Interview

«Kubrick wurde auch als Versager abgekanzelt»

M. Night Shyamalan bringt seinen neuen Film «After Earth» in die Kinos. Das gefallene Hollywood-Wunderkind über Kritik, Spiritualität und Will Smith.

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Herr Shyamalan, Ihre Filme werden von den Kritikern regelmässig verrissen. Geben Sie etwas auf die Kritik, oder zählt nur der finanzielle Erfolg?
Weder noch. Es geht darum, dass ich mich mit dem Publikum verbunden fühle.

Kritik lässt Sie also kalt?
Sehen Sie, Kubrick wurde als Versager abgekanzelt, manche Kritiker hielten Hitchcock für einen Witz.

Wollen Sie sagen, die Kritiker verkennen Sie?
Nehmen Sie Emily Brontë. Eine schreckliche Schriftstellerin? Ja, klar! Die Kritiker haben sie niedergemacht. Sie starb, ohne je eine positive Kritik über sich gelesen zu haben. Sie können es drehen und wenden, wie Sie wollen: Irgendetwas habe ich richtig gemacht. Ich drehe nun seit zwölf Jahren Filme, und ich konnte immer diejenigen Projekte realisieren, die mir vorschwebten. Ich bin ein glücklicher Mensch!

Was für Sie spricht: Ihre Budgets wachsen und wachsen.
(lacht) Ehrlich gesagt: «After Earth» kostete weniger als meine letzten paar Filme. Es reizt mich momentan, kleinere Filme zu drehen. Der Vorteil ist, dass ich so nicht immer eine möglichst breite Zuschauerschicht ansprechen muss. Ich kann den Geldgebern sagen: «Jetzt drehe ich einen Film, der nur Leute über 25 Jahren ansprechen wird, aber ihr müsst euch keine Sorgen über das Einspielergebnis machen.»

Das funktioniert?
Ja, sie haben in Hollywood diesbezüglich auch ein bisschen dazugelernt. Man kann denen sagen: «Wir drehen einen Film für ältere Frauen.» Und sie denken an den Erfolg von «Magic Mike». Oder ich sage: «Ich drehe einen Film ausschliesslich für Teeanger.» Sie erhoffen sich den neuen «Twilight»-Film. Das funktioniert bei kleineren Budgets. Es wäre mir aber ein Graus, so etwas wie «Schwanensee» mit einem Riesenbudget von 150 Millionen Dollar zu verfilmen. Denn plötzlich kommt dann jemand und befielt: «Es darf keinen Selbstmord geben auf der Bühne, das schreckt diese oder jene Zuschauer ab.» Ich möchte die volle künstlerische Freiheit. Das Wichtigste für einen Künstler ist doch, seine Visionen umsetzen zu können. Dafür kämpft man. Deshalb möchte man auch berühmt sein. Aber wenn man berühmt ist, wird man halt auch mehr kritisiert. Man muss Vertrauen zu sich finden und zur Erkenntnis gelangen, dass das Geschwätz nicht alles ist, was zählt. Noch einmal: Ich bin wirklich glücklich! Ausserdem: Es ist doch bekannt, dass die Leute, die enttäuscht sind, am lautesten schreien. Niemand geht online und schreibt über mich: «Oh, was für ein süsser Kerl!»

Ihr Film «The Sixth Sense» wurde sehr positiv aufgenommen.
Auch das ist nicht wahr.

Nein?
Die Rezensionen waren höchstens mittelmässig, die «New York Times» und all die anderen grossen Zeitungen besprachen uns durchwegs negativ! Als wir für mehrere Oscars nominiert wurden, kam das einem Schock gleich. Mein am besten besprochener Film war «Signs». Das sind die Fakten.

Trotzdem: Die ständige Kritik muss deprimierend sein.
Ist sie, keine Frage. Ich weiss nicht, wieso ich in den USA ständig Ziel dieser Attacken bin. Ich fliege nach Japan, und die Reaktionen kehren sich um 180 Grad. Ich werde aus den USA auswandern – nur ein Witz.

Erfahren Sie auch in Europa mehr Wertschätzung?
Definitiv. Ich muss aber auch sagen: Die amerikanischen Zuschauer waren mir gegenüber immer sehr wohlgesinnt.

Lassen Sie sich von der Kritik beeinflussen?
Ich spüre die Erwartungshaltung. Ich sitze zwar allein in meiner Scheune, wo ich mir die Filme ausdenke, aber ich kann nicht komplett ignorieren, was die Aussenwelt von mir denkt. Viele Leute glauben ja, ich sei der Regisseur, in dessen Filmen es am Ende immer einen Twist gebe. Ich sehe das gar nicht so, aber ich muss damit leben. Ich weiss, dass viele Fans enttäuscht sein werden, wenn es keinen Twist gibt. Gleichzeitig werden sich andere nerven, wenn ich mich doch für einen entscheide. Ich darf mich daher nicht von den Erwartungen irremachen lassen. Sonst kann ich nur verlieren.

Lesen Sie denn überhaupt noch, was über Sie geschrieben wird?
Meistens wird es irgendwie an mich herangetragen.

Wie reagieren Sie? Wütend? Frustriert?
Das hier frustriert mich!

Das hier?
Nicht Sie persönlich. Aber ich habe Jahre an einem Film gearbeitet, und das ist es nun, worüber wir sprechen? Das ist frustrierend!

Sie haben recht. Sprechen wir über Ihren neuen Film «After Earth», den Sie mit Will Smith und seinem Sohn Jaden gedreht haben. Ist es nicht anstrengend, ständig den Vater eines Darstellers am Set zu haben?
Will hat sich sehr zurückgenommen. Er hat es mir erlaubt, eine eigene Beziehung zu seinem Sohn aufzubauen. Wenn wir eine Einstellung gedreht hatten, schaute Jaden immer zuerst zu mir, um zu sehen, ob ich zufrieden bin. Erst danach wandte er sich an seinen Vater.

Jaden scheint mir ein impulsiver junger Mann zu sein.
Eigentlich ist er eher der stille, fast scheue Typ. Ich erinnere mich, wie ich vor einigen Jahren bei Will Smith zu Hause war und miterlebte, wie Jaden, der damals etwa sieben Jahre alt war, seinen Vater fragte, ob er ein Handy haben dürfe. Will sagte: «Nein, du kannst mein Handy benutzen.» Jaden quengelte nicht, er trottete einfach stumm davon.

Ich vermute, Sie waren nicht zum Kaffeetrinken bei den Smiths?
Nein, wir wollten schon vor Jahren unbedingt zusammen einen Film drehen. Immer, wenn ich in Los Angeles war, habe ich ihn angerufen: «Hey Will, wollen wir uns mal wieder zusammensetzen und schauen, ob sich ein Projekt anbietet?» Und dann, irgendwann, erzählte er mir von dieser Vater-Sohn-Geschichte, die er sich ausgedacht hatte.

Der Drehbuchautor Gary Whitta, der «The Book of Eli» geschrieben hat, hatte zu diesem Zeitpunkt schon einen Drehbuchentwurf erstellt.
Ja, wir haben die Idee dann zusammen weiterentwickelt. Aber wie das bei mir halt so ist, wurde es schnell viel zu spirituell. Gary hat mich dann immer ermahnt: «Night», hat er gesagt, «da ist zu viel ‹Tree of Life› drin!» Ich habe mich sehr bemüht, meine spirituelle Ader zurückzunehmen.

Können Sie den spirituellen Gedanken des Films kurz zusammenfassen?
Es geht ganz einfach darum, dass die Erde ein spirituelles Wesen ist. Und dieses Wesen ist krank. Weil wir nicht nach seinen Regeln spielen. Es braucht uns, um wieder ins Lot zu kommen. Andernfalls wird es sich gegen uns wenden. Es wird sich an uns rächen.

Woher kommt Ihre spirituelle Ader?
Das hat vermutlich mit meinem kulturellen Hintergrund zu tun. Die indische Kultur ist sehr spirituell. Es gibt für alles und jeden eine Zeremonie. Wenn ein Baby geboren wird, gibt es genauso eine Zeremonie wie beim Kauf eines Hauses. Oder wenn die Eltern das Gefühl haben, dass das Kind zu viel Lob bekommt, dann versuchen sie, dem mit einem Ritual entgegenzuwirken. Als ich einmal einen Preis gewonnen habe, stand danach meine Grossmutter im Zimmer und sagte irgendwelche Sprüche auf. Ziemlich Furcht einflössend. Obendrauf haben mich meine Eltern in eine katholische Schule geschickt, um mir Disziplin einzutrichtern. (lacht) Ich dachte viel darüber nach, wie die Welt funktioniert und wie ich mich am besten einfüge.

Glauben Sie an Gott?
Ich glaube, dass noch etwas anderes da ist. Ich glaube aber nicht an einen Gott, wie er von den Religionen definiert wird.

«After Earth» wirkt wie ein spiritueller Cousin von «Avatar». Einverstanden, dass «Avatar» so erfolgreich war, weil der Film eine Welt zeigt, in der wir gerne leben würden?
Das ist eine hervorragende Beobachtung. James Cameron hat eine Welt kreiert, in der Werte und Regeln gelten, wie wir sie aus unseren Wunschvorstellungen kennen. Und dann hat er dieser Welt die brutalste, ausbeuterischste Seite unserer Gesellschaft gegenübergestellt. Ich habe mich allerdings nicht an «Avatar» orientiert. Diese Parallele fällt mir erst jetzt auf, wo Sie es erwähnen. Es passiert mir hin und wieder, dass ich einen Film schaue und realisiere, dass ich etwas übernommen habe. Wahrscheinlich klaue ich unbewusst an allen Ecken und Enden. (lacht) (baz.ch/Newsnet)

Erstellt: 06.06.2013, 11:55 Uhr

Trailer

Film

Inhalt: Es ist eintausend Jahre her, dass die Menschheit nach einer verheerenden Katastrophe die Erde verlassen musste und Nova Prime ihre neue Heimat wurde. Als ein Asteroidenhagel Cyphers und Kitais Schiff zerstört, müssen ein Vater und ein Sohn auf einem bisher unbekannten und gefährlichen Planeten notlanden.

Um «After Earth» ist in den USA eine hitzige Debatte entbrannt. Kritiker wollen diverse Motive aus der Lehre von Scientology-Gründer L. Ron Hubbard in dem Film entdeckt haben.

Ab heute Donnerstag im Kino.

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