Jetzt kommt die Filmzensur

Weil sie Gefühle verletzen könnten, werden Filmklassiker aus Kinos verbannt.

Vivien Leigh und Clark Gable in dem legendären Spielfilm «Vom Winde verweht». Der Filmklassiker stellt einen weiteren Zankapfel dar im Ringen um die Political Correctness.

Vivien Leigh und Clark Gable in dem legendären Spielfilm «Vom Winde verweht». Der Filmklassiker stellt einen weiteren Zankapfel dar im Ringen um die Political Correctness. Bild: Keystone

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«Wo wir schon dabei sind, es gibt rassistische und sexistische und homophobische Momente in Filmklassikern, die nicht mehr Klassiker sein sollten.» Dieser Tweet des prominenten US-Filmproduzenten John Levenstein («Silicon Valley») im Zuge der Debatte um die Konföderierten-Statuen in den USA schlug neulich hohe Wellen. Als wenig später Kinobetreiber in Tennessee eine Vorführung des Kultstreifens "Vom Winde verweht" absagten, war für viele klar: Erst die Statuen herunterreissen, dann die Filme zensurieren. Filmklassiker stellen heute einen weiteren Zankapfel dar im Ringen um die Political Correctness.

Die Kontroverse schwelt schon länger. Angefacht wurde sie von linksliberalen Kreisen in den USA, die fordern: Filmklassiker mit "rassistisch gefärbtem Inhalt" sollten nicht länger als Klassiker eingestuft und am besten auch nicht mehr im Kino vorgeführt werden.

Der Film bildet ein Stück Geschichte ab, derer wir uns heute zu Recht schämen. Auslöschen können wir sie nicht.

Prominentestes Beispiel ist das Südstaaten-Epos «Vom Winde verweht» (1939). Es spielt während des amerikanischen Sezessionskrieges und ergründet die romantischen Verstrickungen der Scarlett O’Hara mit Rhett Butler und Ashley Wilkes - eine der wuchtigsten Darbietungen der Facetten der Liebe, die je verfilmt wurden. Manche sehen es anders: Ein Artikel von Spiegel Online von 2014 beschreibt die "Schwulstoper" als eines der rassistischsten Machwerke Hollywoods: «Amerikas Rassismus lebt weiter fort – und wer wissen will, wie das passieren kann, der muss sich nur ‹Vom Winde verweht› antun, jene Ode an die gute alte Sklavenzeit.» Gemäss der britischen Zeitung The Independent sagte ein Kino in Memphis, Tennessee jüngst ein Screening des Klassikers ab: «Das Orpheum kann keinen Film zeigen, der gegenüber einem grossen Teil seiner lokalen Bevölkerung unsensibel ist», so die Betreiber.

Ja, die Botschaft des Films ist rassistisch gefärbt. Und ja, er glorifiziert die Sklaverei, bildet ein Stück Geschichte ab, das entmenschlichend war, derer wir uns heute zu Recht schämen. Auslöschen können wir sie nicht. Der Film ist dennoch in seinem Plot, der Umsetzung und der technischen Machart von historischer Bedeutung, wird von Millionen Menschen verehrt und – auch nach der dreissigsten Wiederholung – gerne gesehen. Und: Er ermöglichte afro-amerikanischen Schauspielern das Mitwirken im Filmgeschäft – einer der zehn Oscars ging erstmals an eine schwarze Schauspielerin, an Hattie McDaniel als beste Nebendarstellerin.

Den Vorwurf der ethnischen Stereotypisierung muss sich auch «Breakfast at Tiffany's» (1961) gefallen lassen. Wegen des von Mickey Rooney mit getapten Augenliedern, Hasenzähnen und einem überzogenen Akzent gespielten Charakter eines Japaners fordern Aktivisten regelmässig, den Streifen von der Liste der Klassiker zu kippen. Erfolglos – in der AMC-Auflistung «50 Greatest Romantic Movies» rangiert er auf Rang 7. Die anhaltenden Diskussionen aber warfen einen kleinen Schatten über Rooneys lange, erfolgreiche Filmkarriere.

Als der wohl rassistischstee US-Film gilt «The Birth of a Nation» (1915). Der über dreistündige Stummfilm erzählt das Leben während des amerikanischen Bürgerkriegs und des Wiederaufbaus im Süden anhand zweier Familien. Der Stoff stösst einem ziemlich sauer auf: Die weissen Südstaatler werden als Opfer dargestellt, unterdrückt und gedemütigt von der erstarkenden schwarzen Bevölkerung, der Ku-Klux-Klan als erlösende Truppe, die sie vor den wilden Schwarzen rettet. Weisse werden durchs Band als intelligent gezeichnet, sympathisch und gut, Schwarze und Mulatten dümmlich, unsympathisch und bösartig. Schwarz geschminkte Weisse spielen die Rollen schwarzer Hauptdarsteller. Der Tiefpunkt: Der Film wurde einst vom Ku-Klux-Klan als Anwerbung für Mitglieder benützt.

Moral ist nicht universell, sie ist gebunden an eine Zeit – was wir heute für moralisch verwerflich halten, war es damals nicht.

Trotz der öffentlichen Debatte – es gab Proteste und in einigen US-Staaten war seine Freigabe verboten worden – war das Epos ein riesiger finanzieller Erfolg. Filmwissenschaftler beschreiben seine künstlerischen und filmtechnischen Innovationen als bahnbrechend und den Film als das «vielleicht bedeutendste und einflussreichste Werk der US-Filmgeschichte». 1998 wurde «The Birth of a Nation» vom American Film Institute in die «Top 100 American Films» gewählt.

Alle drei Filme sind in einer Zeit produziert worden, wo andere moralische Standards und auch eine andere Art von Humor herrschten als heute. Es ist anzunehmen, dass die Filmemacher damit keine bösen Absichten verfolgten. Sie waren keine Rassisten. Meisterwerke, die vor 50, 80 oder 100 Jahren erschaffen wurden, aus dem Kontext der damaligen Zeit zu nehmen und gemäss heutigen Moralstandards zu beurteilen, ist nicht nur als Einwand gegen die künstlerische Freiheit zu werten, sondern auch als Akt moralischer Überheblichkeit. Denn Moral ist nicht universell, sie ist gebunden an eine Zeit – was wir heute für moralisch verwerflich halten, war es damals nicht, oder nicht im gleichen Masse.

Vor allem aber ist es doch das Publikum mit seinen Ticket- und DVD-Käufen, das entscheidet, welches Werk zum Klassiker wird und welchen Film es in den Lichtspieltheatern dieser Welt sehen möchte.

Dieser Beitrag erschien bereits in der Weltwoche.

Hier der Videopodcast zum Thema von Tamara Wernli: (Basler Zeitung)

Erstellt: 05.10.2017, 10:43 Uhr

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