«Alle wollen mit mir reden»

An der Locarno-Party an der Berlinale war einiges los.

Der Berlinale-Bär am Potsdamer Platz.

Der Berlinale-Bär am Potsdamer Platz. Bild: Berlinale

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Ein junger Mann verteilt an der Berlinale Prospekte für eine «Woche der Kritik». Dabei handelt es sich um ein zusätzliches Festival, das sich von der Berlinale aber dadurch unterscheidet, dass nach den Vorführungen noch richtig über die Filme gestritten wird. Offenbar muss man die Leute ein bisschen dorthin prügeln, denn wer streitet schon freiwillig über Filme? Es gibt nun mal wichtigere Fragen, wieso zum Beispiel wurde die Party des Locarno-Festivals vom Stresemannstübchen in den Fluxbau an der Spree verlegt?

Jahrelang fand sie in der etwas heruntergekommenen Kneipe beim Anhalter Bahnhof statt, wo man rauchen durfte, während man an der Bar ein paar Stadtoriginalen mit Frisuren zuschaute, die in übermenschlicher Geduld solange dünnes Pils zapften, bis das Pils alle war und auf Shots umgeschwenkt wurde. Im schicken Fluxbau dagegen standen grad schon zwei Türsteher bereit, um den Andrang zu domestizieren, dafür war drinnen schön Platz.

Carlo Chatrian, der designierte künstlerische Leiter der Berlinale, ist gerade ein gefragter Mann, weil er nichts sagt. Wird er ab 2020 alle Berlinale-Sektionen umkrempeln? Bleibt das «kulinarische Kino»? «Alle wollen mit mir reden», sagte er an der Party, dabei war er gerade daran zu gehen. Vor dem nächsten Cannes-Festival im Mai werde er eine Ankündigung machen, so Chatrian. Offiziell beginnt sein Job am 1. Juni.

Die Leute bekamen, was sie wollten

Noch schnell zog Chatrian seine Nachfolgerin Lili Hinstin hinter einen Vorhang, was er ihr dort wohl auf den Weg gegeben hat? Die Französin kommt vom Festival in Belfort und übernimmt ab diesem Jahr die künstlerische Leitung in Locarno. Im Untergeschoss des Fluxbaus gab sie sich bald als eine ziemliche Partynudel zu erkennen, die auf der DJ-Kanzel die Menge animierte. Die bekam, was sie wollte, also Michael Jackson und Drake. Vielleicht ein Vorzeichen für das erste Piazza-Grande-Programm unter Hinstins Leitung?

Hinstin hat ihr eigenes Programmteam für Locarno zusammengestellt, und inzwischen ist auch schon durchgesickert, dass Mark Peranson und Lorenzo Esposito Chatrian an die Berlinale folgen. Die beiden Programmleute haben Locarno die letzten Jahre mit ihrer erbarmungslos cinephilen Auswahl geprägt. Der Witz dazu geht gerade so: Wenn man sich den aktuellen Wettbewerb der Berlinale anschaut, scheint man es ihnen so einfach wie möglich machen zu wollen, die Selektion im nächsten Jahr zu übertreffen.

Jeder ist ein Kurator

Interessanter ist mal wieder die Reihe Forum, wo ein dokumentarischer Filmessay nach dem anderen zu sehen war. Immer wieder Archivbilder und Off-Stimme; vorbeirollende Akten, handgeschriebene Briefe, melancholisch flackerndes altes Filmmaterial. In Zeiten der Sofortverfügbarkeit entsteht offenbar ein Archivfetisch, es schürfen dann alle nach Unveröffentlichtem und Originalem.

Der kleine, einstündige Spielfilm «MS Slavic 7» von Sofia Bohdanowicz und Deragh Campbell aus Kanada wirkte wie die kluge Komödie dazu und war so ziemlich das Umwerfendste, was an der Berlinale bislang gelaufen ist. Eine junge Frau sichtet in der Bibliothek der Harvard University die Briefe ihrer Urgrossmutter, einer polnischen Dichterin, die in den USA im Exil gelebt hat und an einen anderen Autor schrieb. Die Rechercheurin streichelt über die Originaldokumente und notiert sich mal was, aber sehr viel anfangen damit kann sie nicht. Dafür streitet sie mit ihrer Tante darüber, wer für den Familiennachlass zuständig ist, wobei diese die Saumode beklagt, dass sich heute jeder für einen Kurator hält. Und meistens sitzt sie im Café und monologisiert hochpräzis einstudierte Sätze über die Theorie der Materialität.

Es ist so diese hippe Intello-Erotik von 30-Jährigen, bei denen man die halbe Zeit keinen Schimmer hat, wovon sie gerade reden, und «MS Slavic 7» ist der Film für sie und für unsere Zeit. (Redaktion Tamedia)

Erstellt: 12.02.2019, 09:57 Uhr

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