Die vielen kleinen Katastrophen

Am Filmfestival in Locarno ragt Chantal Akermans Porträt «No Home Movie» heraus. Und «Heimatland» erzählte finstere Geschichten aus dem Krisenherd Schweiz.

In «Heimatland» fantasierten zehn junge Regisseure eine Schweiz, die von einer riesigen Wolke überdeckt wird.


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Der Wind schüttelt einen Busch, ein, zwei Minuten, länger. Ist da was? Es ist etwas, nämlich eine Spezialität von ­Locarno: der Terrariumfilm. Er zeigt die Welt in ausgewählter Ereignislosigkeit. Man starrt und denkt: Liegt da eine Schlange auf dem Ast? Aber nie hats eine Schlange. Dafür sitzen wir im Kino der Geduld, von dem der US-Regisseur James Benning sagt, es vermittle Bedeutung durch Dauer (und von dem andere sagen, wenn es so lange dauere, sei ihnen die Bedeutung auch egal).

Da kann prätentiöser Stillstand herrschen, aber zuweilen entsteht so etwas wie eine Semantik aus Strenge. Wie in Chantal Akermans «No Home Movie» im Wettbewerb, dem Porträt der 86-jährigen Mutter der Filmemacherin. Nach ihrer Flucht von Polen nach Belgien wurde die Jüdin nach Auschwitz deportiert, überlebte aber. Im Videoessay tappt sie durch ihre Brüsseler Wohnung und plaudert mit der Tochter über Privates und Banales. Die Nazis werden zwischen Gewürzgurken erwähnt, und man erahnt da nur den Schmerz, der diese Frau im Alltag verfolgt. Diesen zeigt uns Chantal Akerman in langen Einstellungen, man erlebt dabei die Zärtlichkeit zwischen Mutter und Regisseurin wie auch die Verlorenheit einer alten Frau, deren Tochter stets unterwegs ist.

Gewaltige Endzeitbilder

Die eigene Mutter war seit je Thema im Werk der Belgierin, in «No Home Movie» entsteht noch einmal eine rührende ­Intimität. Aber der Mutter geht es im ­stationären Routineleben immer schlechter. Akerman kontrastiert es mit ihrer eigenen Nomadenexistenz und übersteuerten Aufnahmen von ihrer ­Israelreise. Das Gelobte Land wirkt da wie die ewige Ödnis, und das Protokoll einer Liebe verwandelt sich ins Zeugnis einer desolaten Todesnähe. Es ging einem erst später auf, wie himmeltraurig schön «No Home Movie» ist: kein Home-Movie für die erbauliche familiäre Gedenkkultur. Sondern ein Film darüber, «no home» zu haben, den Halt zu verlieren in der Identität und in der Welt. Mit dem Bild einer leeren Wohnung endete der Film – aber begonnen hatte er mit dem vom Wind geschüttelten Busch, der nicht einknickte.

Und erst dann verwehte es die ganze Schweiz. In «Heimatland» fantasierten zehn junge Regisseure eine Schweiz, die von einer riesigen Wolke überdeckt wird. Am Himmel bahnte sich die ­Roland-Emmerich-Katastrophe an, und am Boden wurde die Gefahr gebrochen in vielerlei Seelendramen über die ­Humanität im Ausnahmezustand. Eine Polizistin träumte von einem Toten, ein Paar ging auseinander. In der Innerschweiz wurde eine Bürgerwehr gegründet und im Supermarkt anständig geplündert. Die EU machte die Grenzen dicht aus Angst vor Schweizer Flüchtlingen, denn diese Wolke bedeckte nur unser Land. So wurde aus dem Mosaikfilm unter der Leitung von Jan Gassmann und Michael Krummenacher eine gut verständliche politische Parabel.

Es war eine heroische Montagearbeit; weitmaschig verwoben und wechselhaft, was Intensität und Qualität der Episoden anging. Es war der Film einer Netzwerkgeneration, die kein Zentrum und keine Peripherie mehr hat, sondern nur noch mehr oder weniger reissfeste Knotenpunkte. Und wenn es gewaltige Endzeitbilder gab und sich manchmal ein Glutkern aus dramatischen Splittern bildete, so blieb vor allem der Eindruck, dass «Heimatland» eine Botschaft hat.

Da ging einem alles sofort auf. Im Kino aber gibt es nichts Unbedrohlicheres als das. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 11.08.2015, 11:03 Uhr

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