Wir waren gar nie wirklich hier

«It’s a beautiful day», der neue Film der Schottin Lynne Ramsay, ist kein schrecklicher Film, aber ein Film, der eine schreckliche Welt zeigt.

Joe und das Mädchen. Joaquin Phoenix spielt den seelisch schwer angeschlagenen Helfer, Ekaterina Samsonov das jugendliche Opfer.

Joe und das Mädchen. Joaquin Phoenix spielt den seelisch schwer angeschlagenen Helfer, Ekaterina Samsonov das jugendliche Opfer.

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

«It’s a beautiful day», sagt Joe (Joaquin Phoenix) am Schluss zu Nina (Ekaterina Samsonov). Die beiden sitzen in einem Diner – einer Beiz –, sind auf der Flucht. Es mag ein schöner Tag sein, ja, aber zuvor, zuvor waren es keine schönen Tage, keine schöne Zeit.

Den vierten Spielfilm der Schottin Lynne Ramsay findet man unter zwei Titeln. «A Beautiful Day» lautet der eine. «You Were Never Really Here» der andere. «Du warst niemals wirklich hier». Und auch diesen Titel kann der Zuschauer nachvollziehen, wenn er die Schlussszene gesehen hat. Im bereits erwähnten Diner lässt Nina Joe einmal kurz alleine, denn sie muss aufs Klo. Er stellt sich währenddessen vor, wie er seinem Leben ein Ende setzt.

Hat er das? War der ganze Film nur eine Illusion? Waren wir wirklich gar nie hier, in dieser Welt voll Niedertracht, Gewalt, Rache, kranker Lust, Brutalität, Blut?

Halten wir an diesem Titel, dem zweiten, fest, weil der Film hier bei uns auch als «You Were Never Really Here» in die Kinos kommt. Und weil er rätselhafter klingt als «A Beautiful Day». Denn Rätsel gibt uns Ramsay tatsächlich auf. Es hilft, wenn der Zuschauer sich vor dem Kinobesuch schon einmal mit diesem Film etwas auseinandersetzt – zum Beispiel durch das Lesen einer Filmkritik. Denn Ramsay wählt keine lineare Erzählstruktur. Es gibt ganz kurze, aber wichtige Rückblenden. Und Ramsay verzichtet auch darauf, eine Stimme aus dem Off das, was sie auf der Leinwand zeigt, erklären zu lassen. Kein «Erzähler», keine «Erzählerin» liefert wertvolle Informationen, gibt Leitplanken oder wertvolle Hinweise.

Genau hinsehen

Ramsay schreibt kein Buch. Sie macht einen Film. Und nur beim genauen Entschlüsseln dessen, was wir zu sehen kriegen, erkennen wir die Geschichte.

Dass dieser Joe zum Beispiel als amerikanischer Soldat in Afghanistan war und dort Zeuge sinnlosester Gewalt wurde. Dass er Polizist in den USA gewesen sein muss und einmal einen Lieferwagen entdeckt hat, in dem mehrere tote, junge Asiatinnen lagen. Dass er als Kind unter einem gewalttätigen Vater litt, schwerste seelische Wunden davontrug.

Nicht nur fehlt die Stimme aus dem Off. Geredet wird in dem Film generell wenig. Was diese Menschen bewegt, wie es ihnen geht, drückt sich zumeist in Handlungen aus, nicht in vielen Worten. Immerhin, die Haupthandlung, die ist klar und einfach verständlich: Joe, ein trauriger, depressiver, bulliger Mann irgendwo zwischen 40 und 50 nimmt nach einem letzten, wunschgemäss erledigten Auftrag einen weiteren an. Er soll den Teenager Nina, Tochter des New Yorker Senators Albert Votto (Alex Manette), aus einem Bordell befreien, in dem Jugendliche von Männern mit entsprechender Vorliebe missbraucht werden. Votto sagt zu Joe, er habe gehört, dass er bei der Erledigung seiner Aufgaben brutal sein könne. Und lässt diesen Satz so stehen.

Weil wir in den ersten Szenen des Films gesehen haben, wie Joe die blutigen Spuren seiner todbringenden Arbeit wegwischt, wissen wir, worauf der Senator hinauswill.

Joe findet Nina, räumt in dem Bordell mit einem Hammer als Werkzeug konsequent und effizient auf und bringt das Mädchen in einem Hotel in Sicherheit. In vermeintliche Sicherheit. Denn es dauert nicht lange, da wird sie ihm wieder entrissen. Und er braucht nicht lange, um die Zusammenhänge zu kapieren. Dann macht er sich auf und am Schluss, am Schluss sitzen Nina und er im erwähnten Diner und es ist ein wunderschöner Tag, der anbricht.

Genau hinhören

Die Geschichte ist also nicht furchtbar kompliziert, aber vielschichtig. Zum Beispiel weil wir Joes alte Mutter kennenlernen, zu der er ein herzliches, verspieltes, inniges Verhältnis hat. Weil wir schon bald feststellen, wie über Joe das alles hat. Er ist schwer selbstmordgefährdet. Weil wir, dank der brillanten Tonspur, quasi ins Hirn von Joe eindringen, hören wir, wie gepeinigt er ist.

Aber worum geht es? «You Were Never Really Here» ist doch nicht einfach ein weiterer, brutaler Thriller in einer Reihe von weiteren, brutalen Thrillern, die aus den USA kommen. Das macht Ramsay mit ihrer Machart offensichtlich. Mit einer Reihe unge-wöhnlicher Szenen auch: eine Beerdi-gung der besonderen Art. Ein gefühlvoller, langer Händedruck zwischen Mörder und Ermordetem bis zum letzten Atemzug. Solche Bilder gehen einem nicht mehr aus dem Kopf und man begreift, weshalb der Film vor einem Jahr in Cannes minutenlange Ovationen erhalten hat; in einer Vorfassung notabene. Aber was will Ramsay?

Genau überlegen

Die Frage lässt sich vielleicht lösen, wenn man darüber nachdenkt, wer die Opfer sind (abgesehen von all den Bewachern, Zuhältern und Tätern, die Joe erledigt). Es sind alles Kinder, Jugendliche. Fast alles Mädchen, junge Frauen. Sie werden missbraucht, ausgebeutet, verdinglicht. Und die Männer? Die, die sich für das Gute einsetzen, gehen daran ebenfalls zugrunde. Werden leer, wie Joe, der manchmal nur noch eine Hülle zu sein scheint, manchmal auch gar nicht richtig im Bild ist, oder grad ganz verschwindet – you were never really there. Wer ausser Joaquin Phoenix hätte das so eindringlich spielen können? (Er wurde in Cannes für diese Leistung ausgezeichnet.)

Das ist tatsächlich ein mutig gemachter, unkonventioneller Film. Die brutale Gewalt übrigens wird nie gezeigt – ausser beim erdachten Suizid im Diner – nur die Folgen sieht man, aber auch die nicht im Detail. Es ist also kein schrecklicher Film, aber ein Film, der eine schreckliche Welt zeigt. (Basler Zeitung)

Erstellt: 25.04.2018, 16:05 Uhr

Artikel zum Thema

Was Wahrheit ist

Das Journalistendrama «The Post» bietet grosses Hollywood-Kino. Mehr...

Das Immobilien-Portal für Basel und die Region

Kommentare

Werbung

Weiterbildung

Ausbildung & Weiterbildung Finden Sie die passende Weiterbildung Technischer Kaufmann, Deutsch lernen, Coaching Ausbildung, Präsentationstechnik, Persönlichkeitsentwicklung

Die Welt in Bildern

Umgekippt: Der 128 Meter hohe Radio- und Telefonmast «La Barillette» der Swisscom liegt in Cheserex am Boden, nachdem 8 Kilogramm Sprengstoff zwei seiner Standfüsse zerstört haben. (24.Mai 2018)
(Bild: Valentin Flauraud/Laurent Gillieron/Laurent Darbe) Mehr...