Und das sind die nominierten Gegenstände!

Am Sonntag erhalten die Hollywoodstars wieder ihre Academy Awards. Aber wie steht es um die Objekte? Wir ehren elf Requisiten, die in den Oscarfilmen einen preiswürdigen Auftritt haben.

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Sie fristen ein ungeehrtes Dasein, die Gegenstände im Kino. Aber seit einigen Jahren interessiert sich die Philosophie für die Rolle von Objekten, und das neue Büchlein «Wörterbuch der kinematografischen Objekte» würdigt die Requisiten des Kinos, von Abfluss bis Zigarette. Wir nehmen das als Anlass, elf Gegenstände zu nominieren, die in den diesjährigen Oscarfilmen eine Rolle spielen.

Auto. Im Leben einer Hollywoodfilmfigur kommt immer der Moment, in dem er seinen Sportwagen gegen einen Minivan eintauschen muss (robuster, mehr Platz für Kinder). So ergeht es auch dem meist abwesenden Vater (Ethan Hawke) in «Boyhood», nominiert für den besten Film. Er verkauft seinen Pontiac GTO und vergisst dabei, dass er ihn eigentlich seinem Sohn versprochen hatte. Das Automobil ist sonst unverzichtbar für jede Verfolgungsjagd und sämtliche Gangsterfilme. In «Public Enemies» (2009) filmte Michael Mann die Oldtimer der Dreissigerjahre mit einer modernen Digitalkamera, in «Yella» (2007) inszenierte Christian Petzold eine Autofahrt so, dass man das Gefühl hatte, man sitze mit im Wagen.

Bierflasche. Daran wird entweder genuckelt – oder sie wird geköpft und dazu verwendet, jemandem die Haut aufzuritzen. In «Gone Girl» verlieben sich Nick und Amy bei einem Bier in der Bar, in «Boyhood» verständigen sich Sohn und Vater während einer Konzertprobe. Die Satire «Shaun of the Dead» (2004) stellte einst die Frage, ob ein Pub der sicherste Ort ist, um sich vor Zombies zu schützen.

Blumen. Eine mit Bouquets zugestellte Theatergarderobe ist untrügliches Anzeichen dafür, dass eine Premiere stattgefunden hat. In «Birdman», nominiert als bester Film, erhält der abgehalfterte Star (Michael Keaton) in seiner Umkleidekabine im Broadway-Theater allerhand schöne Blumen, aber erst seine Tochter (Emma Stone) bringt ihm jene, die er gern mag. Bouquets werden an Hotelzimmertüren abgeliefert, hinter besonders grossen Sträussen kann man sich verstecken. Oft erhalten Frauen Blumen und wundern sich über den Absender, der stets eine Grusskarte mitschickt, aber nie unterschreibt. In Alfred Hitchcocks «Vertigo» (1958) zerreisst Kim Novak symbolisch ihre schönen Blumen, die sie zuvor gekauft hat. Nicht selten sind Floristen im Film bodenständige Leute, haben aber eine dunkle Seite, siehe die dänische TV-Serie «Arvingerne».

Computer. Auch bekannt als Turing-Maschine, die Alan Turing (Benedict Cumberbatch) gegen Widerstände seiner Vorgesetzten in «The Imitation Game» (bester Film) entwickelt, um die Codes der Nazi-Verschlüsselungsmaschine Enigma zu knacken. In der Langzeitstudie «Boyhood» von Richard Linklater tauchen über einen Zeitraum von zwölf Jahren immer wieder neue Computer auf, quasi als objektivierte Zeitangaben. Der Computer ist wichtig für den Superheldenfilm (Wischgesten, hochtechnisierte Labors) und den Cyberthriller. Da die Marke Google geschützt ist, müssen Figuren im Kino auf andere Suchmaschinen zurückgreifen, die oft erfundene und seltsame Namen tragen.

Fadenkreuz. Durch das man hindurchblickt, um jemanden zu verfolgen oder abzuschiessen, und dessen Blickrichtung wir im Kino übernehmen: Das Fadenkreuz ist eine Beobachtung zweiter Ordnung und sorgt für eine Rahmung der Bilder. In Clint Eastwoods «American Sniper», nominiert als bester Film, schaut der amerikanische Scharfschütze Chris Kyle (Bradley Cooper) durch sein Zielfernrohr und eliminiert während des Irakkriegs einige bewegliche Gefahren. Meistens sitzt daneben ein Soldat mit Feldstecher, der ihm Angaben gibt. Das Fadenkreuz macht aus dem Sucher der Kamera eine tödliche Potenz.

Maske. Nicht unwichtiges Hilfsmittel im Horror- und Slasherfilm, wie «Scream». In «Birdman» wird der Held, der eigentlich ein Theaterstück inszenieren will, von seiner alten Rolle verfolgt, einem kuriosen Superhelden mit Federn und tiefer Stimme. In «Point Break» (1991) trugen die Bankräuber allesamt Masken, die amerikanische Ex-Präsidenten zeigen.

Rednerpult. Meistens aus der Untersicht gezeigt, stehen am Rednerpult bedeutende Menschen des öffentlichen Lebens, in «Selma» (bester Film) von Ava DuVernay etwa Martin Luther King Jr. In dem Historiendrama über die Märsche der US-Bürgerrechtsbewegung 1965 wählt King kämpferische Worte gegen die Unterdrückung. Die Regisseurin musste die Reden eigenhändig umschreiben, da die Originaltexte unter Urheberrechtsschutz stehen. Das Rednerpult ist Ort der Inspiration und beliebtes Requisit bei Abschlussfeiern an Highschools, wo meistens der Streber redet, während das Publikum grinst oder etwas schmeisst. In «Gone Girl» sucht Ben Afflecks Nick seine verlorene Ehefrau Amy (Rosamund Pike ist nominiert als beste Hauptdarstellerin), indem er vor den Medien erzählt, was er an ihr hatte. In Bennett Millers «Foxcatcher», nominiert in der Kategorie beste Regie, gibt der dekorierte Wrestler (Channing Tatum) in der Aula lustlos Ratschläge an die Schüler. Ein besonders peinlicher Moment der Filmgeschichte ist der «graduation rap» in der Komödie «Ghost World» (2001), in der zuvor die Quoten-Behinderte der Schule am Rednerpult ein paar Sätze sagen durfte.

Rucksack. Packt eine Figur im Kino den Rucksack einer anderen Figur aus, kommen oft sehr merkwürdige Dinge zum Vorschein. In «Wild» (Reese Witherspoon ist nominiert als beste Hauptdarstellerin) geht die Heldin auf eine lange Wanderung und wird dabei nur von ihrem blauen Rucksack begleitet. In der Komödie «21 Jump Street» (2012) kehrten zwei Deppen an ihre alte Schule zurück und fragten sich, weshalb die Jugendlichen von heute den Rucksack nicht mehr nachlässig über eine Schulter tragen, sondern fest an zwei Schultern. Maren Ades «Alle anderen» (2009) zeigte, wie ein Paar im Urlaub zu streiten beginnt, bis die Frau während einer Wanderung einen Rucksack mitschleppt, in dem ein Versöhnungspicknick wartet. Der Mann musste dann den Rucksack tragen.

Scheinwerfer. Kracht gelegentlich klirrend auf den Bühnenboden und trifft jemanden am Kopf, wie in «Birdman». Der Schauspielerschauspieler muss darauf ausgewechselt werden. Der Scheinwerfer, der in «The Truman Show» (1998) dereinst vom Himmel hinabfiel, deutete auf gewisse Unstimmigkeiten in einer perfekten Welt hin.

Schlagzeug. Im Drama «Whiplash», nominiert als bester Film, wird das Schlagzeug zum Folterinstrument. Andrew (Miles Teller), der junge Student an der New Yorker Musikschule, übt unter seinem sadistischen Lehrer Fletcher (J. K. Simmons), bis ihm die Hände bluten. Besonders schwierig ist offenbar der «Doubletime-Swing», den er zu Duke Ellingtons Standard «Caravan» einüben muss. «Are you rushing or are you dragging?», brüllt der Lehrer in einer mittlerweile schon fast legendären Szene. Ansonsten ist die Trommel im Kino ein Instrument des Widerstands gegen das Aufwachsen und, symbolischer, den Kriegsterror (Volker Schlöndorffs «Die Blechtrommel» nach Günter Grass). Das Schlagzeug ist verbunden mit jugendlicher Energie, weswegen Will Ferrell noch als 40-jähriges Muttersöhnchen in «Step Brothers» (2008) allen verbot, seine Trommeln zu berühren. Es ist aber auch ein Zeichen der Liebe, wie in «La vie d’Adèle» (2013), wo eine Steeldrum ertönte, während die junge Adèle zum ersten Mal ihre grosse Liebe erspähte.

Stapel. Im Kino landen viele Hoffnungen auf dem Stapel, etwa Bewerbungen oder Beweisstücke, die den Täter überführen könnten, siehe «Zero Dark Thirty» (2012) über die Jagd auf Bin Laden. In Wes Andersons Komödie «Grand Budapest Hotel» (bester Film) wird ein Testament geprüft, und zwar anhand von akkurat ausgerichteten Papierstapeln. Ein Berg aus gestapelten Konservendosen im Supermarkt fällt immer zusammen. (baz.ch/Newsnet)

Erstellt: 20.02.2015, 15:17 Uhr

Info

baz.ch/Newsnet berichtet während der Oscarnacht am 22. Februar im Liveticker.

Das Buch

«Wörterbuch kinematografischer Objekte». Mit Beiträgen von Michael Baute, Lorenz Engell, Daniel Eschkötter, Gabu Heindl, Ute Holl, Rembert Hüser, Dietmar Kammerer, Julia Köhne, Sabine Nessel, Drehli Robnik, Christiane Voss u.a. August Verlag, 190 Seiten, ca. 25 Franken.

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