Der konsequente Irre

Terry Gilliam hat eine überbordende Fantasie. Sie macht seine Filme so reizvoll. Und so teuer.

Terry Gilliam findet, dass der Genrebegriff «magischer Realismus» seine Arbeit am besten beschreibt.

Terry Gilliam findet, dass der Genrebegriff «magischer Realismus» seine Arbeit am besten beschreibt.

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Manchmal, wenn er abends im Hotel auf der Fernbedienung herumdrücke und gerade eine Folge von «Monty Python’s Flying Circus», frage er sich, was für einer der Typ sei, der diese Animationsfilme gemacht habe. Natürlich war dieser Typ er selber, darin liegt die absehbare Pointe.

Und doch versteht man nicht recht, was Terry Gilliam meint. Abgesehen davon, dass er damals extrem billig arbeiten musste, also mit Schere und Karton, ist in diesen Sequenzen alles enthalten, was auch seine Filme auszeichnen: surrealer Humor, Gewalt, Absurdität und eine überbordende Fantasie. Man kann dort in einer kruden Variante sehen, was ihn als Regisseur von Filmen wie «Brazil», «The Fisher King», «12 Monkeys» oder «The Imaginarium of Doctor Parnassus» auszeichnet.

Nicht alle seine Filme sind ihm gelungen, «The Man Who Killed Don Quichotte» zum Beispiel enttäuscht, sein neuster Film, aber auch das gehört zu einem wie ihm. Terry Gilliam denkt gross, und manchmal geht das daneben. Manchmal ist seine Liebe zu Träumern wie Baron Münchhausen grösser als ihre filmische Umsetzung. Manchmal scheitert er an Projekten, die wie für ihn geschrieben wurden, «Fear and Loathing in Las Vegas» zum Beispiel, der manische Drogenexzess von Hunter S. Thompson. Produzenten hassen ihn, weil er fast jedes Budget sprengt und Drehzeiten mehr als einen Vorschlag interpretiert als einen Befehl.

Als die Pythons ihren letzten Film drehten, «The Meaning of Life», der nicht ihr bester ist, aber ihr schönster, war Gilliam für die Kulissen, die Musikszenen und für den Anfang des Filmes zuständig. Er inszenierte diese Teile dermassen opulent, dass sie fast so viel kosteten wie der ganze Film. Aber sie sahen fantastisch aus. Und tun es bis heute.

Dabei wuchs Gilliam, der einzige Amerikaner der Pythons, als «kleiner bibelfrommer Besserwisser» auf, wie er sich später erinnerte. Die Sechzigerjahre klärten ihn über interessantere Alternativen zur Bibel auf, etwa das Satiremagazin «Mad», das ihn auf die Idee brachte, Cartoons und Comics zu zeichnen. Er hatte exzellente Noten in der Schule, konnte aber Autoritäten nicht ausstehen. Weil er das oppressive Klima von Los Angeles nicht ertrug und die Brutalität der Polizei ihn terrorisierte, flog er nach England, das zu seiner neuen Heimat wurde. Später nahm er sogar die englische Staatsbürgerschaft an.

Mit Terry Jones, Eric Idle und Michael Palin arbeitete er Ende der Sechzigerjahre für eine Kindersendung der BBC, «Do Not Ajust Your Set». Sie war dermassen einfallsreich gestaltet, dass auch Erwachsene sie anschauten, darunter John Cleese und Graham Chapman. Die sechs taten sich dann zusammen mit den bekannten Folgen. Terry Gilliams Animationen half den Pythons, die Sketche zu verknüpfen, und sie gaben der Serie eine sofort erkennbare Ästhetik. Gilliam entwarf auch die Plattenhüllen der Pythons mit demselben Humor und in derselben Originalität. Ein Cover verweist auf eine Aufnahme von Ludwig van Beethovens zweiter Sinfonie in D-Dur, aber alles ist durchgestrichen, dafür steht oben «Another Monty Python Album». Es sieht lustiger aus, als es tönt.

Gilliam hat sich als ewiges Kind beschrieben, was sich schon darin zeigt, dass viele seiner Figuren sich vor der Realität in ihre Fantasie retten, eine märchenhafte Welt voller Schönheit und Schrecken. Er findet, dass der Genrebegriff «magischer Realismus» seine Arbeit am besten beschreibt. Am liebsten mokiert er sich über die Sinnlosigkeit der Bürokratie, und so zauberhaft seine Filme oft aussehen, so quälend sind die Ängste, die er seinen Figuren zumutet.

Da ist Jonathan Pryce in «Brazil», der wegen eines Fehlers in der Bürokratie verfolgt und gefoltert wird, lange Zeit wurde sein schreckliches Ende zu einem Happy End umgeschnitten, bis sich Gilliam durchsetzen konnte. Da ist Robin Williams als Obdachloser in «The Fisher King», den die Ermordung seiner Frau wahnsinnig gemacht hat und den Halluzinationen von blutroten Rittern quälen. Da ist Bruce Willis in «Twelve Monkeys» als Mann aus der Zukunft, der den Grund für eine Verseuchung der Welt herausfinden muss. Dieses Drehbuch ist nicht von Gilliam, trotzdem bleibt es einer seiner besten Filme.

All diese Figuren strahlen eine Unschuld aus, die sie immer wieder in Gefahr bringt – so, wie das auch in Märchen üblich ist. Terry Gilliams Filme haben nichts Unschuldiges an sich. Dazu sind sie zu humorvoll, zu boshaft. Und zu wach.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 12.09.2018, 16:24 Uhr

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