Schweizer Horror unter sengender Sonne

Am 64. Filmfestival in Locarno hat der junge Schweizer Tim Fehlbaum für trockene Kehlen gesorgt. Sein Wettbewerbsbeitrag «Hell» führte in eine aufgeheizte Zukunft.

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Wasser! Eigentlich hat so ein Stossgebet nichts verloren auf der Piazza Grande. Reines Wasser geniesst ja keinen sonderlich guten Ruf hier: Es spendet nicht Leben, sondern ist ein Spielverderber, wenn es von oben kommt. Wasser auf der Piazza, das klingt deshalb nie nach gelöschtem Durst, sondern nach einer meteorologischen Drohkulisse. Aber gestern gegen Mitternacht war ausnahmsweise alles anders: Da keimte im Publikum plötzlich ein perverser Wunsch nach Regen, denn es trocknete einem schon vom Zusehen die Kehle aus. Schuld daran war ein junger Schweizer Regisseur.

«Hell», Hölle, hat der gebürtige Basler Tim Fehlbaum, Abgänger der Münchner Filmschule, seinen apokalyptischen Erstling getauft. Als potenten Patron hatte er Roland Emmerich im Rücken, den deutschen Katastrophenmeister in Hollywood. Und die Hölle, das ist hier zunächst einmal das Klima, das in naher Zukunft über Mitteleuropa herrscht.

Welt unter Staub

Europa schwitzt: Was in diesem vermaledeiten Sommer wie ein frommer Wunsch klingt, ist in «Hell» ein Horror unter sengender Sonne. Zehn Grad wärmer ist es in dieser fantastischen Prognose, und wie Fehlbaum diesen Ausnahmezustand greifbar macht, das ist schlicht atemberaubend. Wenn Hollywood ein ausgetrocknetes Land braucht, geht es routinemässig in die Wüste, um zu drehen. Fehlbaum hat seine Endzeit weitgehend in Bayern realisiert und auf Korsika zur Ergänzung noch abgebrannte Wälder gefunden.

Unter chronischer Überbelichtung lässt er die vertraute europäische Umgebung ins Gespenstische gleiten. Das ist eine Welt, die bei gleissendem Licht unter Staub begraben liegt, und die wenigen Menschen, die hier noch der Hitze über Deutschland trotzen, tragen Skibrillen und Kapuzen. Wie Tuaregs einer verdorrten Konsumgesellschaft.

Die Hölle, das sind aber auch die anderen. Zu spüren bekommt das Hannah Herzsprung als Marie, die mit ihrer kleinen Schwester im Auto ihres Freundes (Lars Eidinger) den Weg in die Berge sucht, wo es angeblich noch Wasser gibt. An einer abgewrackten Tankstelle gabeln sie einen Fremden (Stipe Erceg) auf. Dann, im toten Wald, wird die Schwester von einer Horde gesichtsloser Dunkelmänner entführt, die kleine Schicksalsgemeinschaft wird auseinandergerissen. Auf sich allein gestellt, sinkt Marie in einer verlassenen Kapelle zu Boden – da hilft ihr Angela Winkler als barmherzige Bauersfrau wieder auf und gibt ihr zu trinken.

Die Natur als Friedhof, der Mensch als Raubtier, die unverblümten Verweise auf die christliche Heilsgeschichte: Vieles von dem, was Tim Fehlbaum in «Hell» durchspielt, hat man unlängst auch in «The Road» gesehen, dem Endzeitfilm nach dem Roman von Cormac McCarthy. Die verwüstete Zukunft war dort aschgrau, hier ist sie sandfarben. «Hell» ist nicht nur der bessere Film von beiden, sondern auch weniger reaktionär.

In «The Road» ächzte jede Einstellung unter dem Willen zur epischen Parabel. Bei Fehlbaum spürt man trotz offensichtlicher Wonne über eine untergehende Zivilisation in erster Linie die Lust daran, die elementaren Reize des Genrekinos auszuspielen. Und während «The Road» von allem Anfang an auf die Gründung einer neuen Heiligen Familie ausgerichtet war, bleibt Fehlbaums «Hell» da weit ambivalenter.

Die frommen deutschen Bauern, die hier den Fortbestand ihrer Familie sichern wollen, erweisen sich als treugläubige Erben der Blut-und-Boden-Ideologie. Und während sie die Hände zum Tischgebet falten, dampft Menschenfleisch in ihren Tellern.

Immer drastischer

Bloss, die gespenstische Atmosphäre der ersten Hälfte des Films bleibt mit fortschreitender Dauer auf der Strecke. «Hell» mündet schliesslich in einen rabiaten Showdown, der wohl irgendwie als Metapher auf die Gräuel der Nazis verstanden werden will. Immer drastischer, immer plakativer: Das ist zwar handwerklich immer noch beeindruckend gemacht, aber Regisseur Tim Fehlbaum unterwirft sich am Ende allzu bereitwillig den Gesetzen des Genres, mit denen er bis dahin so souverän hantierte.

Patron Emmerich übrigens soll dem 29-jährigen Regisseur zunächst geraten haben, den Film für den internationalen Markt auf Englisch zu drehen. Es spricht für Fehlbaum, dass er sich nicht hat beirren lassen. Wer bei seinem Erstling gleich mit Leuten wie Angela Winkler und Hannah Herzsprung drehen kann, der wechselt nicht leichtfertig in die Allerweltssprache.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 04.08.2011, 16:03 Uhr

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