«Es ist unser Pech, dass der Film über uns läuft»

Der Filmverleih Alabella brachte den umstrittenen Erdogan-Film «Reis» nach Zürich – trotz aller Bedenken.

Läuft in einem Zürcher Kino: Szene aus dem Film «Reis».

Läuft in einem Zürcher Kino: Szene aus dem Film «Reis».

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Die Alabella GmbH verleiht «Reis» in der Schweiz. Haben Sie den Film vorher gesehen?
Nein. Wir bringen öfter Filme ins Kino, ohne sie gesehen zu haben. Alabella hat die Vertriebsrechte für die meisten türkischen Filme in der Schweiz. Es gibt eine Person, die für den Vertrieb in Europa zuständig ist und sich diese Filme anschaut. Wir übernehmen diese Auswahl für den Schweizer Markt.

Sie haben sich also keine Gedanken zu «Reis» gemacht?
Doch. Man hat uns gefragt, ob wir die Gala veranstalten wollen. Das wäre eine feierliche Premiere gewesen in Anwesenheit der Schauspieler, die den Film präsentieren. Aber wir haben abgesagt. Wir wollen nicht in die Nähe von Erdogan gerückt werden, seine Ansichten entsprechen nicht unserer Philosophie. Es ist unser Pech, dass dieser Film auch über uns läuft. Aber er ist nur in einem Zürcher Kino zu sehen, und wir haben keinerlei Werbung gemacht.

Mitte April wird in der Türkei darüber abgestimmt, ob Erdogan mehr Macht erhalten soll. Ist der Film Teil einer Propagandaktion?
Wir zeigen sicher keine Propagandafilme, aber mich stört der Zeitpunkt auch. Der Film sollte erst im Dezember herauskommen, aber dann wurde der Termin vorverschoben. Erdogan macht das ja immer so. Dass «Reis» gerade jetzt anläuft – indirekt ist das wohl schon als Propaganda zu verstehen. Aber wir betrachten das einfach aus Geschäftssicht.

«Reis» wurde offiziell nicht vom Staat unterstützt. Stimmt das?
Ich weiss nur, was mir jemand von der Produktionsgesellschaft sagte: Erdogan hat den Film ein paar Mal gesehen und einige Szenen ändern lassen.

Er hat Zensur ausgeübt.
Natürlich.

Und Ihnen ist nicht unwohl dabei, «Reis» in Zürich zu zeigen?
Letztlich ist es ein Film, wie einer über Hitler oder Mussolini. Es gibt halt Leute, die Erdogan mögen, und die sollen «Reis» sehen dürfen. Es gibt auch Kollegen von uns, die im April für ihn stimmen werden, auch wenn sie vielleicht nicht genau wissen, was sie da tun. Es wäre aber nicht richtig, wenn wir uns weigern würden, den Film zu zeigen. Sonst wären wir genau wie die Anhänger der Erdogan-Partei AKP. Sicher werde ich aber im April Nein stimmen!

Sprechen Sie mit «Reis» Ihr Stammpublikum an?
Nein. Man hat im «Tagesschau»-Bericht ein junges Paar gesehen, sie trug einen Schleier. Es ist halt so: Je religiöser, desto Erdogan-treuer. Viele Junge sind mit Erdogan aufgewachsen, sie kennen nichts anderes. Ihre Eltern sind strenggläubig, oder sie profitieren geschäftlich von der AKP. Ihre Kinder haben dann oft eine ähnliche Einstellung. Auch in der Schweiz – sie saufen oder sind gegen die SVP, aber dafür wählen sie zu Hause Erdogan. Es ist der Macho-Stil von jenen, die einen Komplex haben gegenüber Europäern und sich hier vielleicht auch ausgeschlossen fühlen.

Wie viele Zuschauer hatte der Film am ersten Wochenende?
Am Donnerstag waren es 2, am Freitag 26, am Samstag 52 und am Sonntag 108. Insgesamt also 188.

*Der Mitarbeiter von Alabella wollte nur anonym Auskunft geben. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 06.03.2017, 21:04 Uhr

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