«Ich bringe die Zuschauer nicht gern zum Weinen»

Migration ist in Solothurn das grosse Thema: Kaveh Bakhtiaris Film «L’escale» ist besonders berührend.

Monotones Dazwischen für die, die nicht verdammt sind und auch nicht erlöst: Kaveh Bakhtiaris Film «L’escale».


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Wir sehen: iranische Migranten in Athen, gestrandet, nicht angekommen, gefangen eher in der Enge eines geheimen Boarding-House. Schlepper haben sie über die türkisch-griechische Grenze gebracht und dann hängen lassen, Tausende Euros hat das gekostet, und da hocken sie nun in der Grauzone der Halblegalität oder der Dunkelzone der Illegalität, ohne Papiere, mit denen sie Griechenland verlassen könnten, das nicht das Europa ist, das sie sich vorgestellt haben.

Es ist nicht die Hölle, das wär übertrieben; aber man könnte es einen Limbus nennen, der mit der Zeit vielleicht höllenähnlich wird: ein monotones Dazwischen für die, die nicht verdammt sind und auch nicht erlöst. Der iranischschweizerische Regisseur Kaveh Bakhtiari, geboren 1978 in Teheran, aufgewachsen in der Romandie, nennt es «L’escale», «Zwischenhalt». Es ist der Titel seines ersten langen Dokumentarfilms (er lief bereits in der Quinzaine des réalisateurs in Cannes letztes Jahr), und es steckt darin doch noch ein wenig Hoffnung auf ein Fortkommen, immerhin, nach Italien, nach Spanien, nach Norwegen, wo das richtige Europa sein soll. Oder wie einer der Protagonisten in Bakhtiaris Film, ein älterer, frommer Herr, sagt: Womöglich ist Gott gerechter, als man denkt.

Sechs Monate im Souterrain

Jedoch andererseits: Man spürt, die Hoffnung ist eine bröcklige Kraft. Auf Gottes Gerechtigkeit ist kein rechter Verlass und auf die Fairness des Lebens schon gar nicht. Dem frommen älteren Herrn wird auch gleich widersprochen von einem, dem der Glaube abhandenkam, als es in der Türkei keine Wolldecke für ihn gab, dafür genug Schläge. «Und wissen Sie was?», sagt Kaveh Bakhtiari im Gespräch, «dem Gläubigen hat Gott nichts genützt, er ist in den Iran zurückgekehrt; und der ohne Hoffnung bekam seinen falschen Pass und ist jetzt dort, wo er hinwollte, und hat Frau und Kind.» Das gehöre zu den «Paradoxien» der Hoffnungslosigkeit, in die er geraten sei als Filmemacher, sechs Monate lang in diesem Souterrain, mit Menschen, mit denen er zusammen geschlafen, gegessen und sich gewaschen hat und die «so neugierig auf mich waren wie ich auf sie».

Seine Neugier (sie überträgt sich auf uns) wurde «belohnt» durch die Entdeckung der widersprüchlichsten Realitäten: Er sah im Athener Keller Illusionen zerbrechen und Träume sich erfüllen. Er sah Würde, Widerstand und Ich-Behauptung und wie sie hektisch wurden und sich erschöpften. Und, ja, er sah ein paar Männer davonkommen, aber auch einen, der sich selbst buchstäblich den Mund zunähte und verhungern wollte vor einer griechischen Amtsstelle.

Das hatte seinen Preis. Mehrere Preise. Der eine war das schlechte Gewissen dessen, der im «Dreieck» von Neuankömmlingen, Gestrandeten und erfolgreichen Migranten, eben der Erfolgreiche war ohne eigenes Verdienst. Einer, der als Neunjähriger in die Schweiz gekommen war und jetzt die Frage beantworten musste, ob das je aufhöre, dass einem die Tränen in die Augen schiessen beim Gedanken an das, was man zurückgelassen hat. Der andere, höhere, war eine strenge Selbstverpflichtung zum Konzept, «keine Bilder zu stehlen»: Er habe es sich deshalb untersagt, sagt Kaveh Bakhtiari, die Enge zu verlassen mit seiner Kamera, einem touristischen Digitalmodell, wenn es nicht einer seiner Protagonisten auch getan habe. Er habe sich also die schönen Athener Kontraste verboten, all die spannenden filmischen Möglichkeiten eines urteilenden Aussenblicks, «und ich schwöre, davon hätte es genug gegeben». Disziplinierte Teilnahme wurde zum künstlerischen Prinzip. Denn das könnte einem ja so passen, dass Kinokunst einfach entstehe aus den Überraschungen, die einem die Realität bereite. Sie solle aber doch so aussehen.

Der höchste Preis wahrscheinlich, drittens, war die Verantwortung, zu entscheiden, wann die Arbeit des Filmemachers endete und die schlichte bürgerliche Pflicht eines Mannes mit gültigem Pass begann. Es gab so ein paar Momente bei der Produktion von «L’escale», wo der Realisator, der fast schon selbst zum «Klandestinen» geworden war, wusste, dass selbst die empathischste Kamera ihr Beobachtungsrecht verloren hatte. Sie wurde dann ausgeschaltet für die Zeit einer realen Intervention oder einer menschlichen Erschütterung, und das hinterliess Leerstellen, die nicht mit Sentimentalität gefüllt wurden.

Der Film als Grabmal

Es sind dramatische Momente in ihrer Undramatik. Einer betrifft Kaveh Bakhtiaris Cousin, einen der iranischen Männer im griechischen Souterrain. Er hat diesen Film, der nun sein Epitaph ist, inspiriert, sehr verkürzt gesagt. Er trat darin auf, und am Ende der Dreharbeit starb er einen tragischen, unnötigen, fast banalen Tod. Der Regisseur spricht im Film darüber nur, weil dieses Sterben ein Leben rettete.

Im Interview redet er darüber nicht gern, «weil ich kein Weiner bin und auch die Zuschauer nicht gern zum Weinen bringe». Wobei ein Erkenntnisgewinn sich manchmal ja auch im Weinen äussert. (baz.ch/Newsnet)

Erstellt: 27.01.2014, 08:23 Uhr

Kaveh Bakhtiari, geboren in Teheran, wuchs in der Romandie auf.

Film

«L’escale» wird an den Solothurner Filmtagen am 28. Januar wiederholt (Reithalle, 17. 45 Uhr).

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