Sie prügeln, fluchen, saufen

Filme, Romane und der neue Pirelli-Kalender zeigen: Frauen sind die neuen Männer. Zumindest beinahe.

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Vor ein paar Jahren noch hätte sich das angehört wie der Albtraum jedes Mannes: ein Pirelli-Kalender, der nicht sexy Kurven, sondern Frauen als komplexe Wesen in Szene setzt. Romanheldinnen wie Lisbeth Salander, die sich lieber mit Computern als mit Männern beschäftigen, Sexisten gnadenlos demütigen und mal mit Frauen, mal mit Männern ins Bett gehen. Oder Serienheldinnen wie Jessica Jones, die trinken wie ein Mann, fluchen wie ein Mann und prügeln wie ein Mann. Spaziert einer mit wohlgeformter Trapez- und Deltamuskulatur daher, nehmen sie ihn zwar mit ins Bett, doch mehr für beiläufigen Sex, als um sich zu verlieben.

Durchtrieben, schlagkräftig, supersexy

Im Herbst 2015 beherrschen solche Frauen die Bestsellerlisten und Magazinseiten. Fotografin Annie Leibowitz hat den Pirelli-Kalender in einer nie gesehenen Weise inszeniert: Sie zeigt Serena Williams und ihren beeindruckenden Körper in Leni-Riefenstahl-Ästhetik, Komikerin Amy Schumer lässt sie zwar nackt mit fliessendem blondem Haar und in High Heels posieren, aber weder Körper noch Pose entsprechen dem gängigen Ideal kokettierender Weiblichkeit. Ansonsten sind Leibowitz' Pirelli-Frauen zwar schön, aber angezogen. Was sie ins Bild rücken, ist das, was sie als Menschen darstellen, und nicht in erster Linie das, was sie an körperlichen Vorzügen mitbringen.

Die popkulturelle Gender-Diskussion fokussierte in den vergangenen Jahren auf die sich wandelnde Rolle des Mannes: Er sei die neue Frau, hiess es, ein eitles Wesen, dessen Gedanken vornehmlich um Haarentfernung und Muskelaufbau kreisten. Das Bild der modernen Powerfrau, durchtrieben, schlagkräftig und supersexy, wirkte dagegen schon etwas abgehangen. Zwar haben Hollywood, Netflix und HBO in den letzten Jahren viele sogenannt starke Frauen auf die Leinwand gebracht, die den Männern in vielerlei Hinsicht ebenbürtig sein dürfen. Doch sie alle hatten entweder einen starken Mann an ihrer Seite, zu dem sie aufschauen konnten, oder entsprachen zumindest äusserlich dem klassischen Schönheitsideal mit sexy Kostümen und schön geföhnten Haaren – man will ja nicht in Verdacht geraten, eine unrasierte Emanze zu sein. Denn im Grunde passten auch diese Heldinnen in vielen Belangen ins klassische Bild: Ihre Sexualität blieb Mittel zum Zweck, auch wenn sie nicht immer um einen Mann, sondern Seite an Seite mit ihm kämpften. Anders diese neuen Heldinnen: Sie sind sozusagen die neuen Männer.

Superkräfte helfen nichts

Jessica Jones in der gleichnamigen Netflix-Serie ist der Prototyp dafür. Wie der klassische Privatdetektiv nach dem Vorbild von Philip Marlowe ist sie in erster Linie eine düstere, gebrochene Figur: Meistens schlecht gelaunt, arbeitet sie am liebsten allein, trinkt zu viel Whisky und lächelt nur selten. Sie pfeift auf Make-up und Maniküre, schläft meist in den Kleidern, schlurft stets in ausgewaschenen Jeans, Stiefeln und einer abgewetzten Lederjacke durch die Strassen. Mit ihren brutalen Widersachern prügelt sie sich so beiläufig, wie man Abfall entsorgt: Jessica Jones kann das, weil sie über Superkräfte verfügt – gerade so viel, dass sie auch mit dem stärksten Mann spielend fertig wird. Aber das hilft ihr nicht viel, denn ihre Welt ist so kaputt wie sie selbst, und ein paar Superkräfte reichen nicht im Ansatz, um irgendwen zu retten – geschweige denn sich selbst. Entsprechend fertig sieht sie auch aus.

Säuft, prügelt und liebt wie ein Mann: Marvel-Heldin Jessica Jones. (Foto: Keystone)

Wie Lisbeth Salander, die im jüngsten Millennium-Roman «Verschwörung» von der Peripherie ins Zentrum gerückt ist, total auf sich allein gestellt die NSA hackt, die Russenmafia besiegt und ihrem Freund Mikael Blomkvist die entscheidenden Tipps gibt, ist auch Jessica Jones eine Frau, die sich selbst genügt und sich keinen Deut darum schert, ob sie dabei eine besonders ansprechende Figur macht. Überhaupt sind die wichtigsten Identifikationsfiguren der Serie Frauen: Jones' Stiefschwester, ihre windige Anwältin, die zudem lesbisch ist, ihre Klientinnen. Einzig Jones' Gegenspieler, der Superschurke Killgrave, ein sadistischer Manipulator, der Menschen seinen Willen aufzwingen kann, ist ein Mann. Er hatte Jessica Jones in der Vergangenheit unter Kontrolle, vergewaltigte und traumatisierte sie schwer. Rache ist denn auch ihr Antrieb beziehungsweise das Bedürfnis, andere vor dem gleichen Unheil zu bewahren. Das zumindest bleibt klassisch. Man muss sich die prügelnden Frauen im realen Leben ja nicht gerade zum Vorbild nehmen: Aber ihnen zuzuschauen ist alles andere als ein Albtraum. (baz.ch/Newsnet)

Erstellt: 01.12.2015, 15:41 Uhr

Artikel zum Thema

Superfrauen statt Supermodels

Wo sich normalerweise junge Models räkeln, posieren 2016 bedeutende Frauen. Ein Blick in den neuen Pirelli-Kalender. Mehr...

Sie will fühlen, nicht verharren

Kurzfilm der Woche Im Kurzfilm «Elysion» sitzen nicht Roadmovie-Heldinnen Thelma und Louise im schnittigen Auto, sondern Mutter und Tochter. Eine sinnlich erzählte Science-Fiction-Geschichte. Mehr...

Eiskalte Engel

Analyse Die Erfolgsserie «House of Cards» lebt von machtbesessenen Frauen. Taugen sie zum Vorbild? Mehr...

Werbung

Weiterbildung

Ausbildung & Weiterbildung Finden Sie die passende Weiterbildung Technischer Kaufmann, Deutsch lernen, Coaching Ausbildung, Präsentationstechnik, Persönlichkeitsentwicklung

Kommentare

Die Welt in Bildern

Spielen im Schnee: Die zwei chinesischen Riesenpandas Chengjiu und Shuanghao geniessen das kalte Wetter im Zoo von Hangzhou (9. Dezember 2018).
Mehr...