Ein indischer Mixed Drink

«Viceroy’s House» ist ein Film über das Ende des britischen Empire auf dem Subkontinent.

Noch haben die Briten etwas zu sagen. Der Viceroy (Hugh Bonneville) mit seiner Tochter und seiner Frau und dem Hofstaat.

Noch haben die Briten etwas zu sagen. Der Viceroy (Hugh Bonneville) mit seiner Tochter und seiner Frau und dem Hofstaat.

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Am 15. August 1947, also rund zwei Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs, erhielten Pakistan und Indien ihre Unabhängigkeit vom Königreich Grossbritannien. Nach fast 300 Jahren britischer Kolonialisierung war das ein enormer Schritt. Ein Schritt, der unter anderem mit der Figur Mahatma Gandhi zusammenhängt. Er hatte die Unabhängigkeitsbewegung geprägt.

Die in England geborene und aufgewachsene Regisseurin Gurinder Chadha – «Bend it Like Beckham» – hat sich dieses historischen Stoffes für ihren neusten Film «Viceroy’s House» angenommen. Der Film zeigt die letzten Tage des Empires auf dem indischen Subkontinent, beginnend mit der Ankunft des «Viceroy», des Vizekönigs, Lord Louis Mountbatten im Frühjahr 1947.

Er hat vom Premierminister Clement Attlee den klaren Auftrag, Indien in die Unabhängigkeit zu entlassen, mit anderen Worten: Bei seiner Ankunft in Indien weiss Mountbatten, dass er der letzte Viceroy in der Geschichte sein wird und dass er eine heikle Aufgabe gefasst hat: Jetzt, da klar ist, dass die Engländer bald weg sein werden, beginnt ihre Autorität zu bröckeln. Und gelang es ihnen über Jahrhunderte meisterhaft, die verschiedenen Völkergruppen und Religionen gegeneinander auszuspielen – divide et impera –, so beginnt sich das nun zu rächen. Die Muslime im Norden wollen nicht eine Minderheit in einer neuen Nation Indien werden. Sie drängen auf ihre Souveränität, sie fordern ihren eigenen Staat, Pakistan.

Gurinder Chadha hat sich einen schwierigen Stoff ausgesucht. Sie muss die komplexen historischen Tatsachen den Zuschauern erklären und sie muss versuchen, daraus einen sehenswerten – unterhaltenden? – Film zu machen.

Drei Perspektiven

Wie packt sie das an? Sie wählt drei Perspektiven: Den Blick in den Palast des Viceroy in Neu-Delhi. Den Blick auf ein Liebespaar – sie Muslima, er Hindu. Und den Blick auf historisches Filmmaterial, um den Hintergrund der Ereignisse zu vermitteln. Dies lässt sich, erzähltechnisch, relativ einfach bewerkstelligen, da in dem riesigen Palast auch ein Kino eingebaut war. Also blendet die Regisseurin Szenen aus diesem Kino ein, wo sich der Vizekönig und seine Entourage gelegentlich eine Art Wochenschau ansehen.

Chadhas Konzept funktioniert. Wenn der Abspann läuft, hat man in groben Zügen begriffen, wie es zur Trennung von Indien und Pakistan kam, man hat begriffen, dass Mountbatten hereingelegt worden ist. London verlangte angeblich von ihm, nach Möglichkeit den Gesamtstaat Indien in den Grenzen, die Grossbritannien ihm gegeben hatte, zu erhalten. Doch es stellt sich heraus, dass Churchill noch in den letzten Tagen des Weltkriegs einen cleveren Plan entwickelt hatte: Er gewährte den Befürwortern und späteren Machthabern Pakistans die Aussicht auf separate Unabhängigkeit. Im Gegenzug versprachen sie den Briten weiterhin strategische Vorteile im Kampf gegen die Sowjetunion und Zugriff auf ihre Ölfelder.

Eine faire Grenzziehung zwischen Indien und Pakistan, die Mountbatten an den extra aus London geholten Advokaten Cyril Radcliffe (Simon Callow) delegiert hatte, erwies sich als Farce. Die Grenze, Churchills Grenze, war längst gezogen.

Chadhas Konzept funktioniert nicht, wenn sich die Frage stellt, ob ihr mit «Viceroy’s House» ein starker Film gelungen ist.

Schon der Titel ist sperrig und unattraktiv. Was soll man sich darunter vorstellen? Wer oder was ist ein Viceroy? Wer weiss das schon? Und was ist das für ein Haus, um das es geht?

Nehru, Gandhi und andere

Es ist ein Palast! Ein riesiger. Die Mountbattens, der Viceroy hat Frau und Tochter Pamela dabei, scherzen einmal, der Buckingham Palast sei dagegen eine Hütte. In diesem gewaltigen Bauwerk spielt sich die Liebesgeschichte ab und darin laufen auch die Verhandlungen. Es tauchen historische Figuren wie Nehru, Gandhi und Muhammad Ali Jinnah auf. Der gewiefte General Lionel Hastings Ismay (Michael Gambon), Mountbattens Stabschef, zieht die Fäden. Das ist schon ziemlich verwirrend.

Heruntergebrochen wird es dank der Liebesgeschichte zwischen der bildhübschen Aalia Noor (Huma Qureshi), die im Dienst der Briten steht und dem Polizisten Jeet Kumar (Manish Dayal), der ebenfalls im Palast Dienst tut. Anhand ihrer Geschichte will Chadha veranschaulichen, was die Folgen der Trennung von Indien und Pakistan sind. Im Abspann erfahren wir dann, dass diese Trennung eine riesige Völkerwanderung auslöste. Millionen von Menschen mussten – je nach Religionszugehörigkeit – ihr angestammtes Land verlassen. Die Konflikte zwischen Hindus, Sikhs und Muslimen kosteten einer Million Menschen das Leben.

Die Serien-Darsteller

Lord Louis Mountbatten wird von Hugh Bonneville gespielt. Er ist einem als der Patriarch Robert Crawley aus «Downton Abbey» bestens bekannt. Interessanterweise wird Mountbattens Frau Edwina ebenfalls von einer Schauspielerin gespielt, deren Gesicht sich uns dank einer Serie eingeprägt hat: Gillian Anderson war jahrelang als FBI-Agentin Dana Scully in «Akte X» zu sehen.

Bei Anderson ist der Sprung von FBI-Agentin zu britischer Adliger gross genug. Sie weckt keine Assoziationen zu ihrer TV-Rolle und überzeugt; eine starke Leistung. Bei Bonneville stellt sich von Anfang an die Frage: Was macht Lord Grantham bloss in Indien? Das mag, negativ gesehen, mit der mangelnden Wandlungsfähigkeit von Hugh Bonneville zusammenhängen, positiv gesehen: Er hat seine Rolle bei «Downton Abbey» derart verinnerlicht, dass er völlig in ihr aufgeht; für immer. Nur am Rand: Bonneville gleicht Mountbatten auch kein bisschen. Wird er in die Originalaufnahmen eingefügt, ist das ziemlich dilettantisch gemacht.

Somit präsentiert uns Gurinder Chadha einen Mixed Drink. Ihr Film besteht zu je einem Teil aus «Downton Abbey goes India», «West Side Story in the East», «The Best Exotic Windsor Hotel» und Dokumentarfilm. Dabei halten wir es doch wie mit dem Whisky: Lieber einen hervorragenden Single Malt statt eines Blended. (Basler Zeitung)

Erstellt: 09.08.2017, 15:47 Uhr

Von Battenberg zu Mountbatten

Louis Mountbatten, letzter Vizekönig Indiens, war eine schillernde Figur

Im Film «Viceroy’s House» von Gurinder Chadha steht er im Zentrum, denn er ist der Viceroy, der Vizekönig, Statthalter des britischen Königshauses auf dem Subkontinent: Lord Louis Mountbatten, der erst später den höheren Adelstitel eines Earls verliehen erhielt.

Die Geschichte über das Ende der britischen Herrschaft in Indien ist schon komplex genug (siehe Artikel oben), da bleibt der Regisseurin verständlicherweise wenig Raum, um den Zuschauern zu erklären, wer denn dieser Lord Louis Mountbatten überhaupt war. Was schade ist, denn es handelt sich um eine historisch interessante Persönlichkeit.

Ein Teil der Geschichte versteckt sich schon in seinem Namen, denn geboren wurde er am 25. Juni 1900 als Louis Francis Albert Victor Nicholas Battenberg. Sein Vater war Ludwig Alexander von Battenberg, ein deutscher Prinz, geboren in Graz, in der Steiermark, Abkömmling des Hauses von Hessen-Darmstadt. Ludwig Alexander kam schon als Teenager nach Grossbritannien – auch dank der familiären Beziehungen zum englischen Königshaus – wurde quasi anglifiziert und schliesslich «Erster Seelord», der höchste Rang bei der Royal Navy.

Ludwig Alexander Battenberg hatte 1884 seine Cousine zweiten Grades, Prinzessin Viktoria von Hessen-Darmstadt, geheiratet, eine Enkelin von Queen Victoria. Aus dieser Ehe entsprangen vier Kinder, wovon Louis das jüngste war. Seine älteste Schwester Alice heiratete Andreas von Griechenland. Ihr Sohn ist Prinz Philip, Gemahl von Queen Elizabeth II., also ein Neffe von Louis Mountbatten.

1917, im dritten Jahr des Ersten Weltkriegs, verzichtete der englische König Georg V. auf all seine deutschen Adelstitel und forderte seine Familie auf, es im gleich zu tun. Aus den Battenbergs wurden so die Mountbattens.

Louis Mountbatten schlug, wie sein Vater, eine Karriere bei der Royal Navy ein. Er tat zuerst auf verschiedenen Kriegsschiffen Dienst, mehrheitlich bei der Mittelmeerflotte. 1934 erhielt er sein erstes eigenes Kommando auf dem Zerstörer HMS Daring, 1937 wurde er zum Kapitän zur See ernannt.

Fehler und Meriten

Im Zweiten Weltkrieg, bei dem die Engländer wiederum als Hauptfeind gegen Deutschland zu kämpfen hatten, war Mountbatten an verschiedenen Aktionen massgeblich beteiligt. Einerseits wird ihm Scheitern und Fehlerhaftigkeit vorgeworfen, vor allem im Rahmen der Attacke auf Dieppe in Nordfrankreich, andererseits zeichnete er sich im späteren Kriegsverlauf aus und zwar als Oberbefehlshaber der alliierten Streitkräfte in Südostasien, spezifischer während des Burmafeldzugs. Im Film «Viceroy’s House» wird einmal kurz erwähnt, er sei der Befreier Burmas und jetzt komme er nach Indien, um auch diesem Land die Freiheit zu geben.

Seine Rolle als Viceroy war kurz, aber überaus bedeutend. Er war der Letzte in einer langen Linie von Vizekönigen. Die Teilung Indiens nach Rückzug der Briten in die zwei unabhängigen Nationen Pakistan und Indien wurde nach ihm als «Mountbatten-Plan» bezeichnet. Nach seiner Rückkehr nach England erhielt er den Titel eines Earls verliehen. Er machte in den 1950er-Jahren in der Admiralität weiter Karriere. Rund 40 Jahre nachdem sein Vater dieses hohe Amt innegehabt hatte, wurde auch Earl Louis Mountbatten «Erster Seelord». Er diente nicht nur bei der Royal Navy sondern übte auch innerhalb der Nato hohe Funktionen aus.

Louis Mountbatten hatte 1922 Edwina Ashley geheiratet, eine Tochter aus reichem Haus. Das Paar galt als glamourös. Edwina und er waren im gesellschaftlichen Leben Grossbritanniens sehr präsent. Es ist von einer «offenen Beziehung» die Rede, die die beiden geführt haben sollen. Edwina wird unter anderem nachgesagt, sie habe eine Affäre mit Nehru, dem ersten Ministerpräsidenten Indiens, Vater von Indira Gandhi, gehabt. Louis Mountbatten und Edwina hatten zwei Töchter, Patricia, geboren 1924 und Pamela, geboren 1929. In «Viceroy’s House» taucht nur die jüngere, Pamela, auf, die als engagierte und couragierte junge Frau gezeigt wird. Patricia Mountbatten, 2. Countess Mountbatten of Burma, ist am 13. Juni dieses Jahres in Kent gestorben, ihre Schwester lebt noch.

Opfer der IRA

Louis Mountbatten wurde am 27. August 1979 bei einem Anschlag der IRA getötet. Er befand sich damals auf seiner Segeljacht «Shadow V» vor Sligo, Irland. Drei weitere Menschen fielen der Explosion auf der «Shadow V» zum Opfer, darunter ein Enkel von Louis Mountbatten. Es war das erste und einzige Mal, dass der IRA ein Anschlag ganz nahe beim britischen Königshauses gelang.

Die englische Zeitung The Telegraph hat im Mai einen interessanten und Artikel über Prinz Philip publiziert, der auch gut die Verbundenheit Philips mit seinem Lieblingsonkel Louis Mountbatten illustriert. Es geht dabei um das Flugzeugunglück von Ostende am 16. November 1937 und das tragische Ende von Philips älterer Schwester Cecile, auf Deutsch Cäcilia. In der Geschichte rund um diesen Flugzeugabsturz alleine liegt schon der Stoff für einen Film. mw

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