Der Schrecken des Krieges

«Dunkirk» ist ein Monumentalfilm. Er ist monumental darin, Angst zu machen.

Ohne Deckung, schutzlos, machtlos. Britische Soldaten warten auf der Mole von Dünkirchen auf ihre Evakuation, sie sind ein einfaches Ziel für Angriffe aus der Luft.

Ohne Deckung, schutzlos, machtlos. Britische Soldaten warten auf der Mole von Dünkirchen auf ihre Evakuation, sie sind ein einfaches Ziel für Angriffe aus der Luft.

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Nie mehr seit «Saving Private Ryan» von Steven Spielberg aus dem Jahr 1998 wurde Krieg so hautnah dargestellt. Schon mit der Eröffnungsszene von «Dunkirk» wird spürbar, was der britisch-amerikanische Regisseur Christopher Nolan, der für seine Batman-Trilogie bewundert wird, vorhat: Er will uns in einer Stunde und fünfundvierzig Minuten den Schrecken des Krieges zeigen.

Der Film beginnt mit sechs britischen Soldaten, die durch das wie ausgestorben wirkende Dünkirchen gehen. Die Ruhe ist trügerisch, das ist klar. Eine tickende Uhr, die wir später immer wieder hören, deutet an, dass die Zeit abläuft. Schüsse fallen. Ein Engländer bricht tot zusammen. Dann ein zweiter, ein dritter. Am Ende gelingt es einem der sechs, sich über ein Tor zu schwingen. Kurz darauf stösst er auf eine Strassensperre. Er gibt sich als Engländer zu erkennen. Die Männer hinter den Sandsäcken bei der Strassensperre sind Franzosen, Alliierte. Der Soldat geht weiter. Er lässt die letzten Häuser hinter sich und sieht den Strand von Dünkirchen vor sich. Dort stehen, in Reih und Glied, die vordersten schon in den Fluten, britische Soldaten, die auf ihre Evakuierung warten.

Nolan verzichtet also auf ein Exposé. Er fängt am Punkt A, frei gewählt, zufällig, mit der Handlung an und wird 105 Minuten später wieder aussteigen, an Punkt B, frei gewählt, zufällig.

Er geht also davon aus, dass man weiss, was «Dünkirchen» für den Zweiten Weltkrieg bedeutet (siehe Artikel zum Thema), wer die Gegner waren, was sich vorher in Europa abgespielt hatte und was die Folgen sein würden. Er verzichtet auch völlig darauf, kostbare Filmminuten damit zu verschwenden, um Erklärungen zu geben. Wir sehen also weder deutsche Offiziere – geschweige denn Hitler – die an einem Kartentisch planen, wie sie Dünkirchen einnehmen und die «British Expeditionary Force» vernichten wollen, noch sehen wir etwas in der Art auf Seite der Alliierten.

Der namenlose Soldat

Wir sehen überhaupt kaum Offiziere. Zwar kommt einmal, an der Mole von Dünkirchen, kurz der Konteradmiral, um mit dem hohen Marineoffizier Commander Bolton (Kenneth Branagh), die Lage zu besprechen, aber sonst haben wir es den ganzen Film über fast nur mit namenlosen Soldaten zu tun. Es ist klar warum: Nolan ist nicht interessiert an einer Heldengeschichte oder auch nur an einer Identifikationsfigur. Jeder kann es sein. Jeden kann es treffen. Jederzeit.

Wir sehen auch nie einen Deutschen. Keinen sadistischen SS-Mann, keinen Soldaten der Wehrmacht, keine U-Boot-Besatzung, kein Gesicht. Wir bekommen nur zu spüren, dass die Deutschen da sind, denn es kommen Bomben geflogen, es fallen Schüsse, Torpedos pfeilen durch das Meer, Kampfflugzeuge zerschiessen alles, was ihnen ins Visier gerät.

Nolan nutzt drei Einblendungen als eine Art Kapitelüberschriften, die auf den ersten Blick verwirrend wirken. Er nutzt sie für die drei Elemente Land, Wasser und Luft. Beim Land wird als Zeitangabe «Eine Woche» angegeben. Beim Wasser «Ein Tag». Bei der Luft «Eine Stunde».

Nolan schneidet die Szenen vom Land, vom Wasser und von der Luft aber ineinander und man könnte meinen, es spiele sich alles gleichzeitig ab. Doch die Männer am Strand in Dünkirchen mussten eine Woche ausharren, bis die Armada an Fischkuttern, Schleppern, Yachten kam, um möglichst viele der Boys zurückzuholen, nach England, das von Dünkirchen aus fast in Sichtweite war, nur 26 Meilen entfernt. Das Schiffchen, das für den zweiten Handlungsstrang dient, die «Moonstone», hat einen Tag nach Dünkirchen und zurück. Und die drei Kampfpiloten in den Spitfires der Royal Air Force hatten genügend Sprit für eine Stunde Einsatz.

Der Feind ist unsichtbar

Weil Nolan das alles mischt, täuscht er, aber er gibt uns gleichzeitig auch genügend Hinweise, dass er täuscht: In den Szenen an Land sehen wir Licht und Dunkelheit, Tag und Nacht. Die Zeit vergeht. Dazu sehen wir Tage mit schlechtem Wetter, hohem Seegang. Während der Fahrt der «Moonstone» ist es immer schön, die See ruhig. Während der Stunde Luftkampf ebenso.

Kämpfen im eigentlichen Sinn tun nur die Piloten der Air Force Farrier (Tom Hardy) und Collins (Jack Lowden). Die Männer am Boden werden nie in Kampfhandlungen verwickelt, weil der Feind unsichtbar ist. Und interessanterweise zeigt Nolan auch kaum Gegenwehr der Kriegsschiffe. Sie dümpeln mehrheitlich verteidigungslos im Wasser und werden von Bomben oder Torpedos getroffen.

Der Überlebensinstinkt

Diese konstante Verwundbarkeit, die Ausgesetztheit von allen, allem gegenüber – die Soldaten am Strand können einfach niedergemetzelt werden – trägt zum Gefühl der Angst bei, das einem bei «Dunkirk» packt. Der namenlose Soldat, den wir ganz vom Anfang kennen (Fionn Whitehead), entwickelt einen ungeheuren Instinkt, wie er sich verhalten muss, um zu überleben. Er folgt kaum Anweisungen der anderen, selbst wenn er sich vermeintlich in Sicherheit befindet. Das rettet ihm unter anderem dann das Leben, als das Kriegsschiff, das endlich gen England ablegt, torpediert wird und sinkt. Weil er sich nicht hat einschliessen lassen, geht er auch nicht mit unter.

Als er sich mit ein paar anderen Soldaten in einem holländischen Schiffkutter versteckt und dieser von Deutschen beschossen wird, hat er Glück, dass ihn kein Kugel trifft. Und als er sich erneut ins Meer retten muss, um nicht mit dem Schiff abzusaufen, landet er in einer Öllache, die sich kurze Zeit später entzündet.

Neben dieser ganzen Palette an Todesarten, die alleine daran gezeigt werden, was er erlebt – erschossen werden, zerbombt werden, ertrinken, verbrennen – dienen die Szenen an Bord der «Moonstone» als willkommener Gegensatz, fast schon als Ruhe. Nolan vertraut die Rolle des Mr. Dawson, der eigenmächtig mit seinem Boot aufbricht, um möglichst vielen Landsleuten die Flucht aus Dünkirchen zu ermöglichen, Mark Rylance an. Er ist ein Individuum mit Namen, selbstbestimmt, kein Kanonenfutter. Dass Nolan auch auf der «Moonstone» noch ein kleines Drama inszeniert, ist überflüssig.

Ein cinematografisches Meisterwerk

Der Film liegt einem nachher wie ein Stein auf dem Magen. Er ist sehr gut gemacht, mit eindrücklichen Bildern, die mit traditionellem Filmmaterial entstanden, nicht digital. «Dunkirk» ist ein cinematografisches Meisterwerk, ein Beispiel dafür, wie viel Wirkung sich alleine mit Bild und Ton erzielen lässt. Nur sehr wenige Filme seit den letzten Tagen des Stummfilms kommen mit so wenig Dialog aus.

Muss man ihn gesehen haben, ist die grosse Frage? Er wirkt wie eine Faust ins Gesicht. Er macht benommen, matt. Er macht Angst, das vor allem. Christopher Nolan ist jedenfalls konsequent darin, den Krieg nicht zu glorifizieren, nie, zu keiner Sekunde. Am Ende steht Churchills Appell an den Durchhaltewillen der Briten, vorgelesen von einem Soldaten aus einer Zeitung.

Der Trailer zum Film von Christopher Nolan. (Basler Zeitung)

Erstellt: 26.07.2017, 10:43 Uhr

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