«In Syrien lebt ein Drache mit vielen Köpfen»

Der syrische Filmemacher Ossama Mohammed wirft dem Westen vor, er habe die Syrer im Stich gelassen und sei dabei, Terroristen zu züchten. Am Filmfestival in Freiburg präsentiert er Filme aus dem Innern des Bürgerkriegs.

Videogramm der Grausamkeit: Ossama Mohammeds Kriegsgemälde «Silvered Water». Foto: FIFF

Videogramm der Grausamkeit: Ossama Mohammeds Kriegsgemälde «Silvered Water». Foto: FIFF

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Die USA haben Verhandlungen mit Assad angekündigt. War diese ­Entwicklung unausweichlich?
Sie überrascht mich nicht. Es braucht Hoffnung, um für Syrien eine Lösung zu finden und zu einem Zustand zurückzukehren, in dem kein Krieg herrscht. Hoffnung, verbunden mit Gerechtigkeit. Dass man nun mit dem Regime verhandeln will, verstösst jedoch gegen jede Logik der Hoffnung. Die Machthaber in Syrien müssen ausser Gefecht gesetzt werden. Jene, die das Massaker an der syrischen Bevölkerung befohlen haben, können nicht Teil der Lösung sein. Sie haben vier Jahre lang eine massive Zerstörung angerichtet, Tag für Tag. Nun verlangt man von den Syrern, dass sie damit einverstanden sind, dass sie Sklaven bleiben.

Hat die internationale Gemeinschaft versagt?
Sicher, sie hat sich sehr dumm verhalten. Sie weiss, wie man hilft, aber sie hat die syrischen Bürger im Stich gelassen. Die internationalen Kräfte haben die Lage analysiert und die Folgen eines Regimeumsturzes kalkuliert. Und während sie darüber diskutiert haben, wer die Macht übernehmen könnte und was das Beste wäre für das Gleichgewicht in der Region, wurden aus drei Toten 230 000. Es ist ein Riesendebakel für die Demokratie. Die Syrer sagen nun: Demokratie ist eine Illusion, sie ist nur ein anderes Wort für Diskriminierung, weil sie für wenige gemacht ist, nicht für alle.

Ist die Revolution damit am Ende?
Manchmal wacht man auf und denkt: Ja. Aber die Mehrheit der Syrer weicht nicht zurück. Die Intelligenz des Bösen führt dazu, dass sich dieses wunderbare Volk trotz allem der Demokratie zuwendet, die zur Geschichte des multikulturellen Syrien dazugehört. Am Anfang des Aufstands haben die Syrer nach Freiheit gerufen, und zwar auf friedliche Weise. Als das Regime begonnen hat, sie umzubringen, wurde daraus eine philosophische Frage: Lässt man sich umbringen, ohne Widerstand zu leisten? Nein. Dadurch wurde die Situation tragisch.

Hat Sie der Ausbruch der Revolution 2011 überrascht?
Wir leben seit 43 Jahren in einer Dik­tatur und haben immer wieder darüber gespro­chen, ob man sich dem Despo­tismus anpassen muss. Die Kultur der Diktatur ist gleichbedeutend mit Korruption, es ist wie eine neue Religion: Wer korrupt wird, ist sicher. Aber als die Revolte ausbrach, haben wir gemerkt: Die Leute haben sich nicht angepasst. Zum ersten Mal in der Geschichte haben wir erfahren, was das syrische Volk will. Es war die erste Abstimmung überhaupt. Der Diskurs der Millionen war grossartig. In den Strassen haben die Menschen zu singen begonnen und wunderbare Gedichte geschaffen. Es war der Vorschlag für ein neues Leben und die Erklärung, dass wir alle zum multikulturellen Syrien gehören. Die Lieder lehnten sich zu gleichen Teilen an das Christentum und an den Islam an. Man hörte die Botschaften Jesu über die Gewalt­losigkeit, bis hin zu dem unglaublichen Satz über die Feindesliebe. Liebe deinen Feind! Solche Gedanken fand man in den Protesten. Als das Regime den 13-jährigen Hamza al-Khateeb massakrierte, sah man in einer Demonstration den Spruch: Wir wollen nicht, dass euer Kind das gleiche Schicksal erleidet. Aber heute hat das Regime die Infrastruktur zerstört, die die syrische Gesellschaft zu ihrer Selbstverteidigung gebraucht hat.

Welcher Traum ging da kaputt?
Im ersten Moment im Jahr 2011, als überall Menschen protestiert haben, gab es den schönen Slogan «Azadi», das ist das kurdische Wort für «Freiheit». Das war ein toller Tag, denn bis dahin war die kurdische Sprache in Syrien verboten. Wenn man dieses Wort in Damaskus, Homs, Aleppo sieht, was bedeutet es? Es bedeutet, dass die Bürger ein multikulturelles Syrien wollen. Während der Proteste wurde ein Freitag zum Karfreitag erklärt, wie in der christlichen Tradition. Vielleicht bin ich ein Optimist. Ich hoffe und ich glaube. Und ich glaube nicht, dass die Syrer ihre Haltung geändert haben. Aber wir können ja keine Abstimmung durchführen. Das Regime vertritt uns genauso wenig, wie uns die Jihadisten vertreten. Sie vertreten nur sich selbst; Syrer sind das nicht.

In einem der Filme, den Sie für das Festival in Freiburg ausgewählt haben, heisst es: «Die Islamisten sind nur das andere Gesicht des Regimes.»
Ja, die Syrer stehen auf ihrer Odyssee Richtung Freiheit einem Drachen mit vielen Köpfen entgegen. Die Islamisten glauben, dass alle Nichtmuslime zugleich Feinde Syriens sind. Wir stehen zwischen zwei Arten von Faschismus, auch das Regime ruht auf einer fundamentalistischen Philosophie. Wer ein Wort gegen Assad sagt, beleidigt Gott. Eigentlich ist es einfacher, Gott zu beleidigen. Es genügt ein Wort gegen Assad, schon weiss man nicht mehr, was mit ­einem geschehen wird. Es ist ein Königreich der Angst. Vielleicht dachten einige Leute, sie könnten zusammen mit den Islamisten Rache am Regime nehmen. Aber die Mehrheit der Syrer kann die Islamisten nicht leiden. Sie verkörpern die zweite Version der Korruption, ihre Vision ist eine Mischung aus mus­limischer Religion und faschistischem Nationalismus. Die Islamisten gehören nicht unserer Zeit an. Sie sind Teil unserer Zeit, aber ihre Kultur stammt aus ­einer anderen Zeit. Wenn einige Leute Geld von den Islamisten genommen haben, dann nur, weil sie so etwas zu essen hatten. Während der Belagerung von Homs gab es Kämpfer, die waren für den Islam und liessen sich lange Bärte wachsen. Als sie aus Homs raus waren, rasierten sie den Bart und hörten Musik.

Züchtet der Westen Terroristen?
Es ist eine Quelle von Terrorismus, wenn man die Gerechtigkeit beiseiteschiebt und die Leute in ihrem Unmut zurücklässt. Es tut mir leid, das zu sagen, aber das Verhalten der internationalen Mächte erinnert mich an die Mafia. Vielleicht ist es unkorrekt, das zu ­sagen. Aber wenn man für sich Sicherheit schafft und die anderen dafür opfert, erhält man als Antwort die Gewalt. Vielleicht findet man mit jenen, die ihr Königreich der Korruption retten wollen, noch eine Lösung. Vielleicht sind die Leute sehr, sehr müde. Aber damit handelt man gegen die Interessen der Opfer. Ich bin sicher, dass wir dafür zahlen werden. Die Leute haben Tragisches erlebt, sie wurden verhaftet, bombardiert, getötet. Dasselbe tun nun die Jihadisten. Es sind zwei Faschismen, wieso sollten wir einen davon wählen?

Kommen Sie sich im Exil feige vor?
Es war nicht einfach für mich. Ich habe oft gedacht, dass ich die Philosophie dazu nutze, um sicher zu sein. Aber nur ein wirklich Mutiger merkt, wann er sich feige verhält. Ich galt immer als sehr mutig, wurde aus allen Schulen geworfen, habe Petitionen gegen das Regime unterzeichnet und Filme gedreht, die verboten wurden. Es hiess, ich würde Assad ironisch behandeln. Mir war das egal, ich fühlte mich grossartig. Aber im Exil beschlich mich das Gefühl, feige zu sein, weil ich nicht im Land bin. Ich kann nicht einreisen, weil mein Name auf der Liste steht, aber vor dem Einschlafen denke ich: Betrüge ich mich selbst?

In Ihrem Film «Silvered Water» haben Sie Hunderte Youtube-Videos vom syrischen Bürgerkrieg ­zusammengesetzt. War das ein Weg, sich aus dem Exil heraus der Gewalt im Land zu unterziehen?
Ich zeige mich in dem Film nicht als Helden, denn mutig waren die anderen, jene Syrer, die fünf Zentimeter neben dem Horror standen. Sie haben das gefilmt und damit die Macht des Kinos an sich gerissen. Sie haben die filmische Sprache herausgefordert, und ich wollte beweisen, dass es möglich ist, aus diesen qualitativ sehr schlechten Videos einen Film zusammenzustellen. Das war mein Mut, diesen Film zu drehen und zu sagen: Niemand hat das Recht, zu bestimmen, was Kino ist. Es war das Mutigste, was ich jemals gemacht habe. Weil ich alle gewürdigt habe, die in diesem Film vorkommen. Weil ich jede Kadrierung respektiert habe, die andere gemacht haben. Ich habe mich gefragt: Was ist Film, was Struktur, was Rhythmus? Wer sagt, es ist so und nicht so? Und habe gemerkt, dass es keine Religion ist, dass es keine Sklaverei der Form gibt. Wir sind ja nicht der Islamische Staat des Kinos! Es war ein Moment der Selbstbefreiung.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 23.03.2015, 19:10 Uhr

Video

Trailer von «Silvered Water, Syria Self-Portrait».

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Trailer von «Our Terrible Country».

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Trailer zu «Return to Homs».

Ossama Mohammed


Der syrische ­Regisseur studierte Film in Moskau und lebt heute im Exil in Paris. Sein ­mythisches Werk «Opfertod» lief 2002 in Cannes. (TA)

Ein verbranntes Land

Syrien am Filmfestival in Freiburg

Die Überlebenden schleifen die Toten an Stricken über den Boden, um sie aus dem Feuer zu ziehen. Flammen lodern aus Fenstern, ein Mann hat ein Loch im Hals, die Trümmerkatze noch einen halben Kopf. «Silvered Water, Syria Self-Portrait» (2014) von Ossama Mohammed ist ein Videogramm der Grausamkeit, zusammengesetzt aus Youtube-Filmen, die während des syrischen Bürgerkriegs hochgeladen wurden. Mohammed setzt dem Terror der Buchstäblichkeit eine lyrische Off-Stimme entgegen und gibt die Regie alsbald an die Kurdin Simav ab, die während der Belagerung von Homs ein Videotagebuch geführt hat. Das wird zu einem filmischen Dialog über die Grenzen des Muts, und die ungemein brutalen Bilder weichen einer ungemein zärtlichen Annäherung. Ossama Mohammed, der seit seiner Kritik am Assad-Regime im Jahr 2011 im Exil in Paris lebt, hat für das Festival International de Films de Fribourg (Fiff) ein Programm mit weiteren Filmen zusammengestellt, die aus dem Inneren des syrischen Kriegs von den Gewaltschocks und den zerbombten Städten erzählen. «Silvered Water, Syria Self-Portrait» läuft in Freiburg am 24. und 25. März. Am 25. März um 18.45 Uhr hält Ossama Mohammed dort eine Masterclass. (blu)

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