Frauen ans Gewehr

«Godless» ist eine tolle Westernserie mit ungewöhnlicher Rollenverteilung

Wehrhaft, mutig und unbeirrbar. Mary Agnes (Merrit Wever) und Alice Fletcher (Michelle Dockery, rechts) kämpfen gegen den Outlaw Frank Griffin.

Wehrhaft, mutig und unbeirrbar. Mary Agnes (Merrit Wever) und Alice Fletcher (Michelle Dockery, rechts) kämpfen gegen den Outlaw Frank Griffin. Bild: Netflix

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Was macht Lady Mary Crawley aus «Downton Abbey» im Wilden Westen? Schiessen natürlich, und zwar scharf. Hat man sich an eine Schauspielerin oder einen Schauspieler in einer über Jahre laufenden Serie erst mal gewöhnt – vor allem, wenn sie die Rolle so perfekt ausfüllt wie Michelle Dockery jene der Mary Crawley –, ist ein Umgewöhnen nicht einfach. Fällt der Rollenwechsel aber reichlich krass aus, hilft das.

In der siebenteiligen Westernserie «Godless», die der Streamingdienst Netflix Ende letzten Jahres aufgeschaltet hat, ist Michelle Dockery die taffe Farmerin Alice Fletcher. Sie lebt ausserhalb von La Belle, New Mexico, zusammen mit der Indianerin Iyovi (Tantoo Cardinal) und ihrem Sohn Truckee (Samuel Marty), dessen Vater offensichtlich auch Indianer ist.

Eines Nachts taucht ein Schwerverletzer auf. Alice ist misstrauisch, schiesst ihn an, pflegt ihn nachher aber gesund. Bei dem Mann handelt es sich um Roy Goode (Jack O’Connell). Er gehörte zur Bande des gefürchteten Outlaw Frank Griffin (Jeff Daniels), hat sich aber gegen diesen gestellt und wird nun von Frank und dessen Männern gesucht.

Der Auftakt von «Godless» – gottlos – etabliert in aller Deutlichkeit, wie brutal Griffin und seine Bande sind. Ein kleines Städtchen wurde völlig ausradiert, nur weil man dort Roy Goode vermutete. Und Griffin droht, allen Dörfern in der Gegend werde das Gleiche geschehen, sollten sie Goode helfen.

Absehbarer Showdown

Regisseur und Drehbuchautor Scott Frank baut die Geschichte, für die er sich insgesamt mehr als sieben Stunden Zeit gönnt, schön auf. Die Verwicklungen sind allerdings relativ schnell absehbar, der Showdown auch. Selbstverständlich werden sich Roy Goode und Alice Fletcher näherkommen, selbstverständlich spielt auch Truckee, der dringend eine Vaterfigur in seinem Leben braucht, eine Rolle. Und selbstverständlich wird Frank Griffin früher oder später Wind davon bekommen, wo Roy Goode steckt – und dann droht dem Minenstädtchen La Belle alles Wüste.

Insofern ist «Godless» nicht eine Neuerfindung des Western. Scott Frank aber ist offensichtlich ein Fan dieses Genres. Das erkennt man unter anderem an einer Kamerafahrt: Sie führt über ein Haus hinweg in die Totale. So hat einst Sergio Leone in «Spiel mir das Lied vom Tod» quasi aus Sicht von Claudia Cardinale den Blick auf ihre neue Umgebung künstlerisch umgesetzt. Und wenn die Kamera in einer Szene bildschirmfüllend auf die Augen von Roy Goode zoomt, so fällt einem unwillkürlich das Duell zwischen Charles Bronson und Henry Fonda am Ende des Westernklassikers von Leone ein.

Eine markante Umkehr der gängigen Westernmuster aber sticht bei «Godless» heraus: Weil bei der Explosion in der Silbermine von La Belle nahezu alle Männer des Dorfs ihr Leben verloren, ist es seither in Frauenhand. Als Frank Griffin mit seinen Männern im Anzug ist, bleibt den Frauen nichts anderes übrig, als sich zu bewaffnen und sich der Horde Outlaws zu stellen. Starkes Geschlecht!

Scott Frank variiert das Tempo geschickt. Auf Action folgt meist eine Szene, die der Charakterentwicklung der wichtigsten Figuren dient. Der Regisseur vergisst auch nie, wo er dreht: Seine Kulisse ist eine der malerischsten Landschaften Nordamerikas. Bilder des weiten Horizonts, der mächtigen Wolkenberge und der menschenleeren Natur flicht er immer wieder ein.

Neben Michelle Dockery – mit ihrer tiefen, markanten Stimme macht sie sich gut als Alleinerziehende im Jahr 1880 – ist Jeff Daniels der einzige andere Schauspieler von Rang und Namen in «Godless». Die frischen, unverbrauchten Gesichter aber mindern den Reiz dieser Serie nicht etwa, im Gegenteil. Die grösste Entdeckung ist dabei Merrit Wever als unbeirrbare, standhafte und mutige Mary Agnes. Sie ist mit der Winchester mindestens so treffsicher wie Alice Fletcher. (Basler Zeitung)

Erstellt: 06.03.2018, 14:51 Uhr

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