Weiss, gelb, dunkelhäutig – egal, Hauptsache Scarlett Johansson

Die Hollywood-Blondine als Japanerin im Flop «Ghost in the Shell» ist der jüngste Fall von Whitewashing in der Traumfabrik.

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Ist jetzt Scarlett Johansson schuld? Das Hollywood-Remake des Manga-Klassikers «Ghost in the Shell» ist nur wenige Tage im Kino und gilt schon weltweit als Flop. In den USA wurde es zahlenmässig vom Trickfilm «The Boss Baby» geradezu erdrückt (50 Millionen Dollar Einnahmen gegen 19 Millionen), in der Schweiz landete es nur auf Rang vier der Kinohitparade des Wochenendes (auch die einheimische Produktion «Die Göttliche Ordnung» war besser). Das ist miserabel für einen übermenschlichen Cyborg.

Gut, es war abzusehen. Für negative Schlagzeilen sorgte «Ghost in the Shell» schon seit Drehbeginn, weil die blonde Diva in die Rolle einer Japanerin schlüpfte. «Gibt es keine Asiatin, die das spielen kann?», lautete die Frage allenthalben. Der Film mutierte zum neusten und prominentesten Fall von Whitewashing, also jenem Prozess, in dem weisse Schauspielerinnen und Schauspieler Rollen andersfarbiger Leute übernehmen.


Trailer zu «Ghost in the Shell» (jetzt im Kino)

Dieser Prozess ist so alt wie Hollywood selber. Es gibt unzählige Beispiele, in denen weisse Darsteller mit schwarz oder gelb gefärbten Gesichtern Stereotype karikierten. Der chinesische Detektiv Charlie Chan wurde zum Beispiel immer wieder von Weissen verkörpert, John Wayne spielte 1956 den Mongolenführer Dschingis Khan, Alec Guinness 1962 in «Lawrence of Arabia» einen arabischen Prinzen und Mickey Rooney in «Breakfast at Tiffany’s» den asiatischen Vermieter von Holly Golightly.

Intensiviert wurde die Diskussion, als Matt Damon kürzlich im Riesenepos «The Great Wall» als weisser Anführer die chinesischen Soldaten in die Schlacht trieb. Die Rolle sei nie für einen asiatischen Schauspieler konzipiert gewesen, verteidigte sich der Hollywoodstar, aber es half nichts: Der Film floppte und er selber wurde damit zum Running Gag für den Oscar-Gastgeber Jimmy Kimmel. Auch die sonst von allen verehrte Tilda Swinton musste unten durch, als sie in der Marvel-Verfilmung «Doctor Strange» die Rolle des mystischen Mentors The Ancient One übernahm, der im Originalcomic ein alter Priester aus dem Himalaja war.

«Ich bin die Frau, die diese Rolle hätte spielen sollen»

Die Zeiten ändern sich eben, die Welt reagiert sensibler. Die Promotionsleute von «Ghost in the Shell» versuchten, das zu antizipieren, und konzipierten eine Werbestrategie auf der Website des Films, in der sich Besucherinnen und Besucher selber virtuell mit Maschinenteilen verbessern konnten (das ist das Thema des Films), um dann ein Bild zu verschicken mit einem Kommentar, der mit «Ich bin ...» beginnt. Also «Ich bin stark», «Ich bin eine Kämpferin» oder was auch immer. Verschickt wurden dann aber Bilder von Scarlett Johansson mit dem Kommentar «Ich bin total japanisch, yeah». Und die japanische Schauspielerin Rinko Kikuchi schrieb trocken: «Ich bin die Frau, die diese Rolle hätte spielen sollen.»

Wirklich? Hinter der Besetzung der Hauptrolle mit Scarlett Johansson stecken natürlich handfeste finanzielle Interessen. Der Film mit einem geschätzten Budget von über 100 Millionen Dollar sollte sein Geld auf der ganzen Welt einspielen und ebenso wurden die Rollen verteilt. In der männlichen Hauptrolle – in der Manga-Vorlage auch ein Japaner – ist der Däne Pilou Asbaek zu sehen, seit seinen Auftritten als Spin-Doktor der Ministerpräsidentin in «Borgen» ein TV-Serienstar. Mit dabei als (ursprünglich ebenfalls japanischer) Bösewicht ist Michael Pitt, der einst als Musiker à la Kurt Cobain in «Last Days» für Furore sorgte, aber dann in der Versenkung verschwand. Die französische Ikone Juliette Binoche und die Rumänin Anamaria Marinca – ein Arthousestar wegen der Hauptrolle im Cannes-Sieger «4 Month, 3 Weeks and 2 Days» – vervollständigen das weltumspannende Aufgebot mit nur einem Japaner in der Hauptrolle: Der Regisseur und gelegentliche Schauspieler «Beat» Takeshi Kitano spielt einen undurchsichtigen Drahtzieher.

Lieber Scarlett als immer wieder Michelle Yeoh

Wurde der Film deswegen zum Flop? Oder ganz einfach, weil der britische Regisseur Rupert Sanders mit der Vorlage wenig anzufangen wusste? Es gab auch asiatische Kommentatoren, die Scarlett Johanssons Wahl ausdrücklich begrüssten. «Wenn es eine Asiatin hätte sein müssen, hätte Hollywood sowieso wie immer Michelle Yeoh genommen», konstatierte einer. Und ein anderer schrieb: «Scarlett kann in diesem Film wenigstens wieder gutmachen, was sie Japan in ‹Lost in Translation› angetan hat». Mit diesem Film über die Verirrungen westlicher Stars in Tokio war die Schauspielerin 2003 richtig bekannt geworden.

Sicher ist: Mit diesem Land hat Scarlett Johansson noch nicht abgeschlossen. Eines ihrer nächsten Projekte ist der Puppentrickfilm «Isle of Dogs» von Wes Anderson. Darin ist sie zwar nur zu hören – aber der Film über einen Jungen, der sein Hündchen sucht, spielt ebenfalls in Japan. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 04.04.2017, 15:04 Uhr

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