Die kuriose Karriere des «unspielbaren» Godard-Films

Der US-Filmkritikerverband wählte «Adieu au langage» des Schweizer Regisseurs zum Film des Jahres – in die Schweizer Kinos bringt ihn sein Kameramann.

Der Trailer zu «Adieu au langage» – natürlich nur in 2-D


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Der beste Film 2014 sei «Boyhood», sagen die Filmkritiker von der Schweiz bis Los Angeles. Alle? Nein, der nationale Filmkritikerverband der USA wählte «Adieu au langage» des am Genfersee lebenden Jean-Luc Godard zu seinem Film des Jahres. Er erhält in der Schweiz eine spezielle Auswertung: Der Kameramann selber bringt ihn ins Kino.

Godards Film feierte im Mai 2014 in Cannes Premiere. Es ist eine französische Produktion, gedreht hatte ihn der Regisseur mit dem Schweizer Pass allerdings in der Umgebung seines Wohnortes Rolle im Waadtland. Und zwar in 3-D – obwohl Godard, wie er in einem Interview der «SonntagsZeitung» sagte, noch nie einen Film in diesem Format gesehen hatte: «Wenn eine neue Technik aufkommt, finde ich es immer gut. Dann gibt es keine Regeln dafür. Und man kann alles machen.»

In «Adieu au langage» zerzaust Godard tatsächlich das traditionelle 3-D-Format. Manchmal überlappen sich die mit zwei Kameras aufgenommenen Bilder, die Raumtiefe schaffen sollen, tatsächlich, manchmal weichen sie aber auch voneinander ab, verzerren das Kinobild. Es ist ein Film von eigenartiger Schönheit, eine Liebesgeschichte voller Anspielungen und Zitate. An erster Stelle bei den Darstellern wird ein Hund genannt: Roxy Miéville, die Appenzeller-Mischung von Godards Lebenspartnerin Anne-Maria Miéville.

Der 84-jährige Regisseur erhielt für den 70-minütigen Film in Cannes prompt den Jurypreis, zusammen mit dem jüngsten Regisseur im Wettbewerb, dem 25-jährigen Xavier Dolan. Dessen «Mommy» läuft jetzt in den Kinos, bei «Adieu au langage» dagegen blockten die Schweizer Verleiher ab. «Unspielbar», lautete ihr Urteil zum 39. Kinofilm des Regisseurs von Klassikern wie «A bout de souffle» (1960) und «Pierrot le fou» (1965). Tatsächlich kamen Godards Filme in diesem Jahrtausend nur noch selten ins Kino – oder brachten es, wie zuletzt der «Film socialisme» im Jahr 2010, in der Deutschschweiz auf ernüchternde 685 Zuschauer.

Neue Formen und Vertriebsmöglichkeiten

Lange sah es so aus, als ob «Adieu au langage» hierzulande nur auf DVD zu sehen sein würde (und wer hat schon ein 3-D-Bluray-Gerät?). Jetzt gibt es doch einen Kinostart. Und zwar auf Initiative des Mannes, der die fantastischen Bilder aufgenommen hat. Der Neuenburger Kameramann Fabrice Aragno, der seit 2002 mit Godard zusammenarbeitet, vertreibt den Film selber. Weil die Kinos, die ihn zeigen wollen, in der Regel über keine 3-D-Projektoren verfügen, rüstet er diese für die Vorstellungen auch gleich um.

Der neue Godard ist deshalb ab heute im Kino ABC in La Chaux-de-Fonds zu sehen. Nach einer Festivalvorführung an den Solothurner Filmtagen läuft «Adieu au langage» ab dem 5. Februar in der Deutschschweiz: im Berner Kino Kunstmuseum. Im Februar folgen Vorführungen in Tramelan und Delsberg, ab Mitte März folgt das Zürcher Kino Xenix.

Das ist eine spezielle Kinotournee für den Film, den der US-Kritikerverband als den wichtigsten des vergangenen Jahres bezeichnet. Aber sie passt zum Regisseur, der stets nach neuen Formen und Vertriebsmöglichkeiten suchte. Preise hat Godard dafür schon einige erhalten. Aber der zurückgezogen lebende Regisseur zeigt sich bei Verleihungen in der Regel nicht: Weder den Jurypreis in Cannes noch den Ehrenoscar im Jahr 2010 holte er persönlich ab.

Beim US-Kritikerpreis muss er sich die Frage, ob er zur Verleihung fahren will, nicht stellen. Für den Ehrenpreis gibt es keine Geldsumme und keine Trophäe. Aber vielleicht etwas Werbung für den Kinostart. (baz.ch/Newsnet)

Erstellt: 07.01.2015, 10:15 Uhr

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