Der verletzliche Bär

Der Schauspieler Roeland Wiesnekker eröffnet mit «Rider Jack» das Salt Cinema auf dem Münsterplatz. Eine wunderbare Wahl.

Der Schauspieler Roeland Wiesnekker eröffnet mit «Rider Jack» das Salt Cinema auf dem Münsterplatz. Eine wunderbare Wahl.

Der Schauspieler Roeland Wiesnekker eröffnet mit «Rider Jack» das Salt Cinema auf dem Münsterplatz. Eine wunderbare Wahl.

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Ein Jogger kommt über den Hügel gewalzt. Der schwerfällige Schritt, der Schweissfleck auf der breiten T-Shirtbrust, die wogende Bauchwölbung zeigen unmissverständlich: Hier wird gearbeitet, und zwar an sich selbst. Rider Jack, Vorstadtzürcher, war noch nie ein Mann für die Langstrecke. Und trotz des aus Kindertagen hinübergeretteten Beinamens taugt er nicht für die Rolle als Westernheld. Eher schon als Desperado.

Nächste Szene. Roeland Wies­nekker hat die gequälte Miene eines ­Mannes, der seit vierzig Jahren vor dem Leben davonläuft, gegen ein feines Sieger­lächeln eingetauscht. In seinen Worten schwingt höchstens ein Hauch von Selbstgefälligkeit mit, als er sich von ­seiner Therapierunde verabschiedet. Rider Jack ist wieder wer. Rider Jack ist nämlich trocken. Dass sein Neustart ins pralle Leben völlig anders verläuft, als er das plant, kann er zu diesem Zeitpunkt nicht ahnen.

Die perfekte Balance

«Rider Jack» mit Roeland Wiesnekker in der Titelrolle ist heute Abend der Eröffnungsfilm am Salt Cinema auf dem Basler Münsterplatz. Eine wunderbare Wahl. Erstens geschieht es im Schweizer Spielfilmschaffen nicht jeden Tag, dass ein Drehbuch die Balance zwischen Ernst und Komik durchhält. Zweitens treffen in This Lüschers Roadmovie zwei hervorragende Schauspieler aufeinander – und ergänzen sich aufs Vorteilhafteste. Roeland Wiesnekker, der Sohn. Und Wolfram Berger, der den Vater spielt.

Letzteren vorzustellen, ist wahrscheinlich so notwendig, wie einem Basler die Fasnacht zu erklären. Wolfram Berger (69) hat lange genug in Basel gelebt. «Gebürtiger Österreicher, gelernter Schweizer», so nennt er sich selbst. Ein Berufspendler zwischen Gross- und Kleinkunst ist er. Begnadeter Karl-Valentin-Interpret, Tausendsassa am Theater, etwa Anfang der 70er bei Düggelin in Basel, und wieder Anfang der 90er unter Baumbauer.

Ein ideales Filmpaar

Damals spielt er den weisen Narren in Shakespeares «Was ihr wollt». Jetzt spielt er einen alten Narren in «Rider Jack». Als Vater war dieser Paul ein Rabenaas. Jetzt, im Anfangsstadium Alzheimer, platzt er hinein in Jacks Leben, und übernimmt so wenig Verantwortung wie eh und je. Kein Zweifel: Berger ist für Roeland Wiesnekker der ideale Filmpartner. Und die beiden im Duett sind ein Glücksfall für den Schweizer Film.

Rider Jack heisst eigentlich Jakob Theiler. Roeland Wiesnekker heisst eigentlich Roeland Wiesnekker. Der Vorname spricht sich niederländisch mit langem U, was natürlich daran liegt, dass die Eltern aus den Niederlanden stammen und das Zürcher Umland zu ihrer Wahlheimat gemacht haben. Zur Welt kommt Roeland in Uster. Heute, mit 47 Jahren gehört er zur Handvoll Schweizer Filmschauspieler seiner Generation, die auch international Ansehen geniessen. Dass die meisten Leute sein Gesicht besser kennen als ­seinen Namen, ist da verschmerzbar. Aber auch irgendwie logisch, wenn einer auffällt wie Wiesnekker und eine derart ansehnliche Filmografie bei­sammen hat. Populäre TV-Soaps wie «Lüthi & Blanc» findet man dort, diverse ­Krimis, «Tatort»-Auftritte.

Wurzeln im Theater

Seit Kurzem ist er der Büroleiter des neuen Frankfurter «Tatort»-Teams. Hier spielt Wiesnekker an der Seite von Wolfram Koch. Beide haben ihre Wurzeln im Theater. Wiesnekker absolvierte Mitte der 80er-Jahre die Schauspiel­akademie Zürich. Das Diplom hat man ihm nachgereicht, als er schon in die Praxis entschwunden war.

Allerdings kam das Stadttheater­system mit seinen Rollenzwängen Wiesnekkers Naturell nicht entgegen. Er hatte schon als 15-jähriger Kochlehrling «Mühe mit den hierarchischen Strukturen». Wiesnekker wählt – darin ist er Wolfram Berger ähnlich – seine Rollen lieber selbst, als sich besetzen und damit bevormunden zu lassen: «Wichtig sind mir vielmehr vielschichtige Charaktere, gute Bücher und Regisseure.»

Mit 47 Jahren ist Wiesnekker auf der Höhe seines Schaffens. Er hat einen Sohn – die Mutter ist die Musikkabarettistin Uta Köbernick, die aus Berlin stammt. In der deutschen Hauptstadt, die auch die deutsche Filmmetropole ist, ist Wiesnekker häufig anzutreffen.

Ungesund und Selbstzerstörerisch

Typische Jungstarrollen sind an seiner Karriere vorbeigegangen. Dafür passt er zu wenig ins Klischee. Stahlblaue Augen hätte er ja. Ein stattliches Auftreten dazu. Einen intensiven Blick hier, eine Charme-Attacke dort, das Repertoire beherrscht Wiesnekker durchaus. Dabei neigen seine Figuren zum Zerknautschten, mithin zum Un­­gepflegten, zum Ungesunden sogar. Und zum Selbstzerstörerischen. Seinem tablettensüchtigen Drogenfahnder «Strähl» (2004) etwa verdankt Roeland Wiesnekker den Leinwand-Durchbruch, und den Schweizer Filmpreis obendrein.

Elf Jahre ist das her. Aber jener ­Karriereschub war womöglich nur ein Schubser, verglichen mit dem, was Wiesnekker im letzten Jahr in den Sümpfen des «Spreewaldkrimis» widerfahren ist. In dieser losen Reihe strahlte das ZDF im Mai 2014 erstmals die Folge «Mörderische Hitze» aus. Darin steht Wiesnekker eines Tages in einem sehr blutverschmierten Hemd auf einer sehr leeren Landstrasse, er latscht vor den nächstbesten Betonlaster, und als die Polizei nach dem Warum fragt, findet sie zunächst immer mehr Warums, und dann, in einer Waldhütte, was niemand finden will. Eine zerhackte Leiche. ­Dieses Spreewaldkrimidrama in Rück­blenden ist Regisseur Kai Wessel und allen Beteiligten bedrohlich perfekt gelungen. Den mutmasslichen Mörder mit dem sprechenden Namen Gottfried Richter gibt Wiesnecker als emotionales Wrack von einem Bootsbauer. Als einen Mann, der von allem und allen unterdrückt wurde, bis er nichts mehr unterdrücken kann.

Im Herz der Finsternis

Die «Mörderische Hitze» und der rasende Roeland Wiesneckker trieb den Fernsehkritikern die Freudentränen in die Augen. Von «Weltniveau» schrieb die Welt. Von einer «Reise ins Herz der Finsternis – einfache Fahrt» die Süddeutsche Zeitung. Von «der ganzen ­Dramatik eines Daseins» schwärmt die Frankfurter Rundschau. Es folgte der Deutsche Fernsehpreis, Kategorie Bester Schauspieler. Preisträger: Roeland Wiesnekker. Wenn Wiesnekkers Figuren eines gemeinsam ist, dann das: Allesamt sind sie verletzliche Bären, so wie Rider Jack. Und wenn ein Bär verletzt ist, dann kann er sehr gefährlich werden. So wie Gottfried Richter.

Noch etwas zeichnet so einen verwundeten Bären aus: seine Unbe­rechenbarkeit und sein Egoismus. Im schlimmsten Fall machen diese Charakterschwächen der Figur dann einen Strich durch die schönste Rechnung. Jack zum Beispiel schafft es, sich selbst von der Bettkante der hübschen Milena (Rebecca Indermaur) zu stossen. Wie, das sei hier verschwiegen. Aber wie blindlings kann man sein Glück ver­geigen! Und Roeland Wiesnekker spielt diese Szene so genial, dass man am Ende kaum mehr weiss, ob man diesen Rider Jack ohrfeigen oder umarmen möchte. (Basler Zeitung)

Erstellt: 06.08.2015, 15:29 Uhr

Salt Cinema auf dem Münsterplatz

Das Open-Air-Kinofestival auf dem Basler Münsterplatz findet vom 6. bis 30. August statt. Neben der BKB-Opening Night heute Donnerstag mit «Rider Jack» sind drei weitere Vorpremieren angekündigt: Woody Allens «Irrational Man» (18. August), die US-Actionkomödie «Masterminds» um einen Geldraub mit haarsträubenden Folgen (24. August) und ein Über­raschungsfilm am 27. August. Am Eröffnungswochenende laufen der Klassiker «Dirty Dancing» (7. August) und die Bill-Murray-Komödie «St. Vincent» (8. August). Zu den Specials gehört eine live orchestrierte Vorführung von Tom Tykwers «Das Parfum» (14. August) mit dem Sinfonieorchester Basel und den Zurich Singers. sr

www.saltcinema.ch

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