Der freundlose Amerikaner

Der Regisseur Terry Gilliam hat bei «Don Quixote» für seine Kunst gelitten. Jetzt ist das Publikum an der Reihe.

«Eine Art Missionar.» Terry Gilliam wird in Hollywood als schwierig verschrien. Trotzdem gehört er zu den grossen Namen der Filmindustrie.

«Eine Art Missionar.» Terry Gilliam wird in Hollywood als schwierig verschrien. Trotzdem gehört er zu den grossen Namen der Filmindustrie. Bild: Keystone

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Terry Gilliam kann es kaum fassen, als er erfährt, dass er in einer Talkshow als «einer der wahren kreativen Visionäre Hollywoods» angekündigt werden soll. Dabei ist es wohl nicht der Begriff visionär, der Gilliam in der ersten Szene im Dokumentarfilm «The Hamster Factor And Other Tales Of 12 Monkeys» (1996) amüsiert. Sondern die Tatsache, dass man ihn überhaupt für einen Player in der kalifornischen Traumfabrik halten könnte. Denn Gilliam ist kein Freund von Hollywood, er war es noch nie.

Schon 1985 musste Gilliam eine Medienkampagne gegen den mächtigen Universal-Konzern führen, damit sein Meisterwerk «Brazil» nach der Fertigstellung überhaupt öffentlich gezeigt wurde. Aus seiner Verzweiflung heraus organisierte Gilliam schliesslich Pressevorführungen ausserhalb der USA und sicherte sich so zuerst die Gunst und dann die Unterstützung der Kritiker. Heute gilt «Brazil», Gilliams Variante zu George Orwells «1984», als moderner Filmklassiker.

Nur zweimal in seiner vier Jahrzehnte umspannenden Karriere ist Gilliam gegenüber seinen Geldgebern eingeknickt. 1988 kürzte er «Die Abenteuer des Baron Münchhausen» um fünf Minuten – und musste dann erleben, wie sein Projekt doch fallengelassen wurde. Weil den Weinstein-Brüdern nicht gefiel, wie der schöne Matt Damon 2005 in «Brothers Grimm» dargestellt wurde, drohten sie Gilliam damals mit einem Produktionsstopp. Der Regisseur bedauert seine damalige Kompromissbereitschaft auch heute noch: «Das Filmgeschäft wird von Menschen gesteuert, die keine Fantasie haben und das Kinopublikum unterschätzen», klagte er unlängst in einem Interview.

Das Ding endlich losgeworden

Gilliams neuer Film «The Man Who Killed Don Quixote» läuft übermorgen in den Schweizer Kinos an. Beim ersten Dreh ging 2000 so ziemlich alles schief, was schiefgehen konnte (siehe Rezension unten). Heute ist Gilliam sichtbar erleichtert, dass das schwierige Projekt 2018 am Filmfestival von Cannes endlich seine Premiere erleben konnte. «Ich komme mir wie ein Patient nach einer erfolgreich verlaufenen Hirnoperation vor», sagte er kürzlich. «Ich bin dieses Ding endlich losgeworden, das ich seit nunmehr dreissig Jahren mit mir in meinem Kopf herumtrage.»

Weltberühmt wurde Gilliam, als er von Los Angeles nach London übersiedelte und das Comedy-Team Monty Python mitbegründete. Allerdings fiel der warmherzige Amerikaner eher selten in John Cleeses, Graham Chapmans, Michael Palins, Eric Idles und Terry Jones’ skurrilen Sketches über Ex-Papageien, fussballspielende Philosophen und singende Holzfäller auf. Gilliam war in erster Linie für die Trickfilme und Animationen verantwortlich, die zwischen 1969 und 1974 in der TV-Sendung «Monty Python’s Flying Circus» aufflackerten. Sein Regiedebüt gab Gilliam 1975 mit «Die Ritter der Kokosnuss», Monty Pythons erstem Spielfilm.

Blühende Fantasie

Gilliam, der seine amerikanische Staatsbürgerschaft 2006 aus steuertechnischen Gründen aufgab, führt seine blühende Fantasie auf die Hörspiel-Serien zurück, die er in seiner Jugend am Radio verfolgte. «Damals gab es kein Fernsehen, also war das Radio für mich das wichtigste Medium. Und weil ich die Figuren und Schauplätze nicht sehen konnte, die in meinen Lieblingsserien vorkamen, musste ich sie mir selber ausmalen. Was ja auch eine Art Regiearbeit ist.»

Dabei sollte der am 22. November 1940 in Minneapolis geborene Gilliam eigentlich Missionar werden. Dank einem für junge Presbyterianer ausgeschriebenem Stipendium konnte er am Occidental College unweit von Los Angeles Politik studieren. Die Cartoons, die er für das campuseigene Kulturmagazin zeichnete, führten aber zu einem Bruch mit der Kirche. «Der Collegeleitung gefielen die Witze nicht, die ich über Gott publizierte», erinnerte sich Gilliam 2009. «Für eine Religion, die nicht über sich selber lachen kann, hatte ich kein Verständnis.»

«Irgendwie bin ich auch heute noch eine Art Missionar», so Gilliam im selben Interview. «Mit meinen Filmen will ich den Menschen schliesslich etwas Gutes tun und sie zum Denken und zum Träumen anregen.» Stimulierend sind Gilliams Filme auch dann, wenn man nicht immer versteht, was er damit vermitteln will: Beim berührenden, aber verwirrenden «Das Kabinett des Doktor Parnassus» (2009) überschattet Gilliams Sinn für spektakuläre Effekte den etwas konfusen Plot. «Bei meinen Filmen ist es wie bei der surrealistischen Malerei», so Gilliam. Ich konfrontiere das Publikum mit widersprüchlichen Reizen, aus denen es sich seinen eigenen Reim machen muss. Wer sich von mir nicht auf eine Reise mitnehmen lässt, hat keine Chance.»

Der Schauspieler und der Hamster

Dass seine zwischen der Opulenz eines Tim Burton und der Bedrohlichkeit von David Lynch situierten Traumwelten glaubwürdig wirken, liegt an Gilliams Liebe zum Detail. Dazu ein Beispiel: Während Bruce Willis in «12 Monkeys» (1995) auf seinen nächsten Zeitsprung hin trainiert, rennt neben ihm ein Hamster in seinem Rad. Bei dieser Szene, auch das erfährt man im sinnig betitelten «The Hamster Factor», sei es Gilliam wichtig gewesen, dass der Hamster eine ebenso gute Performance hinlegt wie sein mehrfach ausgezeichneter Hauptdarsteller.

Aufgrund seiner Vergangenheit mit Monty Python wird Gilliam oft für einen Comedy-Spezialisten gehalten. Dabei handeln seine Filme immer wieder von Tragödien. Im Finale zu «12 Monkeys» wird ein tödliches Virus freigesetzt, das einen Grossteil der Menschheit ausrottet: Nicht einmal Bruce Willis, der Zeitreisende aus einer nicht zu fernen Zukunft, kann das Desaster verhindern.

Man fragt sich, was aus den vielen Filmprojekten geworden wäre, für die Gilliam zwar vorgeschlagen, aber nicht engagiert wurde. Joanne K. Rowling wollte beispielsweise, dass Gilliam den ersten Roman in der Harry-Potter-Reihe verfilmt. Die Studioleitung bei Warner Brothers weigerte sich aber, eine Zusammenarbeit mit dem als schwierig verschrienen Regisseur einzugehen. Erstaunt ist man über diese Entscheidung nicht. Gilliam hatte nie viele Freunde in Hollywood. Mit den Jahren sind es nicht mehr geworden. (Basler Zeitung)

Erstellt: 11.09.2018, 12:30 Uhr

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