Opfer von Macho-Intellektuellen

Diese Woche läuft Margarethe von Trottas Film über die deutsch-jüdische Philosophin Hannah Arendt an.

Klarer Geist im Zigarettenrauch: Barbara Sukowa als Hannah Arendt in Margarethe von Trottas Film.

Klarer Geist im Zigarettenrauch: Barbara Sukowa als Hannah Arendt in Margarethe von Trottas Film.

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1961 wird Adolf Eichmann, einer der hauptverantwortlichen Organisatoren des Holocausts, in Israel vor Gericht gestellt. Die deutsch-jüdische Publizistin Hannah Arendt begleitet den Prozess und verfasst eine Reportage, die zu einer erbitterten Kontroverse führt.

Es beginnt wie ein Krimi: In Buenos Aires wird 1960 ein Mann von der Strasse weg vom israelischen Geheimdienst gekidnappt. Hannah Arendt, Professorin in New York, ist von der Nachricht der Ergreifung Eichmanns wie elektrisiert.

Arendt, selbst 1941 mit knapper Not den Nazis entkommen, bewirbt sich beim Intellektuellen-Magazin «The New Yorker» um die Prozess-Berichterstattung. Trotz der Bedenken ihrer Freunde und ihres Mannes Heinrich Blücher reist sie zwei Monate nach Jerusalem und beobachtet die Verhandlung.

Ihre Artikelserie, in der die Philosophin scheinbar den Massenmörder entlastet, verursacht einen Sturm der Entrüstung. Alte Weggefährten wenden sich ab, und auch beruflich gerät sie in Schwierigkeiten.

Redefilm über kontroverse Thesen

Von Trotta interessiert sich nur für die Jahre um den Eichmann-Prozess und schildert, unterfüttert von Doku-Aufnahmen aus dem Gericht, eine der hitzigsten Debatten der Nachkriegszeit.

Es war Hannah Arendt, die den Begriff von der «Banalität des Bösen» prägte. Damit wollte sie ausdrücken, dass Eichmann ein «normaler Mensch» und kein Ungeheuer gewesen sei.

Der SS-Obersturmbannführer berief sich bei seinem Vernichtungsfeldzug stets auf seinen Eid gegenüber dem Führer. Arendt konstatierte bei dem Karrierebürokraten die «Unfähigkeit, selbst zu denken» und moralisch zu handeln.

Das Filmporträt besteht zum Grossteil aus Diskussionen, Reden und Gesprächen. Dennoch gelingt es nicht, die unterschiedlichen Positionen verständlich zu machen. In dem unkonzentrierten Drehbuch wechseln überflüssige Szenen der geradezu kitschig idealisierten Ehe von Arendt mit den Zusammenkünften ihrer emigrierten Freunde aus ihrer Studienzeit, die sich in ihrer Wohnung treffen.

Dabei fallen grosse Namen wie Hans Jonas oder Mary McCarthy, auch gibt es Rückblenden auf ihren Mentor und Liebhaber Martin Heidegger. Doch das «Who's Who» bleibt dem historisch unbeleckten Zuschauer so unklar wie die damaligen politischen Theorien.

Barbara Sukowa in der Pose einer «starken Frau»

Die schon damals begründeten Argumente von Arendts Gegnern werden, bis auf einen Nebensatz, ausgeblendet. Etwa dass Eichmann nicht nur ein tumber Schreibtischtäter war, dass er mitnichten Dienst nach Vorschrift verrichtete, sondern sogar gegen Himmlers Befehle den Massenmord vorantrieb.

Im Lichte neuer Dokumente, die Arendt damals nicht einsehen konnte, erscheinen ihre Thesen erst recht als Holzweg. Statt die Materie etwas durchsichtiger zu machen, flüchtet die Inszenierung in die Personalisierung der Debatte und macht die Heldin zum Opfer von Macho-Intellektuellen.

Im wohlmeinenden Tunnelblick der Regisseurin werden Nuancen und Brüche, die einen Charakter erst lebendig machen, ignoriert. So verdienstvoll es ist, dieser aussergewöhnlichen Denkerin Hommage zu erweisen, so ermüdet dennoch Barbara Sukowas sich oft in Äusserlichkeiten erschöpfende Pose einer «starken Frau». (phz/sda)

Erstellt: 14.01.2013, 11:54 Uhr

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