«Ich war zehn Jahre lang ein Püppchen»

Jane Birkin über ihr verrücktes Leben, ihren langjährigen Begleiter Serge Gainsbourg und ihren neuen Film.

Jane Birkin am Rock Oz'Arenes Festival in Avenches, 2004. (Bild: Keystone/Sandro Campardo)

Jane Birkin am Rock Oz'Arenes Festival in Avenches, 2004. (Bild: Keystone/Sandro Campardo)

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Wie sind Sie bloss in diese Schweizer Lokführer-Geschichte geraten?
Ich habe lange nichts gemacht, nicht gefilmt, nicht gesungen. Ich habe alles für eine Weile gestoppt, vor eineinhalb Jahren. Dann schickte mir Timo von Gunten das Drehbuch, ich las es gerne. Eine wunderbare Kurzgeschichte und auch noch wahr. Aber man hatte mich ein paar Jahre nicht mehr im Kino gesehen, also habe ich die Filmleute gebeten, kommt nach Paris, ob das mit mir geht. Ich war ja nicht jünger geworden. Also kamen sie nach Paris und sagten: Ganz wunderbar. Das passt. Und so haben wir uns in das Abenteuer gestürzt.

Wieso ein Abenteuer?
Nun, schon allein einen Film zu machen mit diesen jungen Leuten, ein paar sind ja sogar erst 18 am Set, das ist wie eine wirklich frische Brise Luft. Und so viele wunderschöne Mädchen! Von Paris aufbrechen und einen Film machen wollen, an einem unbekannten Ort, das ist schon ein Abenteuer für sich. Und Abenteuer unternehme ich seit ich zwölf bin. Da machte ich meinen ersten Film mit meinem Bruder. Der hat mich an die Eisenbahngeleise gefesselt.

Wie bitte?
Ja, das hat er gemacht und mich fotografiert. Und dann hat er einen Piratenfilm mit mir gedreht, das war wunderbar. So hat das auch mit meiner Tochter Charlotte begonnen, mit zwölf. Sie hat in einem Amateur-Film mitgewirkt, «Paroles et Musiques». Ich habe ihr das damals vermittelt. Sie musste einfach diese Erfahrung machen, es ist fantastisch, mit zwölf einen Film zu drehen, ganz anders, als es erst mit 18 zu tun. Abenteuer liegen ganz nahe bei meinem Herzen.

Sie sind eine Vagabundin ...
Ich bin immer gerne gereist, in fremde Länder, wollte etwas wagen. Hinzu kommt: Wenn ich in Paris singe, da sitzen Leute, die du kennst, im Saal, und du fragst dich: Wie finden sie die Show jetzt wohl? Dann kriege ich die Panik. Viel besser ist es, weit weg von Paris zu singen, wo dich niemand kennt. Viel schöner.

Erzählen Sie mir etwas über das Abenteuer Ihrer frühen Jahre?
Meine Mutter war eine Schauspielerin, Judy Campbell, und deren Mutter war ebenfalls eine Schauspielerin. Keine so grosse Überraschung, dass auch ich eine wurde. In den 1960er-Jahren hat Carol Reed, der Regisseur, in Rom den Film «Michel- angelo – Inferno und Ekstase» gedreht, mit Charlton Heston. Er war der Ehemann meiner Cousine, und ich habe ihn damals gefragt, wie man Schauspielerin wird. Reed hat gesagt: «Es ist total unfair. Entweder die Kamera verliebt sich in dich oder nicht. Wirklich unfair.» Mit diesen Worten im Ohr bin ich zu einem Vorsprechen in London gegangen. Da war ich 17.

Offenbar hat sich die Kamera schwer in Sie verliebt.
Ich musste ein taubstummes Mächen spielen. Das war mein Glück, weil ich schüchtern war und verdruckst und irgendwelchen Text sowieso vergessen hätte. Ich habe die Rolle gekriegt, aber eher aus Versehen, und habe dann in Musikkomödien mitgespielt, für die John Barry die Musik schrieb, Er wurde der Vater meiner ersten Tochter, Kate. Ich habe aber nie richtig tanzen und singen gelernt, weil es viel lustiger ist, linkisch zu sein. Bei einem Casting in Paris, 1968, traf ich dann auf Serge Gainsbourg, ich habe mich in ihn verliebt, er wurde meine neue Nummer 1. Und da waren wir also beisammen, Kate, Serge und ich.

Bekannt, berühmt und berüchtigt wurden Sie durch ein Lust-Gestöhne.
Wir haben dann «Je t’aime … moi non plus» aufgenommen, das Serge schon einmal mit Brigitte Bardot eingespielt hatte. Und plötzlich führten wir die Hitparaden an.

Ein Skandal. Selbst der Papst protestierte gegen diesen erotischen Ohrwurm.
Der Papst protestierte nicht, er sprach gleich einen Bannfluch aus. Das war allerbeste Werbung.

Und Sie haben sich eins ins Fäustchen gelacht?
Serge hat darüber gelacht. Ich weniger. Ich hatte Angst vor meinen Eltern, dass sie mit mir schimpfen. Aber sie waren ganz wundervoll und sagten: Was für ein schönes Lied.

Haben Sie Brigitte Bardot je getroffen?
Wir haben sogar einen Film miteinander gedreht. Es war ihr letzter, «Don Juan oder Wenn Don Juan eine Frau wäre», 1973. Sie finden die Bilder von ihr und mir in den Archiven. Wir liegen da gemeinsam nackt im Bett. Ziemlich albern das Ganze. Aber ich habe es genossen, Brigitte Bardot zu treffen. Sehr. Jeder Zentimeter an ihr war schön.

Können Sie mir die Faszination von Serge Gainsbourg erklären?
Es wird niemanden wie ihn je wieder geben. Auch andere haben gute Texte und Songs geschrieben, aber er hatte etwas sehr eigenwillig Lustiges in seinem Wesen. Er war der Mann, der dich richtig zum Lachen verführen konnte. Mit ihm verbrachte man eine gute Zeit. Er hat die französische Sprache modernisiert, er hat die Musik bereichert, und er hat niemals aufgehört zu schreiben. So viel tolles Material.

Und Sie haben seine Songs gesungen.
Natürlich, denn er hat sie alle für mich gemacht.

Jane Birkin während eines Konzerts in Berlin, 2011. (Bild: Keystone/Carstensen)

Und wie haben Sie ihn erlebt?
Oh, er war sehr grosszügig. Er war bei den Taxifahrern von Paris der beliebteste Fahrgast, weil er mit 500-Francs-­Trinkgeldern um sich warf.

Ich meine eher: Welches Gefühl war das, als junges Mädchen an der Seite dieses berühmten Mannes zu stehen?
Nun, jeder hat geglaubt, er sei ein fieser Typ, roh und sarkastisch. Aber so war er gar nicht. Ich muss es wissen, denn ich war immer an seiner Seite. Er war ein Darling. Er spielte den Bösen nur, im Grunde seiner Seele war er liebenswert. Und das hört man seiner Musik heute noch an.

Serge Gainsbourg legt seiner Geliebten ein Diamantcollier um. (Bild: Keystone)

Mögen Sie all die Lieder, die Serge geschrieben hat?
Ja. Vielleicht die letzten nicht, die wir noch zusammen produziert haben. Da sollte ich noch einmal Lolita sein. Er hat mich gerne zum Püppchen gemacht. Aber damit war ich durch. Ich war das ziemlich lange, ein Püppchen, von 17 bis 27. Dann wollte ich endlich meine Talente erproben.

Mode-Ikone waren Sie auch. Ich habe gehört, dass eine Kroko-Birkin-Bag von Hermès dieser Tage für sage und schreibe 222'912 Dollar verkauft wurde. Sind Sie stolz darauf?
Ja, aber ich kriege leider keine Prozente.

Sie haben mit dem Mode-Schöpfer Yves Saint Laurent zusammengearbeitet? Ich habe nicht mit ihm zusammen­gearbeitet, zu viel der Ehre. Aber Serge hatte das Geld, er hat bei Saint Laurent für mich schneidern lassen. Mein Hochzeitskleid ist auch von ihm. Mit Spitzenborte bis zum Hals, ein bisschen wie bei Marcel Proust. Wir sind dann mit Serges Rolls-Royce zum Ball gefahren. Sehr lustig.

Das waren verrückte Zeiten damals.
Das waren sie. Nur kann ich mich nicht mehr an alles erinnern. Ich schreibe deshalb auch keine Biografie. Meine Geschichten erzähle ich lieber in Interviews, bis keine mehr da sind.

Sie haben sich auch politisch engagiert, zum Beispiel gegen die Bohrungen der Ölfirma Total in Burma, als es noch von den Militärs regiert wurde. Daraufhin hat Präsident Sarkozy das Gespräch mit Ihnen gesucht.
Oh ja, er bat mich 2010 in den Elysée-Palast, um mit mir darüber zu reden. Hinterher hat er gesagt, Total werde nicht mehr in Burma investieren. Aber die Investition, um die es ging, war längst getätigt! Übrigens hat er eine sehr, sehr nette Frau. Das ist seine attraktive Seite.

Wo leben Sie im Moment?
Ich lebe in Frankreich, seit nahezu 47 Jahren, am Meer.

Frankreich hat sich stark verändert in dieser Zeit?...
Aber ich habe immer links gewählt. Ich sehe auch nicht, was sich wirklich verändert hat. Ich lebe in der Bretagne, und die Leute wissen, dass mein Vater ein britischer Navigatonsoffizier war. Er hat im Zweiten Weltkrieg an 47 Operationen mit dem Ziel mitgewirkt, Mitglieder der Résistance an Land abzusetzen oder aufzunehmen. Die Menschen in der Bretagne bewundern ihn. Und ich hatte das Gefühl, dort gehöre ich hin.

Was werden Sie in Zukunft tun?
Ich habe keine Idee, wirklich keine.

Ihre Sängerkarriere, die Sie sich nach dem Tod von Gainsbourg im Jahre 1991 aufgebaut haben, ist auch auf Eis gelegt. Ich habe alles gestoppt, vor eineinhalb Jahren, als meine Tochter starb. Ich weiss nicht, ob ich noch einmal anfange. Kann sein, dass ich nicht mehr singe.

Wie gehen Sie mit dem Alter um?
Nicht fotogen zu sein ist schmerzhaft. Auch deshalb habe ich beizeiten mit dem Filmen aufgehört und lieber Theater gemacht, Konzerte gegeben. Ohnehin hätte ich in keinen französischen Filme mehr reingepasst. Weil ich diesen englischen Akzent habe, diesen fürchterlichen, fürchterlichen Akzent.

Nun spielen Sie die TGV-Liebhaberin Sonja Schmid aus Bern. Haben Sie sie kennengelernt?
Ich habe sie auf dem Set getroffen. Allerdings nur für fünf Minuten. Ich war sehr fasziniert von ihr. Sie wirkte etwas altmodisch auf mich. Das bin ich im Film dann auch, altmodisch. Dieses Nachthemd, das ich hier anhabe, ist so ungefähr das unerotischste Teil, das ich in meinem Leben je getragen habe. (Basler Zeitung)

Erstellt: 07.07.2015, 13:32 Uhr

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