«Die ‹Linke› scheint in einen Sumpf zu sinken, der eigentlich braun ist»

Kabarettist Andreas Thiel gibt seinen endgültigen Rücktritt bekannt. Hier spricht er über die Gründe und die kürzliche Eierattacke auf ihn.

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Sie haben bereits vor einem Jahr Ihren Rücktritt angekündigt. Ist es diesmal definitiv?
In der Tat. Da die Spielpläne der Theater ein bis zwei Jahre im Voraus gemacht werden, habe ich diese Saison noch meine letzten Vorstellungen zu absolvieren. Die meisten Theater haben aber die Zusammenarbeit bereits vor drei Jahren eingestellt.

Inwiefern spielt die Eierattacke an einer SVP-Veranstaltung eine Rolle bei dem Entscheid?
Die Eierattacke ist eine eher originelle Episode in der langen Liste von Bedrohungen, Beschimpfungen und physischen Attacken. Doch solche Attacken verfehlen ihr Ziel nicht: Das Publikum kriegt Angst. Keiner kann sich einen gemütlichen Unterhaltungsabend mit Polizeiaufgebot vorstellen.

Das klingt resigniert.
Einige fanatische Muslime und noch mehr intolerante Linke wie der Eierwerfer versuchen seit drei Jahren, meine öffentlichen Auftritte zu verhindern. Vor einem Jahr entschied ich mich dazu, nachzugeben.

Fehlt es Ihnen auch an Auftrittsangeboten?
Genau. Zu den Theatern, welche die Zusammenarbeit aufgegeben haben, zählen sogar einige meiner Lieblingstheater. Zu den Theatern, in welchen ich noch spielen kann, gehören das Casinotheater Winterthur, das Tabourettli in Basel, das Diogenes-Theater in Altstätten SG und La Cappella in Bern.

Wie lauten die Begründungen von den Theatern, die sich abgewendet haben?
Einige Theater haben Angst vor Terrorismus, weil ich Morddrohungen erhalten habe. Andere Theater gaben dem Druck nach, der von aussen auf sie ausgeübt wird. Diese Theater sagen: «Wir mögen dich und deine Satire, aber wenn dein Name im Programmheft steht, hagelt es Beschimpfungen.» Wiederum andere lösten Verträge auf, weil sie Schawinskis Verleumdungen glaubten, ich sei ein Rassist. Und die letzten fanden, ein Künstler, der sich gegen Subventionen ausspricht, darf nicht in Theatern auftreten, die Subventionen beziehen, was doppelt lustig ist, da die subventionierten Theater faktisch ein Theatermonopol halten und behaupten, mit den öffentlichen Mitteln die Meinungsvielfalt zu garantieren.

Sie haben tatsächlich oft gegen subventioniertes Theater und Kabarett gewettert. Könnten Sie denn nicht einen Saal mieten und den Rest eben dem Markt überlassen?
Das tue ich schon längst. Aber wenn der Pösteler jeden Tag beim Austragen der Post von Postgegnern bespuckt wird, sucht er sich früher oder später einen anderen Job.

Haben Sie denn Publikum an diesen Vorstellungen?
Kommen Sie in die Vorstellung und zählen Sie.

Die Linken, die früher auch an Ihre Auftritte kamen, boykottieren Sie heute offenbar.
Ich weiss nicht, ob es bei Veranstaltungen von Linken eine Gesinnungskontrolle gibt. Bei mir gibt es keine. Deshalb frage ich mich, wieso es Ihnen logisch erscheint, dass die «Linken» mich boykottieren sollen?

Weil Sie nach dem «Weltwoche»-Artikel in Ungnade gefallen sind. Sie selbst sprachen von «Rufmord».
Falls Ihre Logik zutrifft, dann wäre das fatal für die Linken: Linke verkehren nur noch mit Linken. Ich bin Liberaler und hatte immer von links bis rechts ein gut durchmischtes Publikum. Als vegetarischer Impfgegner mache ich mich auf der Bühne über Fleischesser lustig, kritisiere Tierversuche, die chemische Industrie, die Banken, die Subventionierung der Landwirtschaft usw. und habe deswegen aber noch nie Probleme mit irgendwelchen Rechten gehabt. Falls es Ihre «Linke» tatsächlich nicht erträgt, dass ich als Satiriker auch die Linken kritisiere, dann habe ich Angst um Ihre «Linke». Aber wenn ich sehe, dass gewaltbereite linke Schlägertruppen bereits Veranstaltungen der ETH erfolgreich verhindern, nur weil ihnen ein Gastredner zu wenig links ist, dann muss ich Ihnen wohl beipflichten. Die «Linke» scheint hinabzusinken in einen Sumpf, der eigentlich braun ist.

Vor 15 Jahren moderierten Sie in Zürich die offene Bühne «Böser Montag». Damals schwärmte das linksliberale Stadtpublikum noch von Ihnen. Welches sind Ihre Erinnerungen an diese Zeit?
Das war eine grossartige Zeit. Ich spürte die Aufbruchstimmung einer ganzen Komikergeneration. Viele Akteure von damals sind heute etabliert im Showbusiness.

Kann man als Bühnenmensch einfach so aufhören – brauchen Sie das Rampenlicht nicht?
Ich hatte 20 Jahre Rampenlicht. Es können auch mal Jüngere ran. Der junge Zürcher Comedian Hamza Raya bewegt sich auf sehr hohem Niveau und nimmt dabei kein Blatt vor den Mund. Es braucht mich also gar nicht mehr auf der Bühne.

Letztlich geht Ihr Rücktritt auf den «Weltwoche»-Artikel zurück. Würden Sie den nochmals so schreiben?
Das war offensichtlich ein prophetischer Aufsatz. Vor drei Jahren war man sich von «Blick» bis Tagi einig, dass ich völlig falsch liege. Heute liest man von «Blick» bis Tagi genau das, was ich damals in der «Weltwoche» schrieb. Die Wahrheit bleibt die Wahrheit, auch wenn man die Augen davor verschliesst.

Auf wen hegen Sie den grössten Groll? Theaterhäuser, Publikum, Medien oder Roger Schawinski?
Groll kenne ich nicht. Groll war es, der Schawinski zu Fall brachte. Schawinski ist über seinen eigenen Unmut gestolpert, den er gegen mich oder sonst irgendwas hegte. Als Folge hat er in der Sendung die Contenance verloren. Wieso sollte ich es ihm gleichtun? Die Theaterleiter, die Angst haben, meine Shows zu buchen, verstehe ich ebenso wie die Theaterleiter, die nicht gleicher Meinung sind wie ich. (Der Bund)

Erstellt: 09.10.2017, 15:41 Uhr

Andreas Thiel

Vor einem Jahr spekulierte er in der NZZ noch über ein Karriereende, jetzt ist dieses offenbar beschlossene Sache: Der Berner Kabarettist Andreas Thiel hört auf, er will in Zukunft Bücher und Essays schreiben. Die Ankündigung kam nach einer Eierattacke, die bei einem kürzlichen Auftritt an einem SVP-Anlass auf ihn verübt wurde. Der 46-Jährige sorgte für Aufsehen, als er in der «Weltwoche» auf fünf Seiten mit dem Koran auseinandergesetzt hatte und zum Schluss kam, dass dieser der «Kern des Übels» sei. Das war Ende 2014. Es folgte ein TV-Interview mit Roger Schawinski, das völlig entgleiste. Die beiden beleidigten sich während einer halben Stunde gegenseitig. Später sagte Schawinski, dass er das Gespräch nach fünf Minuten hätte abbrechen sollen. Geschadet hat die Sendung, die auf der Website von SRF eine halbe Million Mal angeklickt wurde, aber bloss Andreas Thiel. Der Träger des renommierten Kulturpreises Salzburger Stier wurde immer weniger gebucht, in manchen Spielstätten wurde er zur Persona non grata - er, der in den Nullerjahren mit dem Programm «Böser Montag» in Zürichs linksurbanen Kreisen gepunktet hatte. (phz)

Andreas Thiels verbleibende Spieldaten sind hier abzurufen.

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