Der Zuschauer traut sich nicht mal mehr, Popcorn zu essen

Der ausgezeichnete Horrorfilm «A Quiet Place» erzählt von einer Welt, in der der kleinste Laut tödlich sein kann. Denn dann kommen die Monster, fledermausartige Dinger.

«A Quiet Place» ist mehr als ein atemloser Horror-Überlebenskampf.


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Die Kinder haben ein Sicherheits-Monopoly: Alle Spielfiguren sind aus Stoff, und die Eltern haben in ihrem einsamen Farmhaus eine weitere strenge Spielregel aufgestellt: Würfeln ist nur auf dem Teppich erlaubt. Doch wovor haben Mutter und Vater eigentlich so grosse Angst?

Der Sohn und die Tochter, so stellt sich bald heraus, könnten beim Spielen ein Geräusch machen. Und dann kommen die Monster, fledermausartige Dinger, die sich draussen im Maisfeld verstecken und nur mit ihrem superscharfen Gehör allen Tönen nachjagen. Wer einmal in ihre rasiermesserartigen Krallen gerät, hat kaum Überlebenschancen. Nicht nur diese Farm, die ganze Welt scheint von den Ungeheuern terrorisiert zu werden, genauer erfährt man es aber nicht.

Fühlt es sich so ähnlich an, unter einem totalitären Regime zu leben? Ein falsches Wort, einmal zu laut werden - und alles ist aus? Oder reicht für einen solchen Horror schon die Angst aller Eltern vor den unwägbaren Gefahren, die überall auf die eigenen Kinder lauern? Sie alle abzuwenden ist so unmöglich wie der Versuch, sämtlich Geräusche zu vermeiden.

John Krasinski, der Regisseur und Hauptdarsteller von «A Quiet Place», ist im wirklichen Leben mit Emily Blunt verheiratet, die er auch im Film als seine Ehefrau besetzt hat. In der Fiktion wie in der Realität haben die beiden zwei Kinder. Die Sorge um den Nachwuchs dürfte ihnen also vertraut sein, aber hier geht es auch um andere Ängste. Etwa um den Verlust aller Sicherheiten, oder den erzwungenen Verzicht auf einfachste menschliche Bedürfnisse - wie das Reden.

Ein Kind an die Fledermäuse verloren

Bei Hollywood-Produzenten sind Horrorfilme mit Kammerspielcharakter gerade äusserst beliebt, da sie mit niedrigen Budgets die Einspielergebnisse von Blockbuster erreichen können. «A Quiet Place» kostete 17 Millionen Dollar und spielte bisher alleine in den USA mehr als 50 Millionen ein. Im vergangenen Jahr war «Get Out» ein solcher Überraschungshit. Meist haben die Filmemacher bei diesen Budget-Summen mehr Freiheiten, denn viel Geld kann ja nicht verloren gehen. Dann ist es sogar erlaubt, einen Horrorfilm über Rassismus wie «Get Out» zu drehen. Oder eben einen ungewöhnlich leisen Film - wie «A Quiet Place».

Und es geht wirklich sehr leise zu. Es wird kaum gesprochen, und schon nach der ersten Szene ist der Zuschauer darauf konditioniert, bei jedem Geräusch zusammenzuzucken. An Stellen, wo man eigentlich Geräusche erwartet, sind diese kaum wahrnehmbar, und wenn der Film in die Perspektive der tauben Teenagertochter wechselt, ist der Ton sogar ganz weg. Das kann dazu führen, dass sich absolute Stille über das Kino senkt: Manche Betrachter beschwerten sich in den USA per Twitter, sie hätten sich nicht einmal mehr getraut, ihr Popcorn zu knuspern. Andere wiederum klagten, sie wären in eine Vorstellung mit viel zu lauten Sitznachbarn geraten, die in dem Film keine fünf Minuten überlebt hätten.

John Krasinski nutzt die Freiräume, die er sich damit schafft, für eine besondere und besonders ruhige Bildsprache. Er zeigt alles, was er nicht sagen kann. In langen Einstellungen begleitet er den Alltag der Familie unter der ständigen Angst vor den Ohrenmonstern: die mit dämpfendem Sand ausgestreuten Wege, die Markierungen auf den Bodendielen, die nicht knarzen - das sind alles Spuren des Horrors, den der Film zeigt, aber nicht erklärt. Der Zuschauer kann selbst erahnen, wie hart es gewesen sein muss, manche dieser Überlebenslektionen zu lernen.

So schafft es Krasinski, eine umgestossene Laterne oder einen herausstehenden Nagel so bedrohlich werden zu lassen wie die lauernden Monster selbst. Manchmal strapaziert der Film seine eigene Prämisse der völligen Geräuschlosigkeit etwas zu sehr, aber es lohnt sich, ihm darin zu folgen, denn er macht auch vor den schwierigen Fragen, die sich unter diesen Bedingungen stellen, nicht halt. Wie soll eine Frau ein Kind gebären, wenn sie keinen Ton von sich geben darf? Was macht man mit einem schreienden Kleinkind? Die Familie im Film hat dafür eine Lösung gefunden, die wie die Konzentration des ganzen Schreckens ihrer Situation wirkt: Im Keller steht eine dick ausgepolsterte Kiste mit einer Sauerstoffflasche.

In den meisten Horrorfilmen sind die Monster das Produkt sozialer Missstände, oder sie treten als externalisierte Manifestationen der Ängste und Konflikte ihrer Protagonisten in Erscheinung. Die Angst, überfallen zu werden, oder der Konflikt mit der Familie erscheint als Mörder oder Ungeheuer. «A Quiet Place» versucht auch, im Verhältnis zwischen seinen Figuren und den Ungeheuern einen neuen Weg zu gehen. Die Monster dürfen einfach Monster bleiben, und ein Familienkonflikt wird auch zwischen den Familienmitgliedern gelöst und nicht ausgelagert.

Denn die Familie hat bereits ein Kind an die Fledermäuse verloren. Der Film zeigt aber nicht nur, wie üblich, einen atemlosen Horror-Überlebenskampf, sondern lässt auch Raum für die Trauer und das Trauma der Schuld. So fantastisch diese Monster sind - die Wunden, die sie schlagen, schmerzen hier wirklich.

«A Quiet Place», USA 2018 - Regie: John Krasinski. Drehbuch: Bryan Woods, Scott Beck und John Krasinski. Kamera: Charlotte Bruus Christensen. Mit Emily Blunt, John Krasinski, Millicent Simmonds, Noah Jupe. Paramount Pictures, 90 Minuten.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 16.04.2018, 14:10 Uhr

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