Die ungeheure Last auf den Schultern eines einzigen Menschen

«Darkest Hour» zeigt Winston Churchill und Grossbritannien in den Tagen grösster Not.

Ein Premierminister in Gewissensnot. Winston Churchill (Gary Oldman) in der dunkelsten aller dunklen Zeiten.

Ein Premierminister in Gewissensnot. Winston Churchill (Gary Oldman) in der dunkelsten aller dunklen Zeiten.

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Jahrelang hatte der britische Premierminister Neville Chamberlain mit seiner Politik des Appeasements einem bewaffneten Konflikt mit Hitlers Nazi-Deutschland aus dem Weg zu gehen versucht. Immer weitere Zugeständnisse hatte die britische Regierung gemacht. Alles für die Katz. Anfang September 1939 brach Hitler den Zweiten Weltkrieg vom Zaun. Und als er am 10. Mai 1940 seinen Westfeldzug begann, zeigten sich die Armeen der Alliierten der Wehrmacht rasch hoffnungslos unterlegen. Die Hoffnung, Frankreich sei ein starker Partner oder man selber tüchtig genug, um Hitler zu bremsen, verflog im Nu.

Chamberlains Weg hatte in die Sackgasse geführt. Er trat am 10. Mai 1940 zurück, blieb aber innerhalb der Konservativen (Tories) eine zentrale Figur mit grossem Einfluss.

Geschichte historischer Tage

Seine Nachfolge als Premier trat Winston Churchill an. Der hatte seit dem Beginn des Jahrhunderts schon verschiedene hohe Ämter belegt, war unter anderem Erster Lord der Admiralität gewesen, Handels- und Innenminister, hatte aber schon verschiedentlich böse Niederlagen einstecken müssen, auch als Militärstratege. Frisch an der Macht, sah er sich der vielleicht schwersten Bewährungsprobe überhaupt ausgesetzt. Angesichts der Gefahr, dass das britische Expeditionskorps nahezu vollumfänglich am Strand bei Dünkirchen aufgerieben werden könnte und Grossbritannien in der Folge fast ohne Schutz dastünde, tauchte im Kriegskabinett die Frage auf, ob es nicht gescheiter wäre, in Geheimverhandlungen einen Friedensvertrag mit Deutschland zu vereinbaren.

Churchill, sich bewusst, dass sein Rückhalt in der Partei nicht enorm stark war, dass auch der König ihm eher misstraute, kam in grösste Gewissensnot. Sollte es ihm nicht gelingen, mit der «Operation Dynamo» so viele britische Soldaten wie irgend möglich dank einer Armada von Zivilschiffen sofort zurück nach England zu holen, hatte er denkbar schlechte Karten. In den Tagen Ende Mai 1940 – Belgien und die Niederlande hatten bereits kapituliert, Frankreich stand kurz davor – durchlebte er die dunkelsten Stunden.

Der Film «Darkest Hour» von Regisseur Joe Wright erzählt die Geschichte dieser historischen Tage. Er setzt ein mit der Abwahl Chamberlains und endet mit der Rede Churchills im Parlament, mit der er Grossbritannien auf Krieg und kompromisslosen Widerstand einschwört. «Herr Hitler» ist dabei nicht das einzige Problem Churchills. Solange Neville Chamberlain (Ronald Pickup) und sein ebenso verschlagener wie getreuer Gefolgsmann Lord Halifax (Stephen Dillane) Mitglieder des Kriegskabinetts sind, drohen sie laufend Churchills Politik zu torpedieren. Von ihnen stammt denn auch die Idee, Geheimverhandlungen aufzunehmen.

Wright zeigt clever, wie Churchill an den Punkt gelangt, an dem er zu kippen droht. Zu gross scheint der Widerstand, zu bedrohlich die Gefahr auf der anderen Seite des Channels, zu untragbar die Verantwortung für all das Leid, das zweifellos kommen wird, wenn England trotz vermeintlich schlechtester Karten sich widersetzt. In dieser dunkelsten aller dunklen Stunden taucht unerwartet König George VI. (Queen Elizabeths Vater) bei Churchill auf …

Sieht man sich den britischen Schauspieler Gary Oldman an, kann man sich kaum vorstellen, wie der als Winston Churchill durchgehen soll. Sein Gesicht hat nie und nimmer dieses Fleischige, Runde, fast Babyhafte, wie man es von den vielen Fotos kennt.

Oldmans perfekte Leistung

Und dann sieht man Oldman in den ersten Szenen von «Darkest Hour» und – sieht Churchill. Oldman hat unlängst in der «Tonight Show» des amerikanischen Senders NBC erzählt, wie er jeden Morgen dreieinhalb Stunden in der Maske sass, bis aus ihm der britische Kriegspremier geworden war. Das ist beeindruckend. Aber es ist nur ein Teil der handwerklichen Kunst. Oldman ahmt auch Churchills Mimik, seine Stimme und Sprache perfekt nach. Diese Leistung alleine macht den Film sehenswert.

Wie detailverliebt alles auf das Jahr 1940 getrimmt wurde, kommt dazu. Eine Handlung, die an Brisanz und Spannung nichts vermissen lässt, auch. Hat man Christopher Nolans «Dunkirk» im Kopf und sieht «Darkest Hour», erhält man das perfekte Ergänzungsstück. Nolan porträtierte den Mut und die Verzweiflung des unbekannten Soldaten, Wright zeigt die ungeheure Last auf den Schultern eines einzigen Menschen.

Richtiggehend ärgerliche Szene

Ob der Besuch von King George VI. (ein sensationell guter Ben Mendelsohn!) bei Churchill so stattgefunden hat, darf bezweifelt werden, aber es ist der künstlerischen Freiheit des Drehbuchautors Anthony McCarten überlassen, dies so darzustellen. Wirklich unnötig, geschmäcklerisch und richtiggehend ärgerlich – vor allem in Anbetracht der Güte des Rests – ist eine Szene, in der sich Churchill unter das Volk mischt. Humbug.

Was vielleicht stattdessen noch klarer hätte herausgearbeitet werden können: Am Ende ist es nicht zuletzt aristokratischer Dünkel, der Churchill zum Durchhalten bringt. «Herr Hitler» ist für ihn letztlich ein «Anstreicher», nichts anderes. Dazu muss man wissen, dass Churchills Grossvater der 7. Duke of Marlborough war und somit Teil des britischen Hochadels.

Kristin Scott-Thomas als Churchills Frau Clementine und Lily James als seine Sekretärin Elizabeth Layton sorgen für das weibliche Element in diesem Männerfilm. (Basler Zeitung)

Erstellt: 10.01.2018, 10:50 Uhr

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