«Sie fielen aus dem Aquarium in den Ozean»

Der deutsche Regisseur Andreas Dresen bringt mit «Als wir träumten» Clemens Meyers Roman über die Nachwendejugend ins Kino. Nach all den Stasidramen sei der Moment gekommen für einen Film über eine wilde Zeit.

Hat seit kurzem auch ein paar ordentliche Technonummern in seiner Playlist: Regisseur Andreas Dresen. Foto: Reto Oeschger

Hat seit kurzem auch ein paar ordentliche Technonummern in seiner Playlist: Regisseur Andreas Dresen. Foto: Reto Oeschger

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In «Als wir träumten» erzählen Sie von der ostdeutschen Jugend nach der Wende. Wie gross war dabei die Gefahr der Ostalgie?
Das wollte ich sowieso nicht, es entspricht nicht meiner Geisteshaltung. Ich bin ja froh, dass die DDR weg ist. Was nicht heisst, dass man sich mit gewissen Dingen nicht genauer auseinandersetzen müsste. Ich wollte keinen ostalgischen Rückblick, sondern eine universale Geschichte über das Erwachsenwerden in dieser aufregenden Umbruchszeit erzählen.

Das Buch von Clemens Meyer hat diesen eigenen Sound, den man fast singen kann. So was funktioniert in einem Film meistens schlecht.
Es ist eine Übersetzungsarbeit. Im Kino möchte man nach zwei Stunden halbwegs verbindliche Antworten haben, warum man da gesessen hat. Beim Buch kann man vor- und zurückblättern. Der Vorgang ist völlig verschieden. Clemens Meyers Roman ist ein kunstvolles Chaos. Wir haben versucht, die Geschichte mehr zu ordnen. Dabei fiel auch das Kapitel über die Montagsdemonstrationen weg. Ich fand es ohnehin schöner, wenn man die Wende daran erkennt, dass eine Mikrowelle und ein paar Pornohefte im Leben dieser Jungs auftauchen. Ausserdem wollte ich die Peinlichkeit vermeiden, Bilder schlecht nachzustellen, die jeder aus dem Fernsehen kennt.

Die jungen Darsteller sind alle nach 1990 geboren. Welche Vorstellungen hatten sie von der Wende?
Die haben sich damit beschäftigt, ich habe auch viel erzählt. Aber wichtiger war, dass sie sich die Geschichte zu eigen gemacht, ihre eigene Energie eingespeist haben. Man sieht ja, was die für einen Dampf haben. Da musste ich nicht so viel nachhelfen, die Darsteller konnten sich mit vielen Themen identifizieren: Liebe, Verrat, Freundschaft. Während einer improvisierten nächtlichen Autofahrt durch Leipzig hat Joel Basman plötzlich gerufen: «Woraus sind wir auferstanden?» Und die Runde antwortete: «Aus Ruinen, aus Ruinen!» Das ist die DDR-Nationalhymne, die hatten sie sich angelesen. Ich fand das toll, Joel Basman konnte die ganze Hymne singen.

Sie setzen in Ihren Filmen oft auf Improvisation. Auch diesmal?
Manchmal. Ich mag es, Schauspieler zu überraschen, das führt zu unvermittelten Reaktionen. Als wir die Szene drehten, in der die Polizei einen der Jungs zu seiner Mutter bringt, habe ich deren Darstellerin beim achten Take gesagt, sie solle ihm jetzt mal eine runterhauen. Das wusste er nicht, aber nun ist seine explosive Reaktion im Film.

Mussten Sie den Film erst an sich heranholen? Das Thema ist historisch, die Geschichte beruht auf einem Roman, und dazu gibts im Film Elemente des Genrekinos, wie man sie von Ihnen weniger kennt.
Es waren schöne Herausforderungen. Den Roman mochte ich sowieso, der Film ist zwar anders, aber ähnlich im Herzschlag, das war das Entscheidende. Es ging immer darum, eine filmische Entsprechung zu finden für die Kraft und die Archaik des Buches, aber auch für die Zärtlichkeit. So wie Clemens Meyer schreibt, diese Tonlage gibt es in Deutschland selten. Ich kenne das eher aus der amerikanischen Literatur. Die Geschichte mit den sich bekämpfenden Gangs könnte auch in Amerika spielen, ich musste da an Scorseses «Mean Streets» denken. Und die Genre­elemente waren spannend, ich hatte etwa noch nie einen Boxkampf inszeniert und schaute mir dann alles an, was in der Filmgeschichte an Boxkämpfen zu finden war. Das war toll, und es gehört ja auch zum Handwerk, das ich an der Filmhochschule gelernt habe.

Die Jungs eröffnen im Film ihren eigenen Technoschuppen. Können Sie mit der Musik etwas anfangen?
Ich war in den Neunzigern natürlich auch mal in Berlin im Bunker und im Tresor. Aber so richtig eingestiegen bin ich erst, als Drum ’n’ Bass und Trip-Hop aufgekommen sind, in diesen morbiden Läden, in denen du das Gefühl hast, dir fällt gleich die Decke auf den Kopf. Der Reiz dieser Partys bestand ja vor allem darin, dass sie ohne Genehmigung stattfanden. Man hat mit Anarchie die Freiräume besetzt, die die Gesellschaft geboten hat. Techno selbst habe ich erst jetzt so richtig für mich entdeckt, in meiner Playlist gibt es nun ein paar ordentliche Nummern. Schon geil, ab und zu.

Die Szenen im Club sind viel ausführlicher als im Roman. Sie wirken lebensecht, als ob Sie die Kamera tatsächlich an eine Technoparty mitgenommen hätten.
Ich kenne so viele peinliche Clubszenen in Filmen, da sieht man immer, wie sich Kleindarsteller unbeholfen bewegen, weil die Musik während des Drehs ausgeschaltet war, um einen Dialog laufen zu lassen. Und dann reden die so seltsam, zu laut oder zu leise. Es stimmt fast nie. Wir haben deshalb einen ziemlichen Aufwand betrieben, das so hin­zukriegen, dass man ein Gefühl dafür ­bekommt, wie das ausgesehen haben könnte. Die Komparsen haben auch toll mitgespielt, da wurde wirklich Party gemacht in unserem nachgebauten Club. Manche haben sich bei mir beschwert, es werde mit Drogen gehandelt und ­Nazis seien ja auch da. Ich hab gesagt: «Ist doch nicht echt, wir machen ja noch immer einen Film hier.»

Mit Techno kam auch die Idee der Utopie des Clubs auf, eine Art Gleichheit im Rausch.
Ja, die Idee einer gemeinsamen Energie. Ich habe erst jetzt, beim Drehen, verstanden, was der Geist von Techno ­eigentlich war. Dazu muss man auch mal mittanzen, um das physisch zu begreifen. Man gerät da in eine Art innere ­Abwesenheit. Auch ohne Drogen.

Kann man sagen, dass die Jungs in Ihrem Film von der verordneten Solidarität der DDR in eine eigene Gemeinsamkeit geflüchtet sind, aber in ihrem Technoclub zugleich zu Kleinunternehmern wurden?
Das bringt es auf den Punkt. Die Jungs machen ihren eigenen Club, und als die Sache tatsächlich läuft, verschmelzen Traum und Realität für einen Moment. Sie erleben gemeinsam, wie sie mit dieser Musik zu fliegen lernen. Aber dann kommt einer und sagt: «Ihr könnt hier Krach machen, so viel ihr wollt, aber der Markt gehört uns.» Und dann greifen die Spielregeln. Dass man da mitzumachen hat, ist für die Jungs eine bittere Erfahrung. Sie müssen lernen, dass Freiheit etwas ist, das nicht ohne Regeln funktioniert, in diesem Fall die Regeln des Marktes. Irgendwann begreift man das, wenn man sich der Erwachsenenwelt anpasst. Es ist eben auch ein Abschied von der Jugend.

Und heute soll man den Traum und den Markt zusammen denken, als ständige Verwirklichung im Job.
Oder aber, man lehnt das ab und geht ­gegen die Marktregeln an. Das ist ja das Schöne an der Pubertät: In dieser Zeit interessiert man sich nicht für die gesellschaftlichen Verabredungen. Man will sich abnabeln und stellt Fragen, die sehr produktiv sein können. Nur sind die Freiräume, die man heute besetzen kann, nicht mehr so gross wie in den Neunzigern. Es ist schwieriger geworden, loszumarschieren. Die Welt ist ­saturierter.

Sehen Sie da Parallelen zur Jugend im europäischen Süden, die heute auch in einer neuen Welt aufwächst, in der die Austerität und die Eurofinanzminister regieren?
Ich glaube, heute haben wir alle das ­Gefühl, dass etwas nicht stimmt, dass es an allen Enden klappert. Vielleicht ist es so, dass bestimmte Geschichten irgendwann in der Luft liegen. Es hat eine ­gewisse Zeit gebraucht, bis man die ­Geschichte der Nachwendejugend erzählen konnte. Davor mussten quasi erst alle Stasidramen gemacht werden. Wenn man dann aber den Roman von Clemens Meyer liest, spürt man die grossen Möglichkeiten von damals und merkt zugleich, dass sie verpasst worden sind. Das hat mich wütend und traurig gemacht. Die Nachwendejugend hatte diese Energie, aber keinen Halt. In der DDR gabs zumindest eine Ideologie, wenn auch eine verlogene. Danach gabs nichts mehr. Man fiel aus dem Aquarium in den Ozean, und dann hiess es: «Schwimm!»

(baz.ch/Newsnet)

Erstellt: 04.04.2015, 10:27 Uhr

Der Trailer zum Film

Quelle: Youtube

«Als wir träumten»

Kaputtmachen nach 1990

Der in der DDR geborene Regisseur Andreas Dresen («Halt auf freier Strecke», 2011) ist ein emphatischer Realist und Improvisator des Kinos. In seiner Verfilmung von Clemens Meyers Roman «Als wir träumten» von 2006 trifft die Wende mit dem Aufwachsen von fünf ostdeutschen Jungs (einen von ihnen spielt der Zürcher Joel Basman) zusammen. Bilder aus der Kindheit in der DDR werden mit Szenen nach 1990 verschaltet, in denen die Jungs einen Technoclub aufbauen, bis die Skins kommen. Das hat eine realistisch flirrende Kraft, auch wenn die Unordnung aus dem Buch konfektioniert wird und einen der Übermut einer doppelten Wendezeit oft nicht besonders einnimmt. (blu)

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