten beieinander und sind harmonisch am weitesten voneinander entfernt.» Trotz der Reduktion bleibt die Musik in «The Dark Knight», wie soll man sagen, dominant. «Ja, sie ist ein bisschen laut.»

9000 Spuren Musik

Hans Zimmer, am Zurich Film Festival mit dem Lifetime Achievement Award ausgezeichnet, ist ein witziger, unlauter Mann mit amerikanischem Schaffensdrang. Geboren ist er 1957 in Frankfurt am Main, insgesamt hatte er «zwei Wochen Klavierstunden» und ein «Problem mit Autoritäten», mit dem er in Deutschland nicht gut habe «überleben» können. Was er damals aus Synthesizern herausklapperte, fand den Weg nach Hollywood, mit dem piepsigen Score zu «Rain Man» (1988) war er angekommen. Heute beginnt seine Arbeit lange vor dem Film, in Gesprächen mit den Regisseuren. Sie entwickeln mit ihm die Musik, er entwickelt mit ihnen den Film. «Der Job ist es, das ins Leben zu bringen, was sich der Regisseur nicht vorstellen kann.» Für «The Thin Red Line» von Terrence Malick hat er sechseinhalb Stunden Musik geschrieben, bevor eine Szene gedreht war. «Jedes unserer Gespräche endete damit, dass ich ihn rausgeworfen habe, weil mir etwas eingefallen ist.» Zimmers Experimente für «The Dark Knight»: 9000 Spuren. Regisseur Christopher Nolan brauchte einen Langstreckenflug, um sich alles anzuhören.

Manche Regisseure würden seine Erfindungslust ersticken, aber mit den ­anderen arbeite er immer wieder, kameradschaftlich verbunden. «Gern sage ich, dass mir Ridley Scott oder Christopher Nolan das Beste entlocken. Aber um ehrlich zu sein: Sie holen das Gefährlichste aus mir heraus.» Dann kriegt der Joker ein Metal-Motiv und ein Blockbuster wie «Pirates of the Caribbean» eine irrwitzig mitreissende Titelmelodie, in der die Musiker eines Sinfonieorchesters in einer kontrollierten Bewegung übereinander purzeln.

Provokation sei zentral, die «guten Regisseure» würden das wissen, so Zimmer. «Früher hiess es, eine Filmmusik sei gelungen, wenn man sie nicht bemerkt. Ich will, dass man mich hört.» Das habe mit seiner Sozialisation zu tun, mit der Band, in der er spielte und mit dem «Rock ’n’ Roll», seinem persönlichen Vitalprinzip. «Schweiss und Adrenalin» müssten in der Musik drin sein, die deutsche Färbung äussere sich eher in seiner Schwäche für «klassische Harmonie», für Beethoven und Mozart.

In den Zimmer-Scores merkt man das Flair für Melodien und Spannungsaufbau, die Klänge sind frisch und griffig, die Elektronik ist unmerklich integriert. Die Dynamik indes wirkt offensichtlich, oft pumpt Zimmer auf, was man sieht, seis heroisch oder zart. Aber zuweilen sei in einem Film überhaupt wenig ­vorhanden, dann mache ihn die Musik klarer oder überschwemme wenigstens die schlechten Dialoge. «Wenn ich als Klempner gebraucht werde, mache ich die Klempnerarbeit, wenn ich als Künstler gebraucht werde, male ich das grosse Gemälde.» Im Ganzen sei er ein Künstler mit «kleinem k», sagt Zimmer. Was er tue, halte man in Europa ja für eine mit «Stripclubs» verwandte Tätigkeit.

Der geöffnete Blockbuster

Die Kritik hält seine Filmmusik für «unerbittlich», so subtil wie eine «an den Kopf gehaltene Knarre». Dabei entsteht die Zimmermusik als «intellektuelles Konstrukt». Zimmer schreibt ins Gedachte hinein, in die vorgestellten Motive eines Films, mit Kopf und Herz und nicht mit den «Muskeln». Mittlerweile könne er zwar die Gefühlswirkung jedes Klangs vorhersagen. «Aber es kommt auf den Kontext an. Um es in den schrecklichen Worten von Wagner zu sagen: Es ist ein Gesamtkunstwerk.» Als er dann an der Masterclass im Filmpodium als «lebende Legende» beklatscht wurde, merkte man ein wenig die Selbstverliebtheit – noch in der Bescheidenheit und Koketterie mit dem Banausentum. Aber Zimmer ist ein Star; er steht für den Breitlärm des modernen Actionkinos und den zeitgeistigen Nihilismus der neuen Batman-Filme. Er wolle, sagt Zimmer, dem Publikum die Möglichkeit geben, etwas zu spüren, ohne zu diktieren, was es spüren soll. «Ich versuche, das Stück nie ganz fertigzuschreiben. Da bleibt immer noch so ein kleiner Winkel drin, von dem aus es der Zuschauer selber vollenden kann.»

Das ist das zimmersche Angebot: die Teilnahme am Blockbuster für alle Klassen, die semantische Öffnung eines Millionengeschäfts. Wie in einer Band soll sich der Zuschauer an der Musik beteiligen können. Gelingen würde es nicht immer, aber bald komme ja der nächste Film. «Ich versuche einfach, besser darin zu werden, Hans Zimmer zu sein.» (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 04.10.2014, 08:02 Uhr

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