Zaungast des Schreckens

Grausige Funde im Land der Ch’tis: Die Krimiserie «P’tit Quinquin» von Bruno Dumont ist ein Fernsehereignis von wunderlicher Komik.

Menschliches Zentrum der Serie: Der kleine Quinquin. Foto: Guillaume Deffontaines (Arte)

Menschliches Zentrum der Serie: Der kleine Quinquin. Foto: Guillaume Deffontaines (Arte)

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Eine noch, dann reicht es. Aber was ist das für eine erstaunliche TV-Serie, weitab von der schnarchigen Perfektion von «Mad Men» und jenseits des erlaubten Qualitätsfernsehgeschmacks? «P’tit Quinquin», die Miniserie in vier Teilen, gedreht vom Franzosen Bruno Dumont im Nordland der Ch’tis, genauer in Nord-Pas-de-Calais an der Grenze zu Belgien, lief dieses Jahr in Cannes in der «Quinzaine»-Reihe. Nun strahlt sie der Sender Arte aus, auf den Dumont ursprünglich zugekommen war. Wir kriegen da keinen Gesellschaftsroman nach Dickens und keine komplexen Figuren, die sich toll entwickeln. Eher landen wir im Zwischenreich von «Twin Peaks» und Inspektor Clouseau, wo sich das Grauen und das Gelächter die Waage halten.

Zuerst pendelt eine Kuh in der Luft, eine Kuh! Sie hängt am Helikopter, die Rotoren verwehen das Dünengras und die Kringelhaare von Kommissar van der Weyden. Man hat das Tier aus einem Weltkriegsbunker gezogen, wo es tot herumlag. Wie es dort hineingekommen ist, ist eine Frage, und andere Fragen stellen sich, als man im Kuhleib zerstückelte Menschenteile findet. Man wirds mit dem Teufel zu tun haben, meint Leutnant Carpentier, oder mit der Bestie im Menschen (oder dem Menschen in der Bestie). Van der Weyden, der perplexe Betrachter des Horrors, schaut in den Bunker hinab und sagt: «Wir sind nicht zum Philosophieren gekommen. Gehen wir.»

Ein elefantöser Krimi

Van der Weyden und Carpentier von der Gendarmerie Nationale stellen das unbeholfene Ermittlerduo in einer Serie, die im Register der Krimiparodie gedreht ist. Lachen ist erlaubt, auch auf unsicherem Terrain. Denn Bruno Dumont dreht am liebsten mit Laiendarstellern, manche haben geistige Behinderungen, so auch in «P’tit Quinquin». Man fragt sich, wo er diese Leute immer findet, womöglich wars eben doch der Stammtisch in irgendeiner Hafenkneipe.

Zum Beispiel das Gesicht von Bernard Pruvost, dem Darsteller van der Weydens. Es scheint aus Tics zu bestehen, es blinzelt und zwinkert unaufhörlich in einer Art mimischem Tourette. Jede Frage ein Innuendo, jede Bemerkung eine Irritation. Kollege Carpentier hat nur einen Vorderzahn, der Junge Quinquin, der kleine Titelheld, eine geflickte Lippe. Alle kauen sie den picardischen Dialekt, aber im Vergleich zur Komödie «Bienvenue chez les Ch’tis» haben sich die Synchronsprecher deutlich weniger Mühe gegeben. Will heissen: Originalsprache unentbehrlich.

Das menschliche Zentrum der Serie bilden Quinquin und seine Freundin Eve, als Zaungäste des Schreckens und als sanftes platonisches Liebespaar. Darum herum zieht Bruno Dumont seinen Höllenreigen und spickt ihn mit Landschaftsbildern, unangebrachtem Slapstick und fantastischen «sight gags»: Während einer verstörend dilettantischen Abdankung mischt sich für alle sichtbar ein Mann mit Skimaske unter die Trauergäste. Der Mörder vielleicht? Darauf fällt der Pfarrerdarsteller kichernd aus seiner Rolle und trällert ein lokales Starlet mit derart kontrollierter Hingabe ein Liebeslied, dass einem das Herz aufgeht.

So blättert Dumont durch die Tonlagen, aber die Ermittlung der zwei Flics hält nichts zusammen, die Ermittlung interessiert ihn gar nicht. Wo er kann, stösst Dumont den Plot von sich weg. Denn hier schleicht sich nicht die Wirklichkeit in einen Krimi. Hier trampelt ein Krimi elefantös in die Wirklichkeit hinein und macht sich lächerlich. So viel ist klar: Bruno Dumont setzt zuerst beim schroffen Kolorit der Opalküste an, der Region, wo er aufgewachsen ist. Alles andere kommt danach, und der Humor wird abgeleitet von der Kauzigkeit der Landoriginale. Oder entsteht die Verschrobenheit doch eher umgekehrt aus dem ausgetrockneten Witz?

Ungeschönte Charakterköpfe

Wie mans auch nimmt mit der Kausalität, in «P’tit Quinquin» entdeckt Bruno Dumont die Komik. Das erstaunt bei einem wie ihm, der in Spielfilmen wie «Hadewijch» (2009) oder «Hors Satan» (2011) eine harsche französische Gegenwart auf Reste von Transzendenz abgeklopft und den Strudel von Gewalt und Fanatismus nachgezeichnet hat. Die Arbeit mit Laien hat ihm Vergleiche mit Robert Bresson eingetragen, und regelmässig lieferte Nord-Pas-de-Calais die stimmungsvolle Kulisse. Aber besonders lustig waren die Filme nie. Vielleicht keimte da und dort die Möglichkeit von Komik, aber erst in «P’tit Quinquin» hat er sie hochgezogen und zur Blüte gebracht.

Nicht, dass die TV-Serie keine seriösen Bruno-Dumont-Themen verhandeln würde. Es fehlt ihr auch nicht an ­roher Bruno-Dumont-Verstörung. Der junge schwarze Mohamed kriegt den offenen Rassismus einer Kinderbande zu spüren und verliert sich im Fundamentalismus, als erfülle er eine Rolle, die die Gesellschaft für ihn freigehalten hat. Die Menschen an der Küste sind entfremdet von den Institutionen, die Kirche richtet wenig aus und die Polizei noch weniger. Unter den Kindern herrscht eine zärtliche Freundschaft, aber gebaut ist sie aus Abgrenzung. Und wieder und wieder schaut Dumont in die Gesichter seiner ungeschönten Charaktermenschen, mit dieser urtümlichen filmischen Kraft.

Man soll von ihm dann keine saubere Auflösung der Morde erwarten. Stattdessen folgt am Schluss noch ein absurder Scherz, und längst hat sich der Krimi ins Metaphysische gedreht. Schauerlich und überaus komisch. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 17.09.2014, 08:14 Uhr

Die Serie am TV

«P’tit Quinquin» («Kindkind») läuft am 18.9. und 25.9. ab 21.45 Uhr in jeweils zwei Folgen auf dem Sender Arte.

«P'tit Quinquin»

Trailer zur Serie (mit englischen Untertiteln). Quelle: Youtube

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