Erotisches Knistern mit Cate Blanchett

Regisseur Gus Van Sant scheiterte am Filmfestival in Cannes an einer Mauer aus Buhrufen. Dafür knisterte es in «Carol» zwischen Cate Blanchett und Rooney Mara.

Mal streng gezügelt, mal aufgelöst in ihrer Begierde: Cate Blanchett als Carol. Foto: Festival de Cannes

Mal streng gezügelt, mal aufgelöst in ihrer Begierde: Cate Blanchett als Carol. Foto: Festival de Cannes

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Wir haben den perfekten Ort gefunden, um zu sterben. Es ist das Städtchen Cannes in Südfrankreich, wo man dem Himmel so fern ist, aber den Stars so nah und wo einem die Kritiker im Weg stehen. Daran kann ein Film zugrunde gehen, was diesmal Gus Van Sant mit seinem Wettbewerbsdrama «The Sea of Trees» erleben musste. Der Film erzählte vom Sterbenwollen und ertrank stattdessen in einer Brandung aus Buhrufen, bis er selber den Tod fand. Die Verrisse kamen umgehend und waren unbarmherzig. Wartende lasen sich gegenseitig Tweets vor und verliessen prompt die Schlange.

Es war alles sehr lustig, fast so lustig jedenfalls wie «The Sea of Trees», worin ein lebensunwilliger Mathematiker (Matthew McConaughey) nach Japan fliegt, um sich im Aokigahara-«Suizidwald» umzubringen. Gemäss Sterbetourismuswerbung ist das der geeignetste Ort, um dem Leben ein Ende zu setzen. Aber dann kreuzt der daseinsmüde Held im Todeswald einen weisen Japaner und schöpft neue Kraft. Der Kummer über den Tod seiner Frau und die kaputte Ehe hatten ihn zu den Bäumen getrieben, die Hoffnung auf einen Neuanfang wies ihm den Weg hinaus, und wir wateten inzwischen durch Mystikschlamm und stolperten über paranormale Twists. Grün leuchtete der Wald auf der Leinwand, grüner leuchtete das «Exit»-Zeichen daneben. Wenn dahinter der Tod warten sollte, man hätte es in Kauf genommen.

Das konnte Festivaldirektor Thierry Frémaux kaum gemeint haben, als er Cannes im Vorfeld ein «Paradies für die Kritik» nannte. Für «The Sea of Trees» war es die Vorhölle. Der künstlerische Weg des Gus Van Sant, der 2003 mit «Elephant» die Goldene Palme gewonnen hatte, wurde nun endgültig als uneben eingestuft.

Zwei Frauen verknäueln sich

«The Sea of Trees» war zu blöd, um wahr zu sein. Danach wurde es sterbensschön und überhaupt zu schön, um wahr zu sein. Dann nämlich lief «Carol» von Todd Haynes, der andere amerikanische Film im Wettbewerb. Auf dem Papier war es das prickelndste Versprechen dieses Jahr, eine lesbische Liebesgeschichte mit Cate Blanchett und Rooney Mara nach Patricia Highsmiths Roman «The Price of Salt» von 1952. Die Fünfzigerjahre waren ja die Zeit von Melodram und Douglas Sirks «All That Heaven Allows», einem Film, dem Todd Haynes mit «Far from Heaven» (2002) die queer verdrehte und stilistisch kundige Reverenz erwies. Für «Carol» bediente er sich bei David Leans «Brief Encounter» und den traumähnlich überblendeten Bildern von «A Place in the Sun». Es konnte also eigentlich nichts schiefgehen in ­dieser himmlischen Verbindung der ­Gefühlselemente.

Und doch wirkte «Carol» wie die schickliche Erzählung des Unschicklichen. Fast unerklärlich, wie all die passgenauen Teile nicht ineinanderklicken wollten. Es waren vorzügliche Teile: Cate Blanchett als Carol, eine glamouröse, ja ikonische Erscheinung im Pelz. Und Rooney Mara als junge Verkäuferin Therese mit bildhübschem Mädchengesicht. Hinter diesen zwei Gesellschaftsmasken rast nun die skandalöse Lust. Es ist Weihnachten im Jahr 1952 in New York, Carol begegnet Therese in der Spielzeugabteilung eines Warenhauses, wo diese ihr ein Geschenk für ihre Tochter empfiehlt. Carol lässt ihre Handschuhe liegen, Therese schickt sie ihr mit einem Begleitbrief zurück, Carol und Therese kommen sich näher in Wohnzimmern und Motels.

Die verbotene Liebe ist erst ein Blickwechsel, der einen Raum zerteilt. Dann sind es gelöste Freundinnengespräche beim Cocktail, und irgendwann verknäueln sich die zwei Frauen ineinander in ihrer unstatthaften Lust. So wäre das ein Glück im Geheimen gewesen. Doch als Carols ungebrauchter Ehemann mit dem Entzug des Sorgerechts für die Tochter droht, treiben die Frauen auseinander in dieser traurigen Welt, in der ihre Liebe nicht geduldet wird.

Ein souveräner Regisseur

Ihren zweiten Roman verfasste Patricia Highsmith, nachdem sie im Warenhaus gearbeitet hatte und dort einer faszinierenden älteren Kundin begegnet war. Sie schrieb das Buch teils im fiebrigen Zustand einer Windpockenerkrankung und veröffentlichte es unter einem Pseudonym – aber die Verfilmung ist eher von disziplinierter Hitzigkeit. Sie zeigt die lesbische Liebe wie hinter Glas, als dezente gegenseitige Anziehung im Aquarium der Lust. In delikat gerahmten Kompositionen streiten sich Ausstattung und Kostüme um den höchsten Schauwert. Was knisterte da? War es das unausgesprochene Begehren von Carol und Therese? Oder doch nur die elektrische Ladung ihrer Edelpullover?

Kurz: Es lief mehr blaues Blut durch diesen Film als rotes. Aber stets war die souveräne Klugheit eines Regisseurs zu spüren, der dem Buch von Highsmith auch dann treu blieb, wenn er die Geschichte abänderte. Vor allem die Thrillerelemente der Vorlage wurden in ein, zwei Szenen verdichtet. So steckte Todd Haynes den Sehnsuchtsraum für eine Romanze aus und färbte sie ein mit konservativer Sexualmoral, unamerikanischen Umtrieben, der aufkommenden Konsumgesellschaft.

Und aus den schlierigen, verregneten Aufnahmen von zwei hungrigen Frauenseelen und aus den Schatten des Noir sprach das filmhistorische Zitat. Aber es steckte darin auch das Bild von der Undurchdringlichkeit einer repressiven Gesellschaft und die Traumlogik der sexuellen Überschreitung, in der Carol und Therese versanken. Gekonnt kombinierte Todd Haynes die Bauteile des Melodrams. Nicht nur als Studie einer prekären Selbstermächtigung zu zweit, sondern auch und vor allem als elegant schmachtendes Weepie für alle. Es war zum Sterben schön, aber es fehlte ein wenig das pochende Leben.

Für Cate Blanchett wurde in Cannes bereits der Darstellerpreis prognostiziert, aber sie scheint eine zu kontrollierte Schauspielerin zu sein für die Rolle der körperdurstigen Carol. Entweder wirkte sie streng gezügelt oder aufgelöst, dazwischen verblichen die Nuancen ihrer Begierde. Da war «Carol» vielmehr «Therese», also der Film von Rooney Mara, dem bösen Hackermädchen aus David Finchers «The Girl with a Dragon Tattoo». Ihre Therese hatte sozusagen ein Unschuldsbewusstsein: Wenn sie Carol fixierte, nahm man in ihrem beherrschten Gesicht die fein zuckende Leidenschaft wahr, die vom ganzen ­Körper Besitz ergreift.

Am Ende geht Therese in einem Restaurant in unendlicher Verlangsamung auf Carol zu. Da ist ihr Blick nicht mehr verträumt, sondern kristallklar. Und wir dachten: Rooney Mara sehen – und sterben.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 18.05.2015, 23:29 Uhr

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