«Die Fakten waren die Vorgabe»

«Spotlight»-Regisseur Thomas McCarthy sagt, warum er in seinem Oscar-gekrönten Drama authentisch bleiben wollte.

Spielte selbst einen unfähigen Reporter in «The Wire»: Regisseur Thomas McCarthy in New York. Foto: Keystone

Spielte selbst einen unfähigen Reporter in «The Wire»: Regisseur Thomas McCarthy in New York. Foto: Keystone

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«Spotlight» nahm Recherchen des «Boston Globe» zum Missbrauch in der katholischen Kirche als Vorlage. Wie viel mussten Sie dazuerfinden?
Der grösste Teil ist die ungeschönte Wahrheit. Die Berichterstattung der Zeitung zu den Missbrauchsfällen war deshalb so stark, weil sie sehr sauber gearbeitet war, da war alles schwarz und weiss. Das Faktische war auch unsere Vorgabe für die Ästhetik. Ich wollte den Film nicht stilistisch überhöhen, weil ich fürchtete, dass dadurch die Authentizität unterlaufen würde. Das war mir sehr wichtig: Ich wollte nicht mich selber zur Schau stellen, weil das Publikum dann Abstand nähme vom Drama.

Michael Keaton spielte im letztjährigen Oscar-Siegerfilm «Birdman». Hier aber ist er deutlich besser, man merkt überhaupt die Lust der Darsteller am Material.
Ja, es ist ein richtiges Ensemble mit rund 14 Figuren. Über die Schauspieler könnte ich sowieso endlos reden. Einmal gibt es diesen Moment, in dem Rachel McAdams als Reporterin ihrem Kollegen Zeitungsausschnitte hinlegt und so macht (springt auf und hält sich die Hand an die Wange). Ich dachte: Wow! Kann sie das jedes Mal machen? Ein starker Augenblick. Er geschieht, wenn ein Schauspieler nicht denkt.

Insofern handelt «Spotlight» in doppeltem Sinn von Profis – Journalisten und Filmemachern.
«Spotlight» ist eine Feier des Handwerks. Das gilt ebenso für das «Boston Globe»-Team der Investigativjournalisten, deren Arbeit all diese Einzelheiten hervorbringt, die nur entstehen, wenn Leute das tun, was sie wirklich beherrschen. Und in grosszügiger Art zusammenarbeiten. Manchmal streiten sie sich, aber sie zielen immer auf das Gleiche: eine Story gut zu erzählen. Das verbindet Filmemacher und Journalisten.

Trailer zu «Spotlight». Quelle: Youtube

Wie wurde so ein unscheinbarer Film für sechs Oscars nominiert?
Es ist halt eine professionell erzählte Geschichte. Sie hat einen ausgeprägten Stil, aber er ist nicht grell. Die Tatsache, dass Rachel McAdams als beste Nebendarstellerin nominiert wurde, finde ich unglaublich. Aber sie spielt eben auch eine vorteilhafte Rolle für Frauen. Nichts Aufdringliches, einfach eine erwachsene, intelligente Frau. Das sollte ja eigentlich genügen, ist aber heutzutage nicht immer der Fall – in einer Zeit, in der die riskanteren Engagements eher belohnt werden, wie wir wissen.

Ohnehin scheinen heute kaum mehr Filme wie «Spotlight» gemacht zu werden. Stimmt der Eindruck?
Es ist ein Kampf, solche Filme zu finanzieren. Anders als in den 70er-Jahren, als viele unglaubliche Filme gemacht wurden und die Latte jedes Mal höher gelegt wurde. Die Regisseure forderten sich gegenseitig heraus. «Spotlight» hat 20 Millionen gekostet, das war auch kein kleiner Betrag für unser Studio. Und die Schauspieler verdienten nicht annähernd so viel wie üblich.

Der US-Schauspieler, Autor und Regisseur (*1966) Thomas McCarthy spielte in der TV-Serie «The Wire» einen Reporter. Als Regisseur ist er vor allem für «The Station Agent» bekannt. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 01.03.2016, 09:52 Uhr

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