«Je mehr Technologie, desto besser»

Der weltbekannte Filmkomponist Hans Zimmer über seine «Symphonic Tour», die bald nach Basel kommt, Wagner und Mozart.

Batman und Beethoven. Hans Zimmer lässt sich beim Komponieren auch von Wiener Klassikern inspirieren.

Batman und Beethoven. Hans Zimmer lässt sich beim Komponieren auch von Wiener Klassikern inspirieren. Bild: Keystone

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Hans Zimmer (61) ist neben Ennio Morricone und John Williams der bekannteste lebende Filmkomponist. Er hat die Musik zu «Gladiator», «Pirates of the Caribbean» und anderen Blockbustern geschrieben, wurde mehrfach für einen Oscar nominiert und hat ihn für «Lion King» auch schon bekommen. Zimmer hat eine bewegte Biografie: Seine Mutter flüchtete im Zweiten Weltkrieg als jüdische Frau vor den Nazis nach England, kehrte aber später nach Deutschland zurück. So wuchs Hans Zimmer in Frankfurt am Main auf und zog jung nach London, um da zunächst Werbemusik und Radio-Jingles zu schreiben und als Assistent des Filmmusikers Stanley Myers zu arbeiten. Der grosse Durchbruch gelang ihm Ende der 80er-Jahre mit der Musik zu «Rain Man». Wir haben den Komponisten im Rahmen seiner neuen Konzerttournee, die am Mittwoch in Basel haltmacht, zum Interview getroffen. Das Gespräch fand mit weiteren Journalisten in einem Londoner Hotel statt.

BaZ: Herr Zimmer, wann waren Sie zuletzt an einem klassischen Konzert?

Hans Zimmer: Etwa vor drei Monaten, da wurde Strawinsky gespielt.

Finden Sie das Konzept solcher Konzerte überholt? Sie gehen ja auf Ihrer aktuellen Tournee mit sinfonisch arrangierter Filmmusik etwas andere Wege.

Ich finde, klassische Konzerte haben durchaus ihren Platz. Was mich angeht, so hab ich ja bisher zwei verschiedene Tourneen gemacht. Die erste vor einigen Jahren war mit einer Rockband. Ich wollte damals keinen Dirigenten. Also niemanden, der vorne steht und den ganzen Abend dem Publikum den Rücken zukehrt, das ist ja langweilig. Aber die Zeit verging, und irgendwann kam die Idee auf, ein Orchester wie in der Klassik zu benützen und dabei den Kern der Filmmusik zu bewahren.

Wobei das Orchester auf Ihrer «Symphonic Tour» in Arenen spielt, elektrisch verstärkt ist und mit «klassikfremden» Instrumenten ergänzt wird.

Ja, das ist ein grosser Unterschied zur Klassik. Da herrscht noch immer die Auffassung vor, dass zum Beispiel ein Synthesizer nicht in ein klassisches Konzert hineingehöre. Aber das ist aus meiner Sicht ein Denkfehler. Eine Geige ist ja auch nichts anderes als Technologie. Ich würde auch nicht zwischen alten und modernen Instrumenten unterscheiden wollen. Wir verbinden schlicht die Technologie einer Zeit mit der Technologie einer anderen. Je grösser die technischen Möglichkeiten, desto besser.

Anders als bei der ersten Tournee sind Sie diesmal nicht physisch anwesend. Hat es Sie nicht gereizt, Ihre Musik zu dirigieren? Trauen Sie sich das nicht zu? Oder plagt Sie das Lampenfieber?

Ich habe meine Bühnenangst tatsächlich nie ganz überwunden. Ich habe aber auf der letzten Tour gelernt, sie als einen Teil von mir zu akzeptieren. Man darf sich nicht von der Angst leiten lassen. Ich würde sogar sagen: Adrenalin ist bisweilen die beste Droge! Zudem liebe ich es, von befreundeten Musikerinnen und Musikern umgeben zu sein. Aber diese Show ist nun mal ganz anders als die letzte, es ist jetzt im Grunde die Show von Gavin Greenaway …

… dem Dirigenten der Tour.

Ja, Gavin und ich arbeiten schon sehr lange zusammen. Ich schreibe etwas, und er verbessert es mit Blick auf das Orchester. Was ich den Musikern nur bruchstückhaft erklären kann, vermittelt er intuitiv und exakt. Gavin kriegt es hin, aus meinem Krach Musik zu machen! Vor allem aber geht es beim Konzert um Kommunikation. Kommunikation zwischen den Musikern sowie zwischen Publikum und Orchester. Das ist zentral. Damit dies gelingt, braucht es einen Dirigenten, der die Waage zwischen Leidenschaft und Präzision halten kann. Gavin kann das, während ich eher dem Typus Punkrock-Gitarrist angehöre, auf Katastrophe aus bin.

Für die Tournee wurden Filmmusik-Auszüge neu arrangiert. Was war Ihnen dabei wichtig?

In letzter Zeit wimmelt es ja nur so vor Filmmusik und Konzerten wie «Hans Zimmer vs. John Williams», die im Grunde weder mit mir noch mit John etwas zu tun haben. Wir haben den Vorteil, dass wir uns bei unseren Arrangements quasi auf den Urtext abstützen können.

Wie sind Sie vorgegangen?

Ich hab ja so meine eigene Arbeitsweise. Ich komponiere Filmmusik in einem ersten Schritt eigentlich immer, ohne die Filme anzusehen, schreibe gewissermassen meine eigene Geschichte mit den Mitteln der Musik. So entstehen lange Stücke, auf die wir nun für das Konzert wieder zurückgreifen können. Wir mussten nur einige Dinge anpassen, wie zum Beispiel bei der Musik aus «Hannibal», wo wir die Zahl der Celli von ursprünglich 28 Celli auf 12 reduziert haben.

Für Ihre Musik zapfen Sie verschiedene Quellen an – Geräusche, Elektronik, World Music – und verarbeiten diese zu einem Ganzen. Kaum einem anderen Filmkomponisten ist dies so früh und so radikal gelungen wie Ihnen. Sehen Sie sich als Pionier?

Ich sehe mich insofern als Pionier, als dass ich als Komponist gern zum Hörer greife, die Sound-Effekt-Leute anrufe und sie bitte, doch mal rüberzukommen, um sich anzuhören, was ich gerade mache, und mir zu zeigen, womit sie beschäftigt sind. Was ich damit sagen will: Um einen guten Film zu machen, braucht es einen holistischen, ganzheitlichen Zugang, alle müssen mitdenken. Die Person, mit der ich am meisten rede, ist dabei der Kameramann. Denn ich muss wissen, welche Farben ihm wichtig sind. Farben und Sound gehen zusammen.

Im Kriegsepos «Dunkirk» gibt es eine Szene am Schluss, in der man ein britisches Militärflugzeug geräuschlos am Himmel segeln sieht. Dazu ist eine Musik zu hören, die nach Wagner klingt – genauer gesagt nach dem Vorspiel aus der «Lohengrin»-Oper. Diente dieses tatsächlich als Vorbild?

An Wagner habe ich bei dieser Szene bestimmt nicht gedacht!

Wagner war Antisemit und wurde von den Nazis zu Propaganda-Zwecken missbraucht. Seine Musik zur Landung der Alliierten im Nazi-besetzten Frankreich zu zitieren, wäre denkbar unpassend gewesen. Aber die Klangfarben wie auch die Intervallstrukturen mit emphatischem Quartsprung sind doch verblüffend ähnlich.

Ich glaube, ich verstehe, was Sie meinen. Im «Lohengrin» wie in «Dunkirk» geht es um himmlische Weiten, um etwas Luftiges, und in beiden Fällen ist ein heller Streicherklang zu hören. Ich muss auch sagen, dass ich Wagners «Lohengrin» sehr gut mag. Es ist also möglich, dass ich mich unbewusst davon habe inspirieren lassen. Aber Wagner lag mir in dem Moment eigentlich ziemlich fern.

Es heisst, Wagner habe mit seinem Opernpathos der Filmmusik den Weg bereitet. Wie halten Sie es sonst so mit ihm?

Er war ein guter Komponist, aber ein Scheissmensch, wenn ich das so sagen darf. Ich habe seine Musik spät kennengelernt. Bei uns zu Hause, in unserer deutschen Ordentlichkeit, hörte man keinen Wagner; meine Eltern fanden die Musik kitschig. Erst in England hab ich sein Werk entdeckt und stellte fest: Toll, das ist ja Filmmusik! Wagner hat ja eine Art Heldenmusik geschrieben. Zudem interessierte mich die Idee des Gesamtkunstwerks, die ja quasi Wagners Erfindung ist. Vielleicht kann man sagen: Das Gesamtkunstwerk des 19. Jahrhunderts war die Oper, jenes des 20. Jahrhunderts der Film.

Gibt es einen Komponisten, mit dem Sie gerne zusammengearbeitet hätten?

(Überlegt.) Ich bewundere Mozart, Beethoven und viele andere. Jeder kennt zum Beispiel Beethovens fünfte Sinfonie, und jedes Kind kann am Klavier das «Ta da da daaa» imitieren. Woher hat Beethoven gewusst, dass diese simplen Noten so wichtig sind? Dass man aus ihnen eine ganze Sinfonie machen kann? Im Grunde sind es ja nur zwei Noten, g und es. Als ich dann «Batman» gemacht habe, wollte ich es selbst wissen: Schauen wir mal, wie viel Fantasie wir haben – ob wir ausgehend von zwei Noten eine Filmmusik erfinden können. (Basler Zeitung)

Erstellt: 03.11.2018, 10:49 Uhr

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