Je suis «Dheepan»

Schöne Überraschung in Cannes: Der Franzose Jacques Audiard gewinnt mit dem Einwandererdrama «Dheepan» die Goldene Palme.

Überraschende, aber strahlende Sieger: Regisseur Jacques Audiard mit den seinen beiden Hauptdarstellern Kalieaswari Srinivasan (links) und Jesuthasan Antonythasan. (24.05.2015)

Überraschende, aber strahlende Sieger: Regisseur Jacques Audiard mit den seinen beiden Hauptdarstellern Kalieaswari Srinivasan (links) und Jesuthasan Antonythasan. (24.05.2015) Bild: Yves Herman/Reuters

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«Quand même un peu fou!» – Jacques Audiard brachte es gegenüber der Presse auf den Punkt. Dabei meinte er nicht die Goldene Palme, die hatte er zu diesem Zeitpunkt noch gar nicht gewonnen. Er meinte den Stoff seines Films «Dheepan», ein Drama um einen Sri Lanker in den Vororten von Paris, in dem vorwiegend Tamil gesprochen wird. Eine unübliche Geschichte, die er aber habe umsetzen können, weil er nach seinen bisherigen Filme «Un prophète» (2009) und «De rouille et d'os» (2012) ein wenig «crédit» gehabt habe. Für «Dheepan» hat ihm die Cannes-Jury unter dem Vorsitz der Coen-Brüder nun die Goldene Palme überreicht, und das ist wirklich ein wenig verrückt.

Goldene Palme für «Dheepan». (Video: Reuters)

Nicht, weil es ein schlechter Film wäre, im Gegenteil. Für die Hauptrolle von «Dheepan» hat Audiard einen ehemaligen Kämpfer der Tamil Tigers besetzt, der kein Französisch spricht. Er spielt Dheepan, der vom Bürgerkrieg in Sri Lanka nach Frankreich flüchtet. An seiner Seite sind eine Frau und ein Mädchen. Die drei kennen sich nicht und geben sich als Familie aus. Sie ziehen in einen Sozialbau in der Banlieue, wo Dheepan als Abwart aufräumt und Dinge flickt. Im gegenüberliegenden Gebäude gehen finstere Typen ein und aus, wahrscheinlich Drogendealer. Mitten am Tag fällt ein Schuss, und die Familie, die keine Familie ist, wähnt sich zurück im Krieg, den sie hinter sich lassen wollte.

So sieht der Siegerfilm «Dheepan »aus.

Audiard erzählt, wie Dheepan langsam zu delirieren beginnt in dieser Miniaturversion des Kriegszustands, wie er im Keller alte Schlachtlieder singt mit sich überschlagender Stimme. Er erzählt noch mehr von der Liebe, die sich zwischen Dheepan und der Unbekannten entwickelt, die sich als seine Ehefrau ausgibt. Die Gewalt bahnt sich langsam an, und am Ende kommt es zu einem rauschhaften Showdown, in dem der Kämpfer wie ein Terminator die Erde brennen lässt. Diesen Ausbruch fanden manche Kritiker in Cannes ziemlich degoutant, dabei war er konsequent im Werk von Jacques Audiard, einem Regisseur, für den sich Gefühl und Genre nicht ausschliessen.

Überraschend war die Wahl dennoch. Nach dem Angriff auf «Charlie Hebdo» und den Solidaritätsbekundungen riecht der Preis etwas mehr nach politischer Botschaft als nach Kino. Ein «Je suis Dheepan» für einen Film, der die kaum bekannte Realität von tamilischen Immigranten als Ausgangspunkt nimmt, um daraus einen kraftvollen Thriller zu spinnen, in dem sich die Brutalität mit Traumbildern abwechselt. Es ist keine Bankrotterklärung wie die Goldene Palme für Michael Moores «Fahrenheit 9/11» im Jahr 2004. Aber es gab künstlerisch aufregendere Werke in diesem Cannes-Jahrgang.

Grand Prix für Auschwitz-Film

Zuallererst «The Assassin» von Hou Hsiao-Hsien aus Taiwan, ein minutiös rekonstruiertes Porträt des Chinas im 9. Jahrhundert, wo eine Killerin auf einen Regionalherrscher angesetzt wird. Im Grunde ein Martial-Arts-Film, in dem die Kämpfe aber nur kurz wie Blitze durch die malerischen Bilder zucken und Hou Hsiao-Hsien sonst auf seine ruhigen Einstellungen vertraut, war «The Assassin» für viele der Favorit für die Palme d’Or – der Film bekam den Regiepreis.

Regiepreis für «The Assassin».

Yorgos Lanthimos’ Beziehungssatire «The Lobster» gewann den Jurypreis, und mit dem Grand Prix ging der zweitwichtigste Preis an einen Erstling: Der ungarische Regisseur László Nemes erhielt ihn für seinen Auschwitz-Film «Son of Saul». Im Zentrum steht ein Zwangsarbeiter, der im Konzentrationslager bei den Gaskammern arbeitet: Leichenberge, Asche, Kleiderhaufen – und plötzlich ein totes Kind, von dem er sagt, es sei sein Sohn. Er sucht einen Rabbiner, um dem Kind eine würdige Bestattung zu ermöglichen. Die Kamera folgt ihm stets dicht am Körper.

Kann man das ganze Grauen so zeigen? Das war eine der heftigsten Debatten in Cannes. Als Kronzeuge wurde da Claude Lanzmann bemüht, der Regisseur des wegweisenden Dokumentarfilms «Shoah», der einst sagte, man könne keinen fiktionalen Film über dieses Thema machen, weil niemand die Gaskammern lebend verlassen habe. Der 38-jährige Nemes, ehemaliger Assistent des ungarischen Regisseurs Béla Tarr, beweist mit seinem gescheiten Film das Gegenteil. Er erhielt am Ende der Vorführung gar Lanzmanns Segen: der war auch im Saal und rief «Bravo».

Schweiz geht leer aus

Der Franzose Vincent Lindon bekam den Preis als bester Darsteller: Der 55-Jährige spielt in «La loi du marché» von Stéphane Brizé einen Arbeitslosen und hielt bei der Verleihung die rührendste Rede des Abends. Selber zu Tränen gerührt war Emmanuelle Bercot, die als beste Darstellerin ausgezeichnet wurde. Die 47-jährige Regisseurin, die Schauspielerei nur als ihr Hobby bezeichnet, spielt die Hauptrolle in der Trennungsgeschichte «Mon roi» von Maïwenn. Den Darstellerinnenpreis muss sie allerdings mit Rooney Mara teilen, die ihn für ihre Rolle als Shopgirl in «Carol» bekam. Das war zugleich der einzige Preis für die Patricia-Highsmith-Verfilmung von Todd Haynes, der ebenfalls als einer der Favoriten für die Goldene Palme gehandelt worden war.

Ein Ausschnitt aus dem Lesbendrama «Carol».

Ganz leer ging der zur Hauptsache in der Schweiz gedrehte «Youth» aus, der von der Zürcher C-Films mitproduziert wurde. Dessen Regisseur Paolo Sorrentino, der mit «La grande bellezza» 2013 den Oscar für den besten fremdsprachigen Film gewann, buhlte damit so streberhaft um die Goldene Palme, dass er gar einen Satz über Cannes in den Dialog einbaute. Die Jury liess sich davon offensichtlich nicht beeindrucken.

(baz.ch/Newsnet)

Erstellt: 24.05.2015, 20:10 Uhr

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