«Ein plus eins ergibt drei»

Carlo Chatrian, der Leiter des Filmfestivals Locarno, mag Action im Kino. Aber noch mehr will er das Publikum herausfordern.

Der 44-jährige Filmkenner aus Italien ist dieses Jahr zum vierten Mal künstlerischer Leiter des Filmfestivals von Locarno. Kürzlich hat er seinen Vertrag bis 2020 verlängert: Carlo Chatrian.

Der 44-jährige Filmkenner aus Italien ist dieses Jahr zum vierten Mal künstlerischer Leiter des Filmfestivals von Locarno. Kürzlich hat er seinen Vertrag bis 2020 verlängert: Carlo Chatrian. Bild: Keystone

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Sind Sie ein Actionfan?
Kein grosser, aber ich mag Actionfilme sehr wohl. Oft sind sie sehr gut gemacht, und die Story funktioniert. Für uns hängt es vom Lancierungsdatum des Studios ab, ob wir solche Filme zeigen können. Da «Jason Bourne» im August anläuft, passt es. Und ich bin sehr glücklich darüber, der Film ist richtig gut.

Paul Greengrass hat seinen eigenen Stil, ist er ein Autorenfilmer?
Der Autor ist der, der Kontrolle über alles hat. Paul Greengrass ist eher jemand, der einem Konzept seinen Stempel aufdrückt. Insofern ist er vielleicht ein Autor. Manche finden ja, Tony Scott, der Regisseur von «Top Gun», sei der grösste Filmautor der letzten 20 Jahre. Was mich an dieser Art Actionkino am meisten beeindruckt, sind die Schauspieler und die Geschichte. Den Autorenfilm verstehe ich eher im Sinne der Nouvelle Vague. Greengrass drückt sich anders aus, vielleicht sogar subtiler, weil er stärker in Beziehung zur Filmsprache steht als zur Story selbst. Die folgt ja immer einem bestimmten Muster.

Der Reiz von Locarno ist doch gerade eine Art Umkehrung: Man merkt wieder, dass einen angeblich schwierige Filme unterhalten können – und achtet dafür beim Mainstream mehr auf die Form.
Absolut, ich würde sogar noch weiter gehen: Das Festival wird heute Abend mit einem Zombiefilm eröffnet, und zum Abschluss zeigen wir einen Bollywoodfilm. Ich kann Ihnen versichern: Dieses Genre entspricht nicht meinem Geschmack. Aber wenn man ein Festival programmiert, gilt die Regel: Eins plus eins ergibt drei. Bringt man Verschiedenes zusammen, entsteht ein Mehrwert.

Selbst Kritiker wählen in der heutigen Filmflut jene Titel aus, die Unterhaltung versprechen. Kämpfen Sie auch dagegen an?
Es stimmt: Heute sind die Möglichkeiten, sich schwierige Filme anzusehen, viel grösser. Aber gleichzeitig wird die Wahrscheinlichkeit, dass man es tatsächlich tut, kleiner. Das ist die paradoxe Regel: Will man das Angebot reduzieren, bietet man viel an. Vor einem Regal mit tausend Biskuits wird man aus den drei Marken auswählen, die im Markt am besten positioniert sind. Die Aufgabe von Locarno liegt darin, die weniger bekannten Filme hervorzuheben.

Wobei dann noch genug Leute über «sperrige» Locarno-Filme stöhnen.
Der französische Regisseur Bruno Dumont hat mir einmal gesagt: Durch Langeweile entsteht auch etwas. Eine andere Erfahrung, die den Sinn für Details schärft. Ich hoffe, dass Unterhaltung nicht bedeutet, dass man nicht denken muss. Schaltet man das Hirn aus, verliert man die Beziehung zu seinen Gefühlen. Und um Gefühle gehts im Kino.

Hat Locarno ein besonders wagemutiges Publikum?
Locarno sieht sein Publikum als cinephile Gemeinschaft, das unterscheidet uns von anderen Festivals, die sich mehr am Markt orientieren. Man ist Teil dieser Gemeinschaft, sobald man mit anderen im Kino sitzt. Man kann sich auch dagegen wehren, dazuzugehören. Man lacht nicht in einer Komödie, obwohl alle lachen. Aber das ist eine sehr harte Entscheidung. Nur: Gerade weil man es mit einer Community und weniger mit Profis zu tun hat, funktioniert Locarno mehr als Festival als etwa Cannes.

Im Sommer lancieren die Studios ihre Blockbuster, im Herbst starten eher Autorenfilme. Ist das Zurich Film Festival für solche Herbstfilme besser positioniert als Locarno?
Die Festivals von Locarno und Zürich sind sehr verschieden. In Locarno zeigen wir Weltpremieren von Filmen, die teilweise noch keinen Verleiher haben. Zürich ist erfolgreich mit Vorpremieren für den Schweizer Kinostart. Und weil das Festival Ende September stattfindet, gleich nach den Festivals von Toronto und San Sebastián, können diese Filme nach Zürich weiterreisen. Aber ich möchte aus Locarno kein Zurich Film Festival machen. Es würde jede Entdeckerfreude verlieren. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 03.08.2016, 08:37 Uhr

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