Reise in die schwarze Schweiz

Was die Schweizer Babyboomer von Afrika wussten, wussten sie von René Gardi. Er zeigte einen paradiesischen Kontinent. Der Berlinale-Film «African Mirror» stellt dazu unbequeme Fragen. 

René Gardi suchte «starke Wilde», die so eigensinnig waren, dass ihnen die Europäer das richtige Leben vorleben mussten. Foto: ton und bild GmbH

René Gardi suchte «starke Wilde», die so eigensinnig waren, dass ihnen die Europäer das richtige Leben vorleben mussten. Foto: ton und bild GmbH

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1959 fuhr der Berner Reiseschriftsteller René Gardi (1909–2000) mit einer kleinen Equipe in die Mandaraberge in Nordkamerun, um seinen ersten ethnografischen Dokumentarfilm zu drehen. Die Bewohner eines Hüttendorfs im Sattalatal, von denen einige nackt und schweissüberströmt an den Hochöfen schmiedeten, übten eine grosse Faszination auf ihn aus. Sie wirkten wie liebenswürdige und sonderbare Bergbauern. Waren sie nicht frei wie unsere Älpler, einfach dunkler? In Kamerun fand René Gardi sein Traumland. Eine «urweltliche Landschaft» mit Leuten, die leben wie «Könige ohne Untertanen», wie es im Vorspann von «Mandara» (1960) heisst. 

Tatsächlich stand Kamerun damals unter französisch-britischer Verwaltung. Der Umstand blieb René Gardi nicht verborgen, schliesslich begleitete er auch die französischen Kolonialbeamten beim Eintreiben der Steuer. Aber die Abgabe hatten die «ungebändigten» Kameruner eben zu bezahlen, so viel war es ja nicht. Gardi thematisierte das Unrecht kaum – weil er starke Wilde suchte, die allerdings so eigensinnig waren, dass ihnen die Europäer das richtige Leben vorleben mussten. Am liebsten hätte er einen Zaun um seine Hügelmenschen gebaut, aus Schutz vor den schädlichen Einflüssen der Moderne. 

Im Kino ein Grosserfolg

René Gardi hat einer ganzen Generation in der Schweiz Afrika nähergebracht, auf zahlreichen Deutschschweizer Sofatischen lagen seine Fotobände und Reiseberichte aus Kamerun oder der Sahara. Gardi fuhr mit dem Diaprojektor durchs Land, schrieb Reportagen in der «Schweizer Illustrieren» und trat über Jahre in der Sendung «René Gardi erzählt» im Schweizer Fernsehen auf. In den Kinos wurde «Mandara» zum Grosserfolg, an der Berlinale erhielt der Film eine lobende Erwähnung. 

Eine gute Pointe also, dass der Archivfilm «African Mirror» von Mischa Hedinger gestern ebenfalls an der Berlinale uraufgeführt wurde, und zwar in der experimentelleren Sektion «Forum». Hedinger ist es gelungen, Gardis umfangreichen Nachlass zu erwerben, jetzt liegen die vielen Tonbänder und Tagebücher im Berner Staatsarchiv. «African Mirror» ist praktisch ausschliesslich aus diesem Material entstanden: teilweise unveröffentlichte Filmaufnahmen und Gardis Texte, vorgelesen aus dem Off. 

Der Film ist gescheit gemacht, weil er Gardis Afrikabild mit den eigenen Waffen entlarvt: eine Demontage durch Montage. René Gardi brach als Entdecker und Beschützer ins angeblich unberührte Land auf und inszenierte Sehnsuchtsorte des Urtümlichen, wo scheue Primitive im Busch leben. Wenn sie in einer Szene gut mitspielten, drückte er ihnen ein «Fünfernötli» in die Hand. Sie reden lassen oder gar mit ihnen essen mochte er aber nicht. Denn will man das, dass so ein Eingeborener neben einem am Boden sitzt und mit blossen Fingern seine klebrigen «Hirsechrugle» isst? «I weiss de nid.»

Erotisierter Blick

Kaum bekannt dürfte sein, dass Gardi wegen «unsittlicher Handlungen» mit Schülern in Bern 1944 einen Suizidversuch unternommen hatte. Es gibt in seinen Bildern auch einen erotisierten Blick auf Dunkelhäutige, aber «African Mirror» liefert keine psychologischen Thesen. Der 1984 geborene Mischa Hedinger zeigt in seinem ersten langen Dokumentarfilm einfach, wie Gardi einen Kontinent entsprechend seinem inneren Afrika zurechtfantasierte. 

«Während der Recherche habe ich gemerkt, wie sehr die Leute den schwärmerischen Gardi-Bildern noch immer erliegen», sagt der Regisseur. Und es stimmt, spürt man nicht selbst ein Ziehen in der Brust, wenn die Landschaft von Nordkamerun ins Bild kommt? Was René Gardi der Schweiz von Afrika zeigte, war eine Projektion, welche die Unterdrückung ausblendete. «African Mirror» reflektiert diesen Blick, spiegelt ihn an uns zurück: Sind wir heute gegen solcher Träumerei gefeit?

Kolonial verstrickt

Es ist erstaunlich, dass es bis heute keine systematische Kritik von Gardis Werk gibt. Der Sammelband «Postkoloniale Schweiz» von 2012 enthielt einen Aufsatz zu Gardis Kamerunreise, kürzlich erschien die Dissertation «Bewegte Bilder für eine entwickelte Welt» von Felix Rauh, der Gardis Schaffen im Kontext der Entwicklungshilfe beurteilt. 

Erst in den vergangenen Jahren haben Historiker die postkoloniale Forschung gezielt auf Schweizer Verhältnisse übertragen und damit gezeigt, dass die alten Exotisierungen ziemlich viel mit unserer globalisierten Welt zu tun haben. Die «Postcolonial Studies» fragen, inwiefern die Schweiz ins koloniale Projekt verstrickt war, ohne selbst Kolonien gehabt zu haben, und wie Vorstellungen von weisser ­Herrschaft in den Köpfen überdauern. Gardis wirkmächtige Reiseberichte zeigen, dass auch hierzulande koloniale Bilder produziert wurden, die im nationalen Bewusstsein bis heute fortwirken. 

Typisch für kolonialistisches Denken ist eine Haltung der Bevormundung: Seinem Publikum riet Gardi, sich wegen ein paar freundlicher afrikanischer Gesichter nicht vom Helfen abhalten zu lassen. Er fand, die Weissen hätten den sozialen Ausgleich in Länder wie Kamerun gebracht. Dabei reiste Gardi in einer Zeit nach Afrika, als Unabhängigkeitsbewegungen vielerorts spürbar waren. Im Aufbruch sah er aber vielmehr ein Verderben durch Konsumgüter und Kitsch, eine Ruckzuck-Modernisierung von Spendensack und lächerlicher Hybridisierung. Was wird da nur aus seinen Hinterwäldlern?

«René Gardi hat für die Schweiz Kolonien geschaffen», sagt Hedinger. Weil Gardis Afrika nur in der Fantasie existiert, haben wir es alle schon betreten, und was macht das jetzt aus uns: Träumer oder Gewaltherrscher?

Ab Herbst in den Kinos. 

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 08.02.2019, 19:18 Uhr

69. Berlinale

In Berlin haben die letzten Filmfestspiele unter der Leitung von Dieter Kosslick begonnen, der nach 18 Jahren aufhört. An der Eröffnung tat er noch einmal, was er am liebsten tut: als Master of Ceremony im roten Schal die deutsche Film- und Fernsehprominenz abküssen.

Hollywoodstars waren noch kaum welche da, Oscar-Kandidat Christian Bale fliegt aber nächste Woche für «Vice» an, den Spielfilm über Dick Cheney. Vorher zeigt François Ozon ein Drama über Missbrauch durch einen Priester in Lyon und Fatih Akin die Verfilmung von Heinz Strunks Bestseller «Der goldene Handschuh» über einen Serienmörder in St. Pauli. Weitere Namen im Wettbewerb: Agnès Varda, Denis Côté, Agnieszka Holland. Netflix ist mit einem Liebesdrama der Katalanin Isabel Coixet vertreten, viel Aufhebens um den Streaming-Giganten macht die Berlinale aber nicht.

Kosslick hat das Festival mit seinem Engagement für den internationalen Autorenfilm geprägt, sich aber auch vor der Diskussion an seiner Auswahl gedrückt, bei der politische Themen­huberei oft wichtiger war als Qualität. Ex-Locarno-Leiter Carlo Chatrian soll das Profil ab 2020 schärfen. Den beachtlichsten Schweizer Auftritt hatte bislang aber das Hiltl-Restaurant, das der vehemente Vegetarier Kosslick erstmals dazu einlud, an der Eröffnungsparty mitzukochen. War in Ordnung, aber vielleicht, so sagt man, gibts ab nächstem Jahr wieder mehr Wurst. (blu)

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