Die Schlacht an der Farbgrenze

«Selma», nominiert für den Oscar als bester Film, zoomt auf die Märsche der US-Bürgerrechtsbewegung von 1965. Das Historiendrama kommt zu einer Zeit, in der die Kämpfe um die «color line» erneut aufflackern.

David Oyelowo spielt Martin Luther King (stehend, in der Bildmitte) zurückhaltend, reflektiert, leidenschaftlich und glaubwürdig. Foto: Atsushi Nishijima

David Oyelowo spielt Martin Luther King (stehend, in der Bildmitte) zurückhaltend, reflektiert, leidenschaftlich und glaubwürdig. Foto: Atsushi Nishijima

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«Selma» erinnert an Rolf Lyssys Film «Die Schweizermacher»: Hier wie dort geht es um Menschen, die sich einbürgern oder registrieren lassen und ihre Bürgerrechte wahrnehmen wollen. Beiderorts sehen sie sich mit einem Katalog schikanöser Fragen konfrontiert, die selbst Eingebürgerte kaum beantworten können. In Selma, Alabama, trifft es 1965 Annie Lee Cooper (Oprah Winfrey), der das Recht verweigert wird, sich für das Wählen zu registrieren.

Sie ist kein Einzelfall, sondern verkörpert das Schicksal der Mehrheit einer Minderheit, auch hundert Jahre nach dem Ende des US-amerikanischen Bürgerkriegs. Ist «Selma» ein Historienfilm zur Bürgerrechtsbewegung der Sechzigerjahre? Angesichts der landesweiten Proteste gegen willkürliche Polizeigewalt, die junge Afroamerikaner wie Michael Brown in Ferguson und Eric Garner in New York jüngst mit dem Tod bezahlt haben, bleibt jedenfalls weiterhin viel zu tun für eine neue Generation von «Civil Rights»-Aktivisten, ausgestattet mit Medienintelligenz und einem neuen Blick auf Pigmentokratien.

Weshalb sind Afroamerikaner, auch unter Präsident Obama, vor allem Konsumenten und nicht Mitproduzenten einer rasanten technischen Entwicklung, etwa im Silicon Valley? «Selma» ist da weit mehr als die Filmbiografie ihres Helden Martin Luther King Jr. Nämlich eine Bestandesaufnahme eines sich stets verändernden US-amerikanischen Dilemmas um die Grundbedingungen menschlicher Existenz in einer demokratischen Gesellschaft. Schon 1903 brachte W. E. B. Du Bois diesen Dauerkonflikt in seinem Essayband «The Souls of Black Folk» auf den Punkt: «The problem of the Twentieth Century is the problem of the color line.»

Trennlinie in den Köpfen

«Selma» erfordert eine kurze Einbettung in historische Zusammenhänge, die bis zu den Anfängen der Kolonialisierung Nordamerikas zurückreichen. Hier nur so viel: Nach dem 13. Verfassungszusatz, dem Ergebnis des Bürgerkriegs 1865, der den Sklaven die Freiheit und zumindest auf dem Papier das Stimm- und Wahlrecht einbrachte, standen die US-Südstaaten bis 1877 unter dem Regime der Rekonstruktion, also der Wiedereingliederung in die Union und dem Umbau der weitgehend zerstörten Plantagenwirtschaft. Die Sklaverei wurde von ihrer ursprünglichen ökonomischen Funktion gelöst, der Beschaffung und Bereitstellung von Gratisarbeitskräften. In der ehemaligen Konföderation war sie abgeschafft, aber die Segregationslinien in den Köpfen der unterlegenen Elite blieben bestehen. Die nationale Neuordnung schuf eine Welt, in der bis weit in die Fünfzigerjahre die «Jim Crow»-Gesetze galten. Diese Ideologie von «biologischer» Überlegenheit als Grundlage der rechtlichen Ausgrenzung und Unterdrückung führte zur vollständigen Trennung der schwarzen und der weissen Bevölkerung in allen Bereichen des öffentlichen Lebens.

Ab 1896 herrschte die Doktrin des «separate but equal» im öffentlichen Verkehr, in Schulen, Spitälern, Fabriken, Kirchen, Hotels, Restaurants, Toiletten und Friedhöfen. Das Recht auf Mitbestimmung am öffentlichen Leben blieb den Afroamerikanern verwehrt. So zogen während der «Great Migration» in zwei Wellen – zwischen 1910 und 1930 und nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs bis 1970 – gegen sechs Millionen aus dem tiefen Süden in die Industriezentren des Nordens, bereit, «die Wärme anderer Sonnen» zu fühlen, wie der Schriftsteller Richard Wright schrieb.

Die im Süden gesetzlich verankerte Rassentrennung blieb bis 1954 bestehen. Erst nach Beginn der Desegregation des Schulsystems und des öffentlichen Verkehrs formierte sich eine immer drängendere Bürgerrechtsbewegung, die die afroamerikanische Bevölkerung von Zwang und Bindung an eine weisse Vorherrschaft zu befreien und ihre Rechte einzufordern suchte. Solange die schwarze Bevölkerung als «getrennt, aber gleich» galt, sah die «weisse» Bevölkerung zwischen dem in der Unabhängigkeitserklärung verankerten Anspruch auf Gleichheit und der Rassentrennung keinen Widerspruch. Wie aber war der vorherrschende Status der Weissen aufrechtzuerhalten und eine bereits sichtbare Vermischung der «Rassen» zu verhindern? Das waren damals die bestimmenden Fragen entlang der «color line».

Ein Ausschnitt einer langen Geschichte

Mit «Selma» hebt nun die afroamerikanische Regisseurin Ava DuVernay den entscheidenden Moment in der Geschichte der Bürgerrechtsbewegung heraus und zeichnet die Chronik jener drei tumultösen Monate im Jahr 1965, in denen Dr. Martin Luther King Jr. (David Oyelowo) seine gefährliche Kampagne für gleiche Stimm- und Wahlrechte in Alabama führte. Es ist ein Film ohne klaren Anfang und klares Ende, weil die Handlung nur einen Ausschnitt einer langen Geschichte zeigt. Aber der Ausschnitt ist einleuchtend gewählt: In drei Anläufen marschieren die Aktivisten von Selma nach Montgomery, behaupten sich gegen die militante Opposition von Alabamas Gouverneur George Wallace (Tim Roth) und bereiten den Weg zum «Voting Rights Act», einem Meilenstein in der amerikanischen Gesetzgebung gegen die Diskriminierung der Grundrechte von Minderheiten. Das Gesetz ist der bedeutendste Sieg der amerikanischen Bürgerrechtsbewegung und beendet de facto die hundert Jahre Ungleichheit nach der Sklavenbefreiung von 1865, die nur de jure galt. Für Präsident Lyndon B. Johnson (Tom Wilkinson) beginnt der Kampf am 8. März, nach dem ersten blutigen Marsch, als Polizisten zahlreiche gewaltfrei Protestierende auf der Edmund-Pettus-Brücke in Selma brutal attackiert und sogar getötet haben. Martin Luther King, der Friedensnobelpreisträger von 1964, schliesst sich unter grosser medialer Beachtung der Bewegung an und organisiert einen zweiten Protestmarsch nach Montgomery.

Unter dem Druck von Gouverneur Wallace kehrt King nach einem Gebet in der Mitte der Edmund-Pettus-Brücke um, um weiteres Blutvergiessen zu verhindern und stattdessen seinen Einfluss bei Präsident Johnson geltend zu machen. Der dritte Marsch mit über 25 000 Teilnehmenden, von der Nationalgarde eskortiert, gelangt schliesslich ans Ziel. Dann hält King seine entscheidende Rede vor dem Capitol in Montgomery: «We shall overcome!» Der für den Oscar als bester Film nominierte «Selma» fesselt wegen des spannungsreichen Hin und Her des dreimaligen Marschierens und Zurückweichens – und des politischen Taktierens zwischen Bürgerrechtler King, Präsident Johnson und Gouverneur Wallace. Durch das Prisma der historischen Entscheidungen erscheint King nicht nur als geborener Pfarrer, Rhetor und unantastbarer Visionär des Traums der Gleichberechtigung, sondern auch als ungeduldiger Kämpfer, gelegentlich als Zauderer und, hier folgt der Film Gerüchten, als untreuer Ehemann. Ihn quälen Schwierigkeiten mit seiner Frau sowie Selbstzweifel und Rivalitäten mit den jungen lokalen Führern der anderen Flügel der Bürgerrechtsbewegung.

Eine Geschichtsverfälschung?

Ava DuVernay hat sich aber auch den Vorwurf der Geschichtsverfälschung eingehandelt. Nicht als politisch gewiefter Mitstreiter sei Präsident Johnson in «Selma» porträtiert, sondern als Antagonist von Martin Luther King. Diese künstlerischer Freiheit geschuldete Schwarz-Weiss-Opposition greift in der Tat an den historischen Tatsachen vorbei. Kings Stellvertreter Andrew Young und Joseph. A. Califano, innenpolitischer Berater des Präsidenten, schildern ein entscheidendes Gespräch zwischen Johnson und King als einvernehmlich und nicht konfliktgeladen.

Insgesamt erzählt Regisseurin Ava DuVernay die Geschichte der Märsche auf das Wesentliche reduziert, in eindringlichen Szenen voller Leben. David Oyelowo gibt die Hauptfigur hervorragend: zurückhaltend, reflektiert, mit Passion und Glaubwürdigkeit. Hollywood fokussiert mit Vorliebe auf Triumph und Fall eines Helden wie Martin Luther King Jr. «Selma» zeigt seinen zentralen Sieg: 1965 sah King seinen Traum erfüllt, 1968 bezahlte er in Memphis mit dem Leben.

In Zürich im Kino Capitol.

*Therese Steffen ist Professorin für Anglistik an der Universität Basel. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 18.02.2015, 17:26 Uhr

Die berühmtesten Reden von Martin Luther King

«I Have a Dream» proklamierte King am 28. August 1963 auf den Stufen des Lincoln Memorial in Washington nach dem Marsch für Freiheit und Arbeit: «How long, not long», versprach King am 25. März 1965 auf den Stufen des Parlamentsgebäudes in Montgomery, Alabama, nach dem Marsch von Selma: Kings Dankesrede vor dem Nobelpreis-Komitee am 10. Dezember 1964 in Oslo, als er den Friedensnobelpreis entgegennahm:

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