Der Wolf in Schumers Pelz

Ein zu kurzes Gespräch mit der amerikanischen Komikerin Amy Schumer zu ihrem neuen Film.

«Was gibt Ihnen das Recht, die Qualität eines Komikers zu beurteilen?» Amy Schumer (l.) und Sasheer Zamata in «I Feel Pretty».

«Was gibt Ihnen das Recht, die Qualität eines Komikers zu beurteilen?» Amy Schumer (l.) und Sasheer Zamata in «I Feel Pretty».

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Es gibt wohl keine Print-Journalisten oder -Journalistinnen, die Telefoninterviews mögen. Viel lieber sitzt man Filmemachern, Musikern und Schriftstellern bei sogenannten Face-to-Faces gegenüber: Von Angesicht zu Angesicht kann man den PR-Profis viel leichter Bonmots abringen, auch können Meinungsverschiedenheiten besser ausgeräumt werden.

Besonders schwierig sind Telefoninterviews dann, wenn einen das neuste Werk des Gesprächspartners nicht berührt. So ist es mir bei «I Feel Pretty» ergangen, der neuen Filmkomödie der amerikanischen Komikerin Amy Schumer. Weil die Interviewzeit mit nur zehn Minuten knapp bemessen ist, beginne ich unser Gespräch mit einer weit offenen Frage, bei der eine einfache Ja- oder Nein-Antwort ausgeschlossen ist. Schumer soll Platz zum Ausholen haben.

Nicht hässlich genug

Ich könne die an «I Feel Pretty» geäusserte Konsenskritik nicht verstehen, sage ich. Warum soll Schumer zu attraktiv und zu erfolgreich sein, um eine zutiefst unsichere Frau spielen zu können, die sich nach einem Fitness-Unfall die Unwiderstehlichkeit eines Supermodels zuschreibt? «Manche Leute halten mich für «not disgusting enough» (nicht hässlich genug), witzelt Schumer mit geübter Gelassenheit. «Nach fünfzehn Jahren als Stand-up-Comedian höre ich nicht auf die anonymen Stimmen im Internet, die sich als Autorität aufspielen.»

Im Vorfeld ihres Auftritts am Dinner des Pressecorps im Weissen Haus habe ihre Kollegin Michelle Wolf auch gewusst, dass sie dafür harte Kritik würde einstecken müssen, so Schumer. «Michelle hat den Job trotzdem angenommen und mit Bravour erledigt.»

Woran messe sie die Qualität von Wolfs Attacke auf die Politiker und Journalisten, will ich wissen. «Der Spot war rhythmisch gut strukturiert und inhaltlich auch sehr abwechslungsreich. Ein Auftritt vor diesem Publikum ist etwas ganz anderes als eine reguläre Comedy-Show.» Dann geht Schumer in die Offensive: «Was gibt Ihnen übrigens das Recht, die Qualität eines Komikers oder einer Komikerin zu beurteilen?», fragt sie. «Comedy ist keine genaue Wissenschaft: Ein Witz, der viele Menschen zum Lachen bringt, lässt andere völlig kalt. Eine objektive Berichterstattung ist darum kaum möglich.»

Musik und Comedy

In Erklärungsnot gerate ich nicht. Mein Fachgebiet sei zwar Musik, gebe ich zu, in den letzten Jahren hätte ich aber viele grosse Komiker live erlebt und interviewt, der berühmteste davon sei Eddie Izzard, der als The World’s Funniest Man gefeiert werde. «Eine gewisse Autorität auf diesem Gebiet kann ich mir schon zumassen.»

Schumer scheint wenig beeindruckt. Also rede ich weiter. Musik und Comedy hätten viel miteinander gemeinsam, argumentiere ich. «Wenn ein Groove satt gespielt ist, werden Menschen dazu tanzen; bei einem guten Gag lacht man auch dann, wenn man die Pointe nicht gleich verstanden hat. Bei Comedy und Musik geht es immer darum, das Publikum in Schwingung zu versetzen.»

Schumer stimmt zu, will aber auch die Unterschiede zwischen Musik und Comedy ansprechen. Just in dem Moment, als unser Gespräch abheben könnte, schaltet sich die PR-Beauftragte zu uns, die das Interview eingefädelt hatte. Die mir zugesprochenen zehn Minuten seien zu Ende, sagt sie freundlich, aber bestimmt. Ich weiss es aus Erfahrung: Anders als bei einem Face-to-Face lässt sich bei einem Telefoninterview keine Nachspielzeit herausschinden. Schumer und ich tauschen die üblichen Abgangsnettigkeiten aus, daraufhin wird die Telefonverbindung nach New York gekappt.

Es gibt Gründe, warum Journalisten und Journalistinnen Telefoninterviews nicht mögen. Besonders jene, die denkwürdiger verlaufen als erwartet, und dazu gehört zweifelsohne dieses kurze Gespräch mit Amy Schumer, haben den fahlen Beigeschmack einer Enttäuschung. Dafür kann niemand etwas.

In Basel läuft «I Feel Pretty» im Kino Pathé Küchlin. (Basler Zeitung)

Erstellt: 17.05.2018, 10:11 Uhr

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